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Women's March: Warum wird erst NACH Donald Trumps Amtseinführung so eindrucksvoll protestiert?

Women's March: Warum wird erst NACH Donald Trumps Amtseinführung so eindrucksvoll protestiert?

Pink first! 2,5 Millionen beim Marsch der Frauen

Der Marsch der Frauen am Tag nach Trumps Amtsantritt war ein voller Erfolg! Oder? Ein Marsch, der nicht mehr marschieren kann, weil zu viele daran teilnehmen. Madonna! Emma Watson! Cher! Helen Mirren! Katy Perry! Miley Cyrus! usw. – die Promidichte war höher als bei der Inauguration. Vielerorts ein Meer aus pinken Wollmützen, häufig verziert mit niedlichen Öhrchen, wie sie die Initiative 'Pussyhat' entworfen hatte. Überfüllte Straßen in Hunderten von Großstädten weltweit. Euphorische Tweets wie: „This is what democracy looks like!“ Hm. Und wir dachten immer: Das Wichtigste an der Demokratie sind die Wahlen. Nicht die Proteste hinterher.

Den nächsten Women's March könnten wir uns sparen

Von Ursula Willimsky

Gucken wir mal in unser Grundgesetz. Artikel 20, Absatz 1 und 2. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.

Okay, das mit der Wichtigkeit von Wahlen kommt tatsächlich erst an zwanzigster Stelle - auch wenn uns dieser Punkt doch sehr existenziell erscheint. Vorher geht's im Grundgesetz ums Eingemachte: Glaubensfreiheit, darum, dass „vor dem Gesetz alle Menschen gleich sind“ (Ja. Damit sind unter anderem Männer und Frauen gemeint), Unverletzbarkeit der Menschenwürde und das Recht auf freie Meinungsäußerung (Artikel 5).

Schön, sich das mal wieder ins Gedächtnis zu rufen … Also. Den Marsch der Frauen mit seinen rund 2,5 Millionen Teilnehmerinnen weltweit können wir getrost der demokratischen Königinnendisziplin „freie Meinungsäußerung“ zuordnen. Wahnsinn, wie viel Power sich mobilisieren lässt, wenn es tatsächlich um etwas geht!

Mit so viel Engagement hatten auch die Organisatorinnen des Mutter-Marsches in Washington nicht gerechnet. Dort marschierten statt geplanter 200 000 mindestens 500 000 Teilnehmerinnen, in Los Angeles mehr als eine halbe Million. Hinzu kommen zig Hunderttausende Demonstrantinnen, die sich am Samstag in anderen US-Städten und in Großstädten weltweit zu Schwester-Märschen versammelt hatten.

Die beherrschende Farbe: Pink. Denn Barbies Lieblings-Lippenstiftfarbe hat einen Job in der Politik angenommen. Mit ihrer knalligen Signalfarbe macht sie die Masse von Frauen sichtbar, die – generell, nicht nur in den USA – gegen Diskriminierungen und Chancenraub kämpfen.

Aus aktuellem Anlass gingen die meisten von ihnen in den USA auf die Straße; als Protest gegen einen neuen Präsidenten, den sie nicht gewählt haben. Ginge es in den USA nach den absoluten Zahlen, hätte das Land vermutlich eine Frau an der Spitze. Aber aus dem Wahlsystem ging ein Mann als Sieger hervor, der in der Vergangenheit auch mit abfälligen Bemerkungen über Frauen Schlagzeilen machte. So ist das Wahlsystem eben.

Eines sollte man über all den Diskussionen nicht vergessen: der Präsident wurde demokratisch gewählt. „Auch Frauen können frauenfeindlich sein“ brachte die Süddeutsche Zeitung das Wahlergebnis auf einen Punkt. 53 Prozent (für Leute, die´s mit Mathe nicht so haben: Das ist über die Hälfte) aller weißen Frauen stimmten für Trump. Vier Prozent der Afro-Amerikanerinnen unterstützen ihn und 26 Prozent der Latinas.

Die Wahlbeteiligung im November war übrigens nur so lala: 60 Prozent. Was ja auch heißt: 40 Prozent der US-amerikanischen Wahlberechtigten blieben an diesem entscheidenden Tag lieber daheim auf dem Sofa sitzen statt sich in eine Wahlkabine zu bewegen.

Aus welchem Lager die pinken Proteste nun kommen – aus dem Lager derer, die es bereuen, nicht zur Wahl gegangen zu sein, oder derer, die wählen waren, wissen wir nicht. Aber bei einem Punkt sind wir uns ziemlich sicher (siehe auch Grundgesetz, Artikel 20): Demnächst steht der nächste entscheidende Tag ins Haus. Im September wählt Deutschland einen neuen Bundestag.

Wer im Oktober lieber auf dem Sofa kuscheln will statt mit pinker Wollmütze im Herbstregen zu frieren und an einem Frauenmarsch Richtung Bundestagsgelände teilzunehmen, sollte wählen gehen. Kostet nix, bringt ne Menge und erspart einem das Lamentieren nach der Auszählung.

P.S.: Bei der letzten Bundestagswahl lag die Wahlbeteiligung in Deutschland bei rund 73 Prozent. Mädels! Da geht noch was!