Wunderkind: Baby Faustus lebt mit einem halben Herzen

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12. August 2018 - 11:49 Uhr

Weltweit einmaliger Eingriff

Es ist ein kleines Weltwunder: Eine Kombination aus sieben Herzfehlern ist für ein Baby kaum zu überleben. Der kleine Faustus aus Radebeul hat es geschafft – mit Hilfe wagemutiger Mediziner. Jetzt lebt der neun Monate Junge mit nur einem halben Herzen. Kinderkardiologen am Deutschen Herzzentrum München retteten dem Jungen wenige Wochen nach seiner Geburt das Leben – mit einem weltweit einmaligen Eingriff.

Trotz Risiko auf geistige Behinderung: Eltern entscheiden sich gegen Abtreibung

Wer Mutter Fanny und ihren Sohn beobachtet, kann sich kaum vorstellen, welches Drama dahinter steckt: Vergnügt quietscht der kleine Faustus. Ärmchen und Beinchen wirbeln fröhlich durch die Luft, als seine Mutter sich hinunterbeugt und ihren neun Monate alten Sohn auf den Arm nimmt. Die blauen Äuglein blitzen lustig, die flauschigen blonden Haare bilden einen Kamm auf dem Köpfchen. Gierig trinkt der Kleine Wasser aus seinem Fläschchen, um gleich darauf mit der Keksbox zu spielen. Ein ganz normales Baby eben. Doch Faustus ist alles andere als das.

Bereits in der Schwangerschaft deuten sich Probleme an. Die Ärzte sind ratlos, ob ihr Wunschkind lebensfähig sein wird, erinnert sich die 29-jährige Grundschullehrerin. Obwohl auch ein Spezialist in Leipzig nicht weiterhelfen kann, entscheiden sich die Eltern nach dem negativen Test auf eine mögliche geistige Behinderung gegen die Abtreibung.

"Der Professor hat gesagt, dass er das bisher mit Erfolg bei Schweinen gemacht hat, und wir hatten nichts zu verlieren"

HANDOUT - 15.06.2018, Bayern, München: Peter Ewert, Direktor der Klinik für Angeborene Herzfehler/Kinderkardiologie am Deutschen Herzzentrum München, untersucht das Herz des kleinen Faustus mit Ultraschall, während die Mutter Fanny B. zuschaut. Der k
Alles okay: Peter Ewert vom Deutschen Herzzentrum München, untersucht das Herz des kleinen Faustus mit Ultraschall (Foto: Michael Timm/Deutsches Herzzentrum München/dpa ).
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Faustus kommt am 27. Oktober 2017 nur mit einem halben Herz zur Welt, doch er atmet selbstständig. Zur Überraschung aller. "Es war alles in Ordnung soweit", erinnert sich seine Mutter Fanny. Aber schnell stellt sich heraus, dass der Junge keine Milz hat, der Magen an anderer Stelle liegt, sein Herz nur einen großen Vorhof und eine funktionierende Kammer hat und mit der Lunge "falsch verkabelt" ist.

"Es lag eine Kombination mehrerer schwerer Herzfehler vor", sagt der Chef der Kinderkardiologie im Deutschen Herzzentrum München, Professor Peter Ewert. Da die Sauerstoffsättigung des Blutes mit 90 Prozent aber sehr gut war für den "krassen Herzfehler", darf die Familie dennoch nach Hause. Bald aber sind die zarten Blutgefäße überfordert, es kommt zum Blutstau. "Sein halbes Herz schlug zwar, aber der kleine Körper bekam viel zu wenig Sauerstoff."

Eine Operation wäre das Todesurteil für das Baby, das nicht an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden kann. Die Münchner Kinderkardiologen wagen daher einen weltweit einmaligen Eingriff – und retten Faustus das Leben. "Der Professor hat gesagt, dass er das bisher mit Erfolg bei Schweinen gemacht hat, und wir hatten nichts zu verlieren", erzählt die Mutter. Ewert sagt: "Wir haben einfach etwas versucht, was noch nie jemand zuvor gewagt hatte." Mit zwei hauchdünnen Herzkathetern und winzigen Drahtröhrchen schaffen sie die fehlende Verbindung vom halben Herz zu den wichtigen Blutgefäßen, "von denen es durch eine Laune der Natur getrennt war".

Glücksmoment für die Mediziner und das ganze Team

Der Herzspezialist bezeichnet den Eingriff als "wohlüberlegt", räumt aber zugleich ein "nicht ganz kleines Risiko'" ein. Es habe auch einen Punkt gegeben, "wo wir dachten, wir schaffen es nicht". Für das Team war es daher ein Glücksmoment, als ihr Mut am Karfreitag 2018 belohnt wird – und dann bei einem weiteren Eingriff im Juni.

Dem aufgeweckten kleinen Jungen im blauen Body sind die Strapazen der Vergangenheit nicht anzumerken. "Es geht ihm gut", sagt die Mutter. Die Eltern schicken regelmäßig per App die Daten der Sauerstoffsättigung des Blutes an die Münchner Ärzte und gehen alle zwei Wochen zum Check in die Dresdner Uni-Kinderkardiologie. Da die Stents nicht mitwachsen, müssen sie irgendwann erweitert werden. "Das ist jedoch ein weitaus einfacherer Kathetereingriff", sagt Ewert. Nach Einschätzung des Professors hat Faustus die Chance, einigermaßen normal aufzuwachsen, zu spielen, zu toben und zur Schule zu gehen.

"Wer einen Pakt mit dem Teufel schließt, muss auch so heißen"

HANDOUT - 15.06.2018, Bayern, München: Der kleine Faustus ist auf dem Arm seiner Mutter Fanny B. und lässt sich gemeinsam mit Peter Ewert, Direktor der Klinik für Angeborene Herzfehler/Kinderkardiologie am Deutschen Herzzentrum München, porträtieren.
Mutter Fanny B., Sohn Faustus und Mediziner Peter Ewert (Foto: Michael Timm/Deutsches Herzzentrum München/dpa).

Auch sein Mutter ist optimistisch: "Wir glauben, dass er eine lebenswerte Zukunft vor sich hat." Auch wenn er gewaltigen Nachholbedarf hat. "Er lag ja sein bisheriges halbes Leben auf dem Rücken wie ein Käfer und musste sich erholen." Die Muskeln seien weniger ausgebildet. Faustus brauche viel mehr Energie für alles.

Sie packt Faustus trotz der ständigen Angst um ihn nicht in Watte. Ab November soll er in eine integrative Kita, wie sein drei Jahre alter Bruder. "Er ist stark, ein Kämpfer." Lange vor der Diagnose hatte sie seinen Namen ausgewählt, der nun Programm ist: "Wer einen Pakt mit dem Teufel schließt, muss auch so heißen", sagt sie mit Verweis auf Goethe. Die Eltern hoffen, dass Faustus das Glück hold bleibt und er erwachsen werden kann. Drücken wir ihnen und dem kleinen Wunderkind die Daumen!

Quelle: dpa