Reportage aus Südafrika

"Wir sterben an Hunger, nicht Corona": So hart trifft der Lockdown die Armen in Kapstadts Townships

21. April 2020 - 11:36 Uhr

Social Distancing in Townships fast unmöglich

Rund 3.000 Infizierte meldet Südafrika, der seit drei Wochen geltende "totale Lockdown" scheint die Verbreitung von Covid-19 tatsächlich aufzuhalten. Doch die Folgen der Ausgangssperre treffen vor allem die Ärmsten im Land - stärker noch als Corona selbst. Die RTL-Korrespondentinnen Nicole Macheroux-Denault und Bulelani Mvoto haben eine Familie aus dem Township Khayelitsha am Rande von Kapstadt begleitet. Eine Reportage, die zeigt, wie schwierig es für die Menschen hier ist, sich vor dem neuartigen Virus zu schützen.

Ausgangssperre strenger als in fast allen anderen Ländern - auch außerhalb Afrikas

Township
Kinder spielen im Elend eines Townships

Munyaradzi Manjeya ist Tagelöhner auf einem Schrottplatz, seine Frau Doka Matonga verkauft am Straßenrand Eier. Beides ist während des Lockdowns verboten. "Es wird täglich schwerer, Geld aufzutreiben, um Essen zu kaufen", sagt der Vater von sechs KIndern. Die Manjeyas leben zu acht auf 45 Quadratmetern. Wasserhahn und Toilette sind draußen und werden gemeinsam mit den Nachbarn benutzt. Insgesamt teilen sich 20 Menschen eine Toilette. Es gibt ein Stück Seife im Haus zum Spülen, Putzen und Baden, Desinfektionsmittel kann sich Doka Matonga nicht leisten. Hygiene und Social Distancing - in den Townships auch in Coronazeiten fast unmöglich.

Vor drei Wochen hatte die Regierung von Präsident Cyril Ramaphosa in Südafrika eine strenge Ausgangssperre verhängt. Über 56 Millionen Menschen stehen seither unter Hausarrest. Nicht einmal das Verlassen der eigenen vier Wände zum Spazierengehen ist erlaubt - doch je später der Morgen, desto voller werden die Straßen. Es sind vor allem Kinder, die aus der Enge der ärmlichen Hütten ins Freie fliehen. Ein Wagnis. In den vergangenen Wochen haben Armee und Polizei wiederholt Bewohner gewaltsam zur Rückkehr in ihre Häuser gezwungen, fast 17.000 Menschen wurden wegen Verstößen gegen die Ausgangssperre festgenommen. Ein rigoroses Vorgehen, für das es international viel Kritik gab.

"Ich habe Angst, einer weißen Person zu begegnen"

Zwar scheint der Lockdown tatsächlich die Verbreitung des Virus aufzuhalten, doch allmählich macht sich Verzweiflung breit. In Kapstadts Vororten kommt es vermehrt zu Plünderungen von Supermärkten und Protesten der hungrigen Bevölkerung. Wie Millionen andere Südafrikaner kämpft auch die Familie Manjeya viel mehr mit den Auswirkungen der strikten Ausgangssperre als mit dem Virus selbst. "Wir sterben an Hunger, nicht Corona", sagt ein Kollege von Munyaradzi Manjeya. "Corona, das kommt doch von den Weißen. Wir Schwarzen haben das nicht."

Zu Hause klingen ähnliche Töne an. "Social Distancing ist mir egal, Alleinsein ist zu stressig", sagt Doka Matonga. "Die Weißen, die sind reich und reisen. Wenn wir Kontakt mit ihnen haben, infizieren sie uns. Ich habe Angst, einer weißen Person zu begegnen. Richtig große Angst." Tatsächlich waren es weiße Reisende, die das neuartige Virus nach Südafrika gebracht haben.

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Hilfsorganisationen sind die Hände gebunden

Südafrika
Die Corona-Krise erschwer das Leben der Armen in Südafrika zusätzlich.

Die Kinder der Familie Manjeya treibt weniger die Angst als die Langeweile um. Die Schulen sind zu, genau wie die Nachmittagsbetreuung, die sie sonst so gerne besuchen. Organisiert wird die Betreuung von Khosi Matiwane und ihrem deutschen Mann Thomas Meisterknecht. Auch ihnen sind durch die Coronakrise derzeit die Hände gebunden. "Unsere Hauptunterstützer, zwei Landesverbände des deutschen Jugendherbergswerks zum Beispiel, sind in ganz schwierigen Situationen im Moment", so Meisterknecht.

Ein Aufruf an private Spender in Deutschland brachte in den vergangenen Tagen immerhin 2.000 Euro ein. Mit dem Geld wurden Lebensmittel für die Familien der Kinder gekauft und verteilt - auch die Manjeyas bekamen eine Monatsration. Ein Treffen, bei dem Doka Matonga gebührend Abstand hielt.