Wundertüte Hockenheim: Deutschland-GP wird zur Lotterie

Weil in Hockenheim erstmals DRS und der Pirelli-Reifen zum Einsatz kommen und das Wetter kaum vorhersehbar ist, wird die PS-Schlacht am Wochenende zu einer Wundertüte.
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20. Juli 2012 - 9:59 Uhr

Ganz Deutschland träumt von einem Heimsieg, doch wer das Rennen am Sonntag gewinnt, ist ungewisser denn je. Weil in Hockenheim erstmals DRS und der Pirelli-Reifen zum Einsatz kommen und das Wetter kaum vorhersehbar ist, wird die PS-Schlacht am Wochenende zu einer Wundertüte – auch der Wechselmodus zwischen Hockenheim- und Nürburgring macht es möglich.

In der vergangenen Saison kurvten die Piloten noch um den Parcours in der Eifel, so dass der zuletzt scharf kritisierte Reifenausrüster Pirelli am Wochenende Neuland betritt. "Die Reifen auf einem uns unbekannten Kurs einzusetzen, ist immer eine besondere Herausforderung", gibt Pirelli-Boss Paul Hembery zu: "Wir haben noch keine Informationen, mit denen wir die aktuellen Daten vergleichen könnten", erklärt der Brite und hofft, aus den Simulationen die richtigen Erkenntnisse abzuleiten. Dies ist heutzutage möglich, doch was die Computer ausspucken, muss sich nicht zwangsweise auf der Strecke bewahrheiten.

Die Teams tappen bei der Reifenwahl also im Dunkeln – und das könnte auch nach dem 1. und 2. Freien Training so sein: Pirelli holt am Freitag den schon eigentlich für Silverstone geplanten Test der harten Slicks nach, die im Rennen aber noch nichts eingesetzt werden dürfen. Entscheiden sich die Rennställe dafür, die neuen Pneus für die kommende Saison zu testen, verlieren sie wichtige Erfahrungswerte, wie sich die üblichen Sätze der normierten weichen und medium Reifen auf der Strecke in Hockenheim verhalten.

Ebenfalls zum ersten Mal im Einsatz kommt das Drag Reduction System (DRS). Michael Schumacher & Co. dürfen ihre Heckflügel auf der langgezogenen Parabolica aktivieren, um sich so einen Vorteil zum Vorausfahrenden zu schaffen. Da die mit Topspeed gefahrene Gerade in die Haarnadelkurve mündet, ist vor allem dort mit packenden Überholmanövern zu rechnen.

Richtige Traktion der Schlüssel zum Erfolg

Rechnen tun auch wieder die Meteorologen – und zwar mit durchwachsenen Witterungen: Die meisten der Wetterfrösche sagen für alle drei Formel-1-Tage zwar Bewölkung, allerdings auch nur eine Regenwahrscheinlichkeit von 20 Prozent voraus. Wenn wir aber eines in den letzten Tagen gelernt haben, dann, dass in diesem Jahr auf den Sommer kein Verlass ist. Die Teams wären also gut beraten, sich mehrere Strategien zurechtzulegen.

Auch der Streckenverlauf in Hockenheim ist eine große Herausforderung für die Teams, denn seit dem Umbau 2002 bietet der Kurs lange Geraden kombiniert mit langsamen und technisch anspruchsvollen Passagen. Für die Mechaniker gilt, die Boliden auf die unterschiedlichen Arbeitssituationen einzustellen, wobei der richtigen Traktion hierbei besonderes Interesse geschenkt werden sollte. Nur so können die Fahrer aus den teilweise extrem langsamen Kurven optimal beschleunigen – vorausgesetzt, die Reifen machen das noch mit.

Anders als die alte Strecke hat der moderne Parcours keine Passagen, die die Reifen stark belasten, erklärt Pirelli-Testfahrer Lucas di Grassi, aber "die Herausforderung für die Pneus entsteht durch die Kombination mehrerer Faktoren: An einigen Stellen wird stark gebremst, dadurch fließt viel Energie durch die Reifen. Und im Motodrom sind die Fahrer auf viel lateralen Grip angewiesen", so der Brasilianer. "Wenn die Reifen abgefahren sind, kann es zu Untersteuern kommen."

Wer das Rennen am Wochenende gewinnt, steht also noch in den Sternen. Blicken wir auf die bisherigen neun Saisonrennen mit sieben verschiedenen Siegern zurück, ist das ja aber schon fast normal. Die Formel 1 ist und bleibt in diesem Jahr eine Wundertüte – das gilt auch für Hockenheim.