Wladimir Klitschko vs. Anthony Joshua: Der ultimative 12-Runden-Check zum Mega-Fight

Anthony Joshua und Wladimir Klitschko
Anthony Joshua und Wladimir Klitschko
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30. April 2017 - 1:14 Uhr

Von Martin Armbruster

Große Boxkämpfe schöpfen ihre Faszination aus den Gegensätzen der Protagonisten, die im Ring aufeinandertreffen. Beim Generationen-Gipfel zwischen Anthony Joshua und Wladimir Klitschko vor 90.000 Zuschauern im Londoner Wembley-Stadion (ab 22 Uhr, live bei RTL) ist das nicht anders.

Generationen-Duell um "den großen Zeh Gottes"

Der junge, vor Kraft nur so strotzende Löwe Joshua und Klitschko, das bereits leicht ergraute, langjährige Alphatier der schweren Jungs, kämpfen um die Vorherrschaft in der Königsklasse des Faustkampfes. Ein Revier, das der 41-jährige Klitschko beinahe eine Dekade lang unangefochten beherrscht hatte, ehe ihn ein verrückt um sich brüllender Rivale namens Tyson Fury an einem Düsseldorfer November-Abend entmachtete.

Nach dem wirren Rückzug Furys ist der Thron des Lion-Kings wieder frei. Der Sieger von Wembley dürfte daher neben den Gürteln der Weltverbände WBA und IBF auch Ansprüche auf die Krone des rechtmäßigen Schwergewichts-Champions erheben. Jenen glorreichen Titel, den der amerikanische Schriftsteller Norman Mailer einst als den "großen Zeh Gottes" bezeichnete.

"Der Kampf wird viele Fragen beantworten. Ist er schon so weit? Habe ich es noch drauf?", wiederholt Klitschko vor dem Fight gegen seinen einstigen Sparringspartner gebetsmühlenartig. Im Ring zählen aber nicht nur Jugend und Erfahrung. Von der Physis, über Schlagkraft bis hin zu den viel zitierten Nehmerfähigkeiten: Wir stellen die Rivalen vor dem Mega-Fight in einem ultimativen 12-Runden-Check gegenüber. Der Sieger eines Durchgangs bekommt, wie heute Abend von den Punktrichtern, 10, der Verlierer 9 Punkte. Sind keine Vorteile auszumachen, wird unentschieden gewertet.

Wo Joshua hinlangt, wächst kein Gras mehr

RUNDE 1: Physis

Beide Boxer sind 1,98 Meter groß und liegen auch in Sachen Reichweite fast auf den Zentimeter genau gleichauf. Zwar brachte Joshua (113,4 kg) beim Wiegen vier Kilogramm mehr auf die Waage als Klitschko (109 kg). Dennoch: Rein physisch spielen die Kontrahenten in der gleichen Liga.

10:10 Unentschieden

RUNDE 2: Erfahrung

"Erfahrung kann man nicht im Geschäft kaufen", pflegt Klitschko zu sagen. Der Ring-Veteran hat gut reden: Er bestreitet in London bereits seinen 69. Profikampf und kann aus dem Erfahrungsschatz einer mehr als 20 Jahre dauernden Karriere schöpfen. Ein klarer Vorteil gegenüber Joshua, der weniger Profikämpfe (18) auf dem Buckel hat, als Klitschko WM-Fights (28). Der 27-jährige Himmelsstürmer kennt im Gegensatz zu Klitschko bislang nur die sonnigen Seiten des Profigeschäfts. Wie ist es, hart getroffen zu werden? Wie kommt man nach Niederschlägen zurück? Wie fühlt sich ein Kampf über die volle Distanz an? All diese Fragen kann Joshua noch nicht beantworten.

10:9 Klitschko

RUNDE 3: Schlaghärte

Joshua hat all seine 18 bisherigen Gegner (bzw. Opfer) vorzeitig zu Boden geschickt. Selbst ein alter Hase wie Kevin Johnson, der 2009 als einer der ganz wenigen mit Vitali Klitschko über die Distanz gegangen war, hielt sich gegen die britische K.o.-Maschine keine zwei Runden auf den Beinen. Wo 'AJ'  hinlangt, wächst kein Gras mehr. "Du musst im Ring ein Killer sein", erklärt der Brite seine Mentalität, die sich eindrucksvoll im Ring niederschlägt. Klitschko kann zwar ebenfalls mit einer beeindruckenden K.o.-Quote von 78 Prozent wuchern, bei seinen letzten Ring-Auftritten 2015 gegen Bryant Jennings und Fury entfaltete der 'Steelhammer' aber nicht die zerstörerische Wirkung früherer Tage.

10:9 Joshua

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Duell der Führhände ein Knackpunkt

RUNDE 4: Defensive

Unter der Ägide des legendären Emanuel Steward hat Klitschko einen sicherheitsorientierten Stil entwickelt, der für seine Gegner nur schwer zu knacken ist. Mit dem Jab kontrolliert der Altmeister die Distanz, auf schnellen Beinen entweicht er dem Treffer-Radar des Kontrahenten. Wird es doch einmal brenzlig, weiß der Ukrainer gefährliche Situationen durch Klammern zu unterbinden. Die wirklich harten Treffer, die Klitschko seit seinen K.o.-Pleiten vor mehr als zehn Jahren einstecken musste, kann man daher an einer Hand abzählen.

Bei Joshua war bisher stets die (kontrollierte) Offensive die beste Defensive. Die Deckung des Shootingstars wurde aber auch so gut wie nie geprüft. Einzig beim Sieg gegen seinen alten Amateur-Rivalen Dillian Whyte geriet Joshua kurz in die Bredouille, weil er zu offen agierte. Der IBF-Champion agiert im Oberkörper recht statisch und bietet daher – im Gegensatz etwa zum agilen 2,06-Meter-Riesen Tyson Fury – durchaus ein stehendes Ziel.

10:9 Klitschko

RUNDE 5: Führhand

Was dem Dirigenten sein Stab, ist dem Boxer die Führhand. Mit dem Jab geben die Faustkämpfer im Ring den Takt vor, kontrollieren die Distanz und bereiten ihre schweren Geschosse vor. Sowohl Klitschko als auch Joshua schlagen eine gestochen scharfe Führhand, die oft wie ein Vorschlaghammer am Kopf des Gegners einschlägt. So halten sie sich ihre Kontrahenten nicht nur vom Leib, mit links zermürben sie den Gegenüber systematisch, bis dieser anfällig für Treffer mit der rechten Schlaghand wird. Im Gespräch mit RTL kündigte Joshua an, Klitschko mit doppelt und dreifach geschlagenen Führhänden aus dem Konzept bringen zu wollen. Welcher Führhand-Spezialist das Jab-Duell in Wembley für sich entscheidet, ist auf jeden Fall ein Knackpunkt. Auf dem Papier sind keine Vorteile auszumachen.

10:10 Unentschieden

RUNDE 6: Variablität

Klitschko hat seinen Stil hinter der Führhand zwar perfektioniert, boxt aber wenig einfallsreich. Sein Repertoire beschränkt sich zumeist auf den Jab, die Links-Rechts-Kombination und vereinzelt den linken Haken. Gegen Fury zeigte sich: Geht Klitschkos erfolgserprobte Strategie hinter der Führhand nicht auf, bekommt er Probleme, sich den Umständen im Ring anzupassen. Auf Aktionen zum Körper, Aufwärtshaken oder Schlagserien – die gegen den Lautsprecher von der Insel ein probates Mittel gewesen wären – wartete man vergeblich. Joshua feuert dagegen aus allen Rohren, platziert seine wuchtigen Hände nicht nur zum Kopf, sondern auch zwischen Leber und Rippe. Der IBF-Titelträger schlägt beeindruckende Salven, verliert dabei aber – im Gegensatz etwa zu WBC-Pendant Deontay Wilder – selten Balance und Kontrolle.

10:9 Joshua

Klitschko auch 'hinten raus' stark

RUNDE 7: Beinarbeit

Für Schwergewichtler ihrer Maße bewegen sich Klitschko und Joshua äußerst geschmeidig. Der 41-jährige Herausforderer tänzelt geradezu leichtfüßig durch den Ring, ist vor allem im Rückwärtsgang schnell aus der Gefahrenzone. Klitschko schöpft die Kraft für seine 'Steelhammer' zudem aus den Beinen. Joshua treibt seine Gegner durch geschickte Bewegungen vor sich her und schneidet ihnen gekonnt 'den Ring ab'. Ein ausgeglichener Durchgang.

10:10 Unentschieden

RUNDE 8: Kondition

Klitschko ist in seiner langen Karriere schon achtmal über die volle Distanz gegangen, hat insgesamt 358 Runden auf dem Konto. Der Altmeister weiß sich seine Kräfte genau einzuteilen. Oft kann Klitschko 'hinten raus' sogar noch zulegen, was er durch späte K.o.-Erfolge bewiesen hat. Joshua hat dagegen noch nie einen Kampf auf Top-Niveau über zwölf Runden absolviert. Bei seinen längsten Duellen – den Sieben-Runden-Schichten gegen Dominic Breazeale (Mai 2016) und Dillian Whyte (Dezember 2015) – gab er ein wechselhaftes Bild ab: Während 'AJ' gegen Breazeale seinen Stiefel herunter boxte, ohne auch nur einen Deut nachzulassen, musste das Muskelpaket im Whyte-Kampf zwischenzeitlich mächtig pumpen, als trotz erbitterter Schlagsalven der schnelle K.o. nicht gelang.

10:9 Klitschko

RUNDE 9: Geschwindigkeit

Vor dem Zahn der Zeit ist auch Klitschko nicht gefeit. Nimmt man die Kämpfe gegen Jennings und Fury als Maßstab, scheint der 41-Jährige an Tempo verloren zu haben. Die einst blitzschnellen Hände kamen seltsam behäbig daher und verfehlten nicht selten ihr Ziel. Joshuas Handspeed ist einer seiner Vorzüge. Die Gegner des jungen Champions sehen die Faust, die sie im nächsten Moment ihrer Sinne entbinden wird, oftmals gar nicht anfliegen. Gerade deswegen ist Joshua so ein zerstörerischer Puncher. Denn die Treffer, die ein Boxer nicht kommen sieht, sind die gefährlichsten.

10:9 Joshua

'Dr. Steelhammer' ein Vier-Sterne-General im Ring

RUNDE 10: Athletik

Beide Boxer sind bis in die letzte Sehne hinein topaustrainiert. Klitschko steht wohl zum ersten Mal in seiner langen Laufbahn einem Mann gegenüber, der ihn in puncto Bizepsumfang in den Schatten stellt. Joshua war schon zu Schulzeiten ein Ausnahmesportler, lief die 100 Meter unter elf Sekunden und explodiert im Seilgeviert geradezu, wenn er Lunte riecht. Klitschko ist zwar nach wie vor ein Weltklasse-Athlet, seine letzten Auftritte lassen aber vermuten, dass der 41-Jährige etwas an Spritzigkeit eingebüßt hat.

10:9 Joshua

RUNDE 11: Kinn

Einen Betonschädel à la George Chuvalo kann man sicherlich keinem der Kontrahenten attestieren. Klitschko eilt seit seinen vorzeitigen Niederlagen gegen die Top-Puncher Corrie Sanders (2003) und Lamon Brewster (2004) der Ruf voraus, ein 'Glaskinn' zu haben. Fairerweise muss man aber sagen, dass der zweimalige Weltmeister noch nie ausgezählt worden ist. Gegen Samuel Peter bewies Klitschko 2005 zudem, dass er Niederschläge wegstecken kann. Hinter Joshuas Nehmerfähigkeiten setzen nicht wenige Beobachter ein Fragezeichen. Sie beziehen sich darauf, dass der IBF-Champ in längst vergangenen Amateurtagen mit seinem Hinterteil ein paar Mal den Ringboden polierte.

10:10 Unentschieden

RUNDE 12: Ring-Dominanz

Treffen, ohne selbst getroffen zu werden. Die Ringmitte beherrschen, Tempo und Distanz eines Gefechts diktieren. Wer die 'Sweet Science' in ihrer Reinform beherrscht hat, was die Amerikaner 'Ring Generalship' (Hoheit im Ring) nennen. Als Ring-Generäle darf man nicht nur den alten Maestro Klitschko, sondern auch den bisher do dominanten Joshua getrost bezeichnen. Der Unterschied: Klitschko ist ein Vier-Sterne-General, der sein Können gegen viele Schwergewichtler aus den Top-10-Ranglisten dieser Welt zur Schau gestellt hat. 'Dr. Steelhammer' kann ein Gefecht 'lesen' und weiß zudem Angriffe seines Gegners geschickt zu unterbinden, ohne vom Ringrichter sofort einen Rüffel zu kassieren.

Der Brite muss sich diese Meriten erst noch verdienen. Bisher hatte es der Schwergewichts-Überflieger nahezu ausschließlich mit Kontrahenten schwachen Kalibers zu tun, gegen die er sein Talent problemlos ausspielen durfte. Zwar hat Joshua vollmundig angekündigt, seinen erfahrenen Kontrahenten beim gemeinsamen Sparring vor drei Jahren genau studiert und dessen Stärken entschlüsselt zu haben. Wie gut er wirklich ist, muss der IBF-Weltmeister aber erst noch beweisen.

10:9 Klitschko

Wer landet den ersten schweren Treffer?

Vier Klitschko-Runden, vier für Joshua vier Durchgänge unentschieden – unser 'Punktzettel' weist folglich ein 116:116 aus. Für Klitschko sprechen neben der stabilen Defensive sowie dem geölten Konditionsmotor vor allem die Erfahrung und das Wissen, wie man einen Kampf kontrolliert. Joshua hat den Handspeed, eine unbändige Kraft, Explosivität und ein umfangreiches Schlagarsenal auf seiner Seite.

So ausgeglichen unser 12-Runden-Check ausfällt. Auf ein Remis sollte man trotz verlockender Quoten besser nicht wetten. Wegen der unbestrittenen K.o.-Power der Rivalen dürfte im Wembley-Stadion vielmehr die uralte Schwergewichts-Weisheit 'who lands first wins', zum Tragen kommen. Anders ausgedrückt: Wer sich zuerst einen schweren Treffer einfängt, erlebt das Kampfende in der Horizontalen.

Eine Aussicht, die der elektrisierenden Spannung des Mega-Fights nur noch mehr Volt verleiht.