Wohnraumoffensive

Warum Deutschland am tatsächlichen Bedarf vorbei baut

Wohnungsbau am Potsdamer Volkspark.
© dpa, Soeren Stache, soe abl vco

23. Februar 2021 - 15:24 Uhr

Von Max Borowski

Die Zahl der gebauten Wohnungen hat sich in Deutschland innerhalb weniger Jahre mehr als verdoppelt. Dennoch steigen Mieten und Kaufpreise in weiten Teilen des Landes ungebremst. Zweieinhalbjahre nach ihrem "Wohngipfel" zieht die Bundesregierung Bilanz. Die Frage ist nur: Ist das Wohnungsbau-Versprechen ein Erfolg oder Versagen auf ganzer Linie?

Auch im Corona-Jahr 2020 steigen die Mieten deutlich

Die Immobilienkaufpreise und Mieten in vielen Teilen Deutschlands steigen weiter - vor allem in den großen Städten, wo die Wohnungsknappheit besonders drängend ist. Laut einer Auswertung des Wohnungsportals Immowelt stiegen im Corona-Jahr 2020 trotz Pandemie in 67 der 80 größten Städte die in Inseraten verlangten Mieten teils deutlich an. Noch viel stärker als die Mieten zogen in den vergangenen Jahren die Kaufpreise für Wohnungen und Wohnhäuser an. Das zeigt, dass der Druck auf den Wohnungsmarkt noch größer ist, als er sich in den - nicht nur durch den Mietendeckel in Berlin - stark regulierten Mieten widerspiegelt.

Die Bundesregierung spricht dennoch von einem Erfolg ihrer Baupolitik in den vergangenen Jahren. Tatsächlich ist die Zahl der genehmigten Wohnungen seit dem historischen Tiefpunkt der Bautätigkeit Ende der Nullerjahre in Deutschland wieder stark gestiegen. Sie liegt aber weiter unter der vor zweieinhalb Jahren beim Wohngipfel der Bundesregierung versprochenen Zahl von durchschnittlich 375.000 Wohnungen pro Jahr.

Außerdem kommen Bauträger und Bauunternehmen kaum hinterher mit der Zahl der Baugenehmigungen. Der sogenannte Bauüberhang summiert sich auf aktuell mehr als 750.000 genehmigte, aber nicht gebaute Wohnungen. Was Kritiker als Hinweis auf Spekulation mit Baugrundstücken werten, ist laut Baubranche ein normaler zeitlicher Puffer, da die Unternehmen ihre Kapazitäten nach jahrelanger Ebbe in den Auftragsbüchern erst aufbauen müssen.

Warum steigt der Wohnungsbedarf so stark?

Für dieses Jahr erwartet die staatliche Förderbank KFW, dass erstmals seit über 20 Jahren wieder mehr als 300.000 Wohnungen fertiggestellt werden. Zum Vergleich: In den 60er, 70er und Anfang der 90er Jahre wurden zeitweise mehr als doppelt so viele Wohnungen pro Jahr gebaut. 2009 gerade einmal 160.000.

Woher kommt der steigende Wohnungsbedarf in Deutschland? Mit nur wenigen kurzen Ausreißern schrumpft oder stagniert die Bevölkerung seit vielen Jahren. Zum einen sind aber viele Menschen in den vergangenen Jahren in die großen Metropolen und boomende mittlere Städte, sogenannte Schwarmstädte. Vor allem aber wohnen die Deutschen auf immer größerer Fläche pro Person. Grund dafür ist laut Experten die wachsende Zahl an Paar- oder Einpersonenhaushalten in großen Häusern oder Wohnungen.

Das hat mit der demografischen Entwicklung zu tun: Immer mehr ältere Menschen bleiben in ihrem Familienheim, nachdem die Kinder längst ausgezogen sind und der Partner verstorben ist. Dadurch steigt der derzeit Bedarf an Einfamilienhäusern, obwohl die Zahl der Familienhaushalte langfristig sinkt.

Bessere Wohnraum-Verteilung mit staatlicher Unterstützung

Hier sehen viele Experten auch einen Lösungsansatz für die Wohnungsknappheit neben dem schleppenden Neubau: Wohnungen könnten mit staatlicher Unterstützung besser verteilt werden. Denn teilweise wohnen ältere Menschen deswegen in großen Wohnungen, da sie einen langjährigen günstigen Mietvertrag haben und der Umzug in eine kleinere Wohnung angesichts der hohen Neuvertragsmieten zu teuer wäre.

Zudem könnte die Politik ländliche Regionen, in denen Mieten und Kaufpreise seit Jahren sinken, wieder attraktiver machen - durch bessere Verkehrsanbindungen an die prosperierenden Städte, durch Investitionen in Kitas, Schulen und andere öffentliche Einrichtungen und in die digitale Infrastruktur. Gerade in der Corona-Krise haben viele Angestellte die Vorteile des Arbeitens und Lebens weit vom Büro entfernt entdeckt. Doch holprige Internetverbindungen hindern sie vielerorts noch daran aufs Land zu ziehen.