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WM-Gruppe A: Brasilien und der Dreikampf um Platz 2

WM-Gruppe A: Brasilien und der Dreikampf um Platz 2

Niko Kovac, Robert Kovac, Kroatien
Die Kovac-Brüder wollen mit Kroatien das Achtelfinale erreichen.
imago/GEPA pictures, imago sportfotodienst

Bald geht es los, die WM in Brasilien steht unmittelbar vor der Tür. Wer kann was? Wo liegen die Stärken, wo die Schwächen der jeweiligen Mannschaften? Die sport.de-Redaktion nimmt die WM-Teilnehmer unter die Lupe. Heute: die Gruppe A mit Brasilien, Kroatien, Mexiko und Kamerun.

Brasilien

Keine Frage, die 'Selecao' geht als großer Favorit in das Turnier am Zuckerhut und logischerweise auch in die Gruppe A. Dabei ruhen die Hoffnungen vor allem auf Superstar Neymar, der im Trikot der Nationalmannschaft regelmäßig zu Höchstform aufläuft. In 47 Spielen für die Brasilianer erzielte der Offensiv-Allrounder vom FC Barcelona 30 Tore. Gemeinsam mit Hulk (Zenit St. Petersburg) sowie den technisch versierten Mittelfeldspielern wie Fernandinho (Manchester City), Willian (FC Chelsea) oder Bernard (Schachtjor Donezk) bildet Neymar das Prunkstück des WM-Gastgebers: die Offensive.

Anders als in der Vergangenheit, als der Defensivarbeit wenig bis gar keine Beachtung geschenkt wurde, verfügt Brasilien aber auch über eine Abwehr, die personell zu den besten des Turniers zählt. David Luiz vom FC Chelsea, Dani Alves (FC Barcelona), Thiago Silva (Paris St. Germain), Marcelo (Real Madrid) oder Bayern-Profi Dante - fast alle Verteidiger der Mannschaft von Trainer Felipe Scolari haben ihr Handwerk bei europäischen Spitzenclubs gelernt und gelten als taktisch disziplinierter als ihre teils stürmenden Vorgänger wie Roberto Carlos oder Cafu.

Wenn etwas gegen die Brasilianer spricht, dann ist es der Druck aus der Öffentlichkeit. Vom Kleinkind bis zum Rentner - jeder im Land sehnt den Titel herbei, alles andere als der Gewinn der WM wäre eine große Enttäuschung. Die Demonstrationen im Land richten sich nicht gegen ihre Lieblinge in den blau-gelben Farben, sondern gegen die Regierung, um auf die Milliarden-Ausgaben für die WM und die Missstände in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Deshalb ist gewiss: Wird das erste Spiel am 12. Juni in Sao Paulo angepfiffen, steht ganz Brasilien hinter seiner 'Selecao'.

Kroatien

Die Kroaten halten den Ball zwar traditionell flach, bei einem Blick auf die Einzelspieler sollte man allerdings meinen, dass die Auswahl vom Balkan die Vorrunde übersteht: Neben Real Madrids Luka Modric ragen Kapitän Darjo Srna (Schachtjor Donezk), Ivan Rakitic (FC Sevilla) und Mario Mandzukic (FC Bayern) heraus. Dazu sollen die Bundesliga-Legionäre Milan Badelj (Hamburger SV), Ivan Perisic und Ivica Olic (beide VfL Wolfsburg) helfen, das Wunder von 1998 zu wiederholen, als Kroatien völlig überraschend WM-Dritter wurde.

Betreut wird die Auswahl von zwei früheren Nationalspielern, die auch den deutschen Fußball-Fans bestens bekannt sind: Robert und Nico Kovac. Das Bruder-Duo, das den größten Teil seiner aktiven Karriere in Deutschland verbracht hat, legt großen Wert auf Disziplin. "Wir wollen das Achtelfinale erreichen. Das wird nicht einfach, aber wir haben das Zeug dazu", meint Chef-Trainer Nico Kovac, dessen Mannschaft nicht über Einzelspieler, sondern über das Kollektiv zum Erfolg kommen will. Das hat in der WM-Qualifikation nur mäßig geklappt. Weil man in der Gruppe hinter Belgien nur den 2. Platz erreichte, musste Kroatien den Umweg über die Playoffs gegen Island (0:0, 2:0) gehen.

Getrübt wird die Freude auf die Endrunde vom Verletzungspech. Verteidiger Ivan Strinic wird wegen einer Muskelverletzung nicht rechtzeitig fit, Mittelfeld-Routinier Niko Kranjcar fällt aufgrund einer Oberschenkelverletzung aus. Und schon ist die Angst wieder da, nach 2002 und 2006 wieder in der Vorrunde die Segel zu streichen.

Mexiko

Samuel Eto'o, Kamerun
Die Hoffnungen von Kamerun ruhen auf seinen Schultern: Samuel Eto'o.
imago/Roland Mühlanger, imago sportfotodienst

"Wir werden das Finale erreichen", hatte Mexikos Coach Miguel Herrera unlängst getönt - und wollte damit wohl von den offensichtlichen Problemen bei den Mittelamerikanern ablenken. Die Auswahl ist tief gespalten und Schuld daran trägt: Herrera. Der 46-Jährige, der zuvor beim Traditionsverein CF America in Mexiko-Stadt gearbeitet hatte, setzt in der Nationalmannschaft überwiegend auf Spieler seines Ex-Clubs. Im ersten WM-Playoff-Spiel gegen Neuseeland standen sieben America-Profis in der Startformation, zum Leidwesen der übrigen Nationalspieler, denen eine tiefe Abneigung zu ihren Kollegen nachgesagt wird.

Keine Lust auf Grüppchenbildung hatte Angreifer Carlos Vela (Real Sociedad San Sebastian), der Herrera aus "persönlichen Gründen" für die WM absagte. Während einer der besten mexikanischen Kicker lieber Urlaub macht, sollen andere Legionäre die Kohlen aus dem Feuer holen. Der absolute Star der Mannschaft ist Stürmer Javier Hernandez, Spitzname Chicharito (Kleine Erbse), der seit vier Jahren bei Manchester United unter Vertrag steht. Ihm an der Seite steht Oribe Peralta von CS Laguna, der in den beiden K.o.-Spielen gegen Neuseeland (5:1, 4:2) fünf Tore schoss. Ebenfalls im Kader, für die Abwehr aber wohl nur als Backup gedacht, ist Andres Guardado von Bayer Leverkusen.

Mut macht den Mexikanern ein Blick auf die WM-Historie: Bei den vergangenen fünf Endrunden erreichte 'El Tri' immer das Achtelfinale - hier war dann allerdings auch jedes Mal Endstation. Damit Herreras Traum vom Endspiel wahr wird, hat der Coach ein Sex-Verbot verhängt. Dafür müssen die Spieler in Brasilien aber nicht auf die traditionelle Küche ihres Heimatlandes verzichten. Er werde getrocknete Chilischoten, Mais und Nopal (Kaktusblätter) nach Brasilien karren, berichtet Team-Koch Sergio Perez: "Glauben Sie mir, wenn die Spieler 20, 30 Tage weg von zu Hause sind, haben alle Heißhunger darauf" - und noch einer, der daran glaubt, dass Mexiko lange im Turnier bleibt.

Kamerun

Wer es nicht gut mit den Kamerunern meint, der würde sagen, der Spitzname für die Auswahl trifft den Nagel auf den Kopf: Die 'Unzähmbaren Löwen' galten wie fast alle afrikanische Mannschaften lange als disziplinloser Haufen, der weder ein taktisches Konzept hat noch etwas von Positionstreue hält. Dem entgegenwirken soll Volker Finke. Der langjährige Trainer des SC Freiburg betreut die Mannschaft seit 2013 und hat aus Kamerun ein Team geformt, dem durchaus zugetraut wird, den Sprung ins Achtelfinale zu schaffen.

Der zentrale Baustein im System von Finke ist Samuel Eto'o. Der Alt-Star des FC Chelsea hat in seinen 114 Länderspielen 55 Tore erzielt. "Er ist eine lebende Legende in Kamerun", weiß der Schalker Joel Matip, der genauso nominiert ist wie Eric Maxim Choupo-Moting (FSV Mainz 05) und Mohamadou Idrissou (1. FC Kaiserslautern). Darüber hinaus hat Kamerun laut Matip "ein Team mit vielen starken Persönlichkeiten. Die treten mit viel Stolz und Ehre auf."

Ob das reicht, um die Gruppe zu überstehen, bleibt abzuwarten. Bei seinen letzten vier WM-Teilnahmen (1994, 1998, 2002 und 2010) kam Kamerun nie über die Vorrunde hinaus. "Wenn wir am Anfang gleich gegen Mexiko verlieren, wird es ganz schwer", weiß Matip, der beim 2:0-Erfolg im ersten Testspiel gegen Mazedonien durchspielte. In der zweiten Partie der WM-Vorbereitung verlor die Finke-Elf mit 1:2 gegen Paraguay - die 'Unzähmbaren Löwen' machen noch keine Angst.