Bank: Treuhandkonten existieren nicht

Wirecard-Krimi immer irrer: Wo sind die 1,9 Milliarden Euro geblieben?

22. Juni 2020 - 11:13 Uhr

1,9 Milliarden Euro weg: Wie konnte das Wirecard passieren?

Das muss man erstmal hinbekommen: 1,9 Milliarden Euro einfach weg, futsch. Und niemand weiß, wohin das Geld geflossen ist – und ob der Betrag jemals existiert hat. Passiert ist das Wirecard, einem deutschen Dax-Konzern. Zum Vergleich: Die Lufthansa ist heute nach 32 Jahren aus dem Dax geflogen. Aber wie konnte das Wirecard passieren?

Bilanzmanipulationen bei Wirecard?

Das deutsche Unternehmen Wirecard wickelt bargeldlose Zahlungen für Händler ab, sowohl an Ladenkassen als auch online. Eigentlich ein gut laufendes Geschäft, im September 2018 konnte Wirecard sogar die Commerzbank aus dem Dax verdrängen. An der Börse war Wirecard damals mit 24 Milliarden Euro fast doppelt so viel Wert wie die Bank.

Und jetzt der tiefe Fall. Die Firma hatte ihren Jahresabschluss zum vierten Mal verschoben und mit dem möglichen Betrugsfall die Börse schockiert. Das deutsche Unternehmen aus Aschheim bei München ist seit über einem Jahr in Bedrängnis - seit die Londoner 'Financial Times' dem Management in einer Serie von Artikeln Bilanzmanipulationen vorwarf. Auch die Finanzaufsicht Bafin und die Münchner Staatsanwaltschaft untersuchen verschiedene Aspekte im Fall Wirecard.

Wirecard-Vorstandschef muss nach Bilanz-Skandal Posten räumen

Der umstrittene Vorstandschef Markus Braun musste jetzt seinen Posten räumen, die Ratingagentur Moody's stufte die Kreditwürdigkeit von Wirecard auf "Ramsch" herab. Der Wirecard-Vorstand sieht sich weiterhin als Opfer und geht davon aus, dass die Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen". Die Gesellschaft war bisher von der Existenz dieser Konten ausgegangen und hatte sie als Aktivposten ausgewiesen. Die Summe entspricht nach Angaben des Unternehmens in etwa einem Viertel der Konzernbilanzsumme.

Viele Experten sind allerdings skeptisch, was die "Opfer"-Rolle von Wirecard betrifft. "Jetzt muss der Vorstand von Wirecard liefern und nicht irgendwelche haarsträubenden Gerüchte in die Welt setzen", so Börsenexperte Robert Halver gegenüber RTL.

Bereits am Freitag hatten die philippinischen Banken BDO Unibank und Bank of the Philippine Islands mitgeteilt, dass der deutsche Dax-Konzern kein Klient bei ihnen sei. Dokumente externer Prüfer, die das Gegenteil besagten, seien gefälscht. Auf den Konten der beiden Banken hätte die Summe in Höhe von 1,9 Millionen Euro eigentlich liegen sollen. Am Sonntag hat auch die Zentralbank in Manila mitgeteilt, dass die fehlenden Milliarden wohl nicht auf den Philippinen sind.

Stellt sich jetzt nur noch die Frage, wie lange sich Wirecard im Dax halten kann. Die Reaktion an der Börse ist zumindest eindeutig: Nachdem bereits am Donnerstag und Freitag der Börsenwert bereits um insgesamt 75 Prozent auf etwas mehr als drei Milliarden Euro eingebrochen war, geht der Sturzflug auch diese Woche weiter.


Quelle: DPA / RTL.de