WM 2018: Iranische Frauen dürfen in Russland ins Stadion - zuhause nicht

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18. Juni 2018 - 14:11 Uhr

Frauen aus dem Iran: "Fußball ist nicht nur für Männer"

Auch in Kasan werden sie wieder ins Stadion gehen. Ohne angeklebten Bart, bemaltes Gesicht und dicke Wollmütze auf dem Kopf. Bei der WM 2018 dürfen Irans Frauen eine Freiheit genießen, die sie in ihrer Heimat nicht haben: Fußball live in der Arena sehen. "Es ist so wunderbar", sagte eine Aktivistin nach Irans 1:0-Auftaktsieg gegen Marokko in St. Petersburg. "Fußball ist nicht nur für Männer."

Stadionverbot für alle Frauen - seit fast 40 Jahren

Sara will die 34-Jährige genannt werden, ihren richtigen Namen verschweigt sie aus Angst vor Repressalien daheim im Iran. Sie ist nicht die Einzige, die in Russland die ungewohnte Freiheit nutzt, um gegen das seit fast 40 Jahren geltende Stadionverbot in ihrer Heimat zu protestieren.

Im Krestowski-Stadion in St. Petersburg waren mehrere Plakate zu sehen, die ein "Ende des Banns" und Unterstützung für "iranische Frauen, damit sie Stadien besuchen können", forderten. Der Weltverband FIFA, der grundsätzlich politische Parolen in den WM-Arenen verbietet, ließ sie zu - weil es "ein sozialer Appell" sei.

Angeklebte Vollbärte und dicke Wollmützen

In Teheran dagegen müssen Frauen zu besonderen Tricks greifen, berichtet Zahra Khoshnavaz, die zu den Protestlern in russischen Stadien gehört. Wenn sie ein Fußballspiel ihres Lieblingsklubs Persepolis sehen will, klebt sie sich einen Vollbart an, bemalt sich das Gesicht in Vereinsfarben, zieht ein Trikot über, hängt sich eine Fahne um und setzt eine dicke Wollmütze auf. Nur als Mann verkleidet kommt sie mit ihren Freundinnen an den Eingangskontrollen vorbei - ins Stadion, das ausgerechnet "Azadi" (Freiheit) heißt.

Stolz postet Zahra Fotos auf Twitter und Instagram. "Als ich den grünen Rasen sah, musste ich weinen", sagt sie der ARD: "Erst wenn man drin ist, weiß man, was man jahrelang verpasst hat." Nach dem Erdbeben im vergangenen Dezember in Teheran habe sie sich gefragt: "Warum sollte ich bei einem Erdbeben sterben, ohne meine Träume zu verwirklichen? Warum sollte ich nicht in ein Stadion gehen dürfen?"

Keine öffentliche Kritik von FIFA-Präsident Gianni Infantino

Seit der Islamischen Revolution 1979 ist es Frauen im Iran verboten, Fußballstadien zu betreten. Offiziell will der einflussreiche Klerus sie damit vor den vulgären Äußerungen und Gesängen der Männer schützen. Versuche aus der Politik, ihnen etwa auf "Familientribünen" den Zugang zu erlauben, wurden abgeschmettert.

FIFA-Präsident Gianni Infantino vermied bei seinem Besuch im März in Teheran öffentliche Kritik am Iran, als 35 Frauen festgenommen wurden, die ins Stadion wollten. Er habe das Thema "im privaten Gespräch" mit Präsident Hassan Rohani angebracht und die Zusage erhalten, dass ein Ende des Verbots geplant sei.

Irans Ex-Nationalspieler Ali Daei: "Ich hoffe, dass die Frauen eines Tages ins Stadion dürfen"

Ali Daei ging für den FC Bayern München auf Torejagd.
Ali Daei - 1999 im Trikot des FC Bayern München auf Torejagd.
© Getty Images, Mark Thompson

In Russland trifft Sara auf viel Zustimmung, auch von iranischen Männern. Aus dem Iran gibt es ebenfalls Unterstützung. Ali Daei, 149-maliger Nationalspieler und ehemaliger Bundesligaprofi, sagt der ARD: "Ich hoffe, dass die Frauen eines Tages ins Stadion dürfen. Wir werden mehr Zuschauer haben. Die Frauen werden sich freuen, und die Männer werden versuchen, sich besser zu benehmen."