Wulff: Mailbox-Auszüge aufgetaucht

10. Februar 2016 - 12:24 Uhr

Präsident will offenbar auf Zeit spielen

Weitere 'Salamischeiben' in der Affäre um Christian Wulff: Der Springer-Verlag bestätigte einen Bericht, demzufolge der Bundespräsident vor der Berichterstattung über seinen Hauskauf-Kredit bei Verlagschef Mathias Döpfner nicht nur interveniert, sondern auch gedroht haben soll - ähnlich wie beim 'Bild'-Chefredakteur Kai Diekmann. Neue Details zum Anruf auf dessen Mailbox wurden bekannt. Auch der Gratisurlaub beim Aufsichtsratschef eines Versicherers wirft neue Fragen auf. In der Koalition mehrt sich die Kritik an Wulff – der Druck steigt weiter, doch der Bundespräsident will auf Zeit spielen.

Bundespräsident Christian Wulff
Bundespräsident Christian Wulff: Die Medienaffäre weitet sich aus.
© dpa, Wolfgang Kumm

Wulff selbst ist offenbar zuversichtlich, dass er die Krise bald überstanden haben wird. "In einem Jahr ist das alles vergessen", soll er laut 'Bild am Sonntag' am Freitag bei einem Neujahrsempfang für seine Mitarbeiter gesagt haben. Der Präsident habe versichert, er wolle bis 2015 einen guten Job machen und sei zuversichtlich, "dass dieses Stahlgewitter bald vorbei ist".

Scheibchenweise, aber stetig sickern die neuen Informationen zu Wulffs Wut-Anrufen beim Springer-Verlag durch. Und wieder trägt nicht die 'Bild'-Zeitung selbst die Fakten an die Öffentlichkeit – zumindest nicht offiziell. Der 'Spiegel' berichtet, dass das Staatsoberhaupt vor dem ersten 'Bild'-Bericht über seinen Privatkredit bei Döpfner zunächst - wie bei Diekmann - auf die Mailbox gesprochen hat. Es sei die Rede gewesen von einer 'Bild'-Kampagne und ungerechtfertigter Skandalisierung, schreibt das Magazin und verweist auf Angaben aus dem Springer-Verlag, in dem das Boulevardblatt erscheint. Döpfner habe Wulff zurückgerufen und einen aufgebrachten Präsidenten am Telefon gehabt, der sehr deutlich geworden sei: Sollte der Artikel erscheinen, bedeute das Krieg zwischen dem Präsidialamt und Springer bis zum Ende seiner Amtszeit, so das Magazin weiter. Der Springer-Verlag bestätigte dies, äußerte sich aber nicht weiter zur Sache.

Kritik aus der Koalition mehrt sich

Nach einem anderen, nicht bestätigten Bericht sollen die Drohungen auf Diekmanns Handy-Mailbox das Bemühen um lediglich eine Verschiebung der Veröffentlichung bei weitem überwogen haben. Nach der dem 'Spiegel' vorliegenden Mailbox-Abschrift sagte Wulff an jenem Dezemberabend: "Ich habe alles offengelegt, Informationen gegeben, mit der Zusicherung, dass die nicht verwandt werden. Die werden jetzt indirekt verwandt, das heißt, ich werde auch Strafantrag stellen gegenüber Journalisten morgen, und die Anwälte sind beauftragt." Die 'Bild'-Redakteure hatten zuvor im Schloss Bellevue Einsicht in den Kreditvertrag bekommen und so erfahren, dass seine Kreditgeberin die Unternehmergattin Edith Geerkens war. Das Bundespräsidialamt erklärte laut 'Spiegel', 'Bild' habe damals zugesagt, den Namen nicht zu nennen, solange es sich nicht um einen Großunternehmer wie Carsten Maschmeyer handle. 'Bild' bestreitet das.

In der Nachricht auf Diekmanns Handy fragte Wulff, der damals auf Staatsreise in der Golf-Region war, warum 'Bild' nicht akzeptieren könne, "wenn das Staatsoberhaupt im Ausland ist, zu warten, bis ich Dienstagabend wiederkomme, also morgen, und Mittwoch eine Besprechung zu machen, wo ich mit Herrn [...] den Redakteuren rede, wenn Sie möchten, die Dinge erörtere, und dann können wir entscheiden, wie wir die Dinge sehen, und dann können wir entscheiden, wie wir den Krieg führen."

Der 'Spiegel' berichtet außerdem, Wulff habe als niedersächsischer Ministerpräsident auch in der Unterkunft des Aufsichtsrats der Talanx-Versicherung, Wolf-Dieter Baumgartl, in Italien Urlaub gemacht und sich zuvor für die Interessen der Versicherer eingesetzt. Wulff habe sich dafür stark gemacht, dass die Erträge aus Lebensversicherungen steuerfrei bleiben und sich dafür bei einer Rede sogar selbst gerühmt.

In der schwarz-gelben Koalition wächst jetzt die Kritik an Wulff. Der FDP-Vizevorsitzende Holger Zastrow forderte in der 'Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung' vom Staatsoberhaupt mehr Aufklärung: "Die Vorwürfe müssen ausgeräumt werden, und das ist noch nicht gänzlich geschehen." Es sei irritierend, wie Wulff sich scheibchenweise der Wahrheit nähere, "wie er sich entschuldigt und noch mal entschuldigt", sagte der sächsische FDP-Vorsitzende, der 2010 für Wulffs Gegenkandidaten Joachim Gauck gestimmt hatte.

Für die Union sagte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe zwar dem 'Spiegel', Wulff verdiene trotz "Ungeschicklichkeiten und Fehler" eine Chance, Vertrauen wieder aufzubauen. Und CSU-Chef Horst Seehofer erklärte: "Wir stellen uns hinter Menschen in Schwierigkeiten, es sei denn, die Schwierigkeiten sind so groß, dass man das nicht mehr verantworten kann. Das ist bei Christian Wulff nicht der Fall." Zugleich sagte aber der CDU-Bundestagsabgeordnete Marco Wanderwitz dem Magazin: "Mit der scheibchenweisen Aufklärung des Sachverhalts hat sich Christian Wulff keinen Gefallen getan." Der CSU-Abgeordnete Georg Nüßlein rügte: "Das Krisenmanagement ist nicht professionell und seine Kommunikation oft auch nicht."

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles hat für den Fall eines Rücktritts von Wulff Neuwahlen gefordert. "Wenn nach Horst Köhler noch einmal ein Bundespräsident zurücktritt, müsste es Neuwahlen geben", sagte sie der 'Bild am Sonntag'. "Bei einem Wulff-Rücktritt muss sich Angela Merkel dem Votum der Wähler stellen. Ich vermute, dass sie genau deshalb das offene Wort über Wulff vermeidet", sagte Nahles. Die Affäre Wulff sei jetzt auch eine Affäre Merkel.

Dem Bundespräsidenten warf sie vor, "sich in ein Geflecht aus Halbwahrheiten verstrickt" zu haben. "Es wird jeden Tag unwahrscheinlicher, dass er die Kraft hat, sich daraus zu befreien", sagte Nahles. "Ich habe erhebliche Zweifel, dass er diese Affäre übersteht." Außerdem gehöre das Amt des Bundespräsidenten Wulff nicht. "Im Amt bleiben - egal was passiert? Diese Haltung ist nicht akzeptabel", erklärte sie.