"Wir sind ein neuer Baum im Dorf": Wie man Flüchtlinge willkommen heißt

Flüchtlingshilfe in Köln - Worringen.
Mit diesem Plakat überraschten die Flüchtlinge die Bürger. Der Baum wächst in Worringen - die Blätter symbolisiere die unterschiedlichen Nationalitäten in der Unterkunft.

Von Sebastian Werner

"Die meisten von uns haben Angst vor den Muslimen, die uns überrennen!" Als der Mann, der sich nur als Giovanni vorstellt, diese Worte im Vereinshaus in Köln-Worringen ins Mikrofon sagt, muss nicht nur ich schlucken. Es war die erste Info-Veranstaltung zu einer geplanten Notunterkunft für Flüchtlinge in dem dörflichen Stadtteil am Rhein. Sofort bekam ich Angst, die von rechten Parteien angeheizte Stimmung könnte sich ausbreiten. Das ist jetzt sechs Monate her. Inzwischen wohnen 120 Menschen in dem Containerbau. Und es kam ganz anders, als ich befürchtet hatte.

Ich stehe in einem Gemeinschaftsraum der Flüchtlingsunterkunft. Nicht einmal zwei Wochen sind vergangen, seit die ersten Bewohner eingezogen sind. Und wieder muss ich schlucken, aber dieses Mal, weil ich wirklich gerührt bin. "Wir sind wie ein neuer Baum in diesem Dorf", sagt einer der Bewohner, der neben einem großen, selbst gemachten Plakat steht. "Daher haben wir Ihnen einen großen Baum gemalt, auf dem alle unsere Nationen zu sehen sind."

Der Familienvater hat allen Mut zusammengenommen und spricht auf Englisch vor den versammelten Bewohnern – und vor vielen Helfern des 'NETZwerks Flüchtlingshilfe Worringen', die heute ein Willkommens-Kaffee und -Kuchen ausrichten. Viele von ihnen haben in diesem Moment eine Gänsehaut.

"Kriminell wird nur, wer sich nicht willkommen fühlt"

Dass sich die Situation so entwickelt, hatte ich vor sechs Monaten gehofft, aber nicht erwartet. Als Giovanni damals im Vereinshaus vom Mikrofon zurücktritt gibt es zwar Pfiffe aus dem Publikum – und der auf dem Podium sitzende CDU-Bezirksbürgermeister Reinhard Zöllner weiß direkt zu entgegnen: "Wir haben 120 Religionsgemeinschaften hier – und es gibt keine Probleme zwischen ihnen."

Dennoch: An diesem Abend gießen Vertreter von AfD und 'Pro Köln' Öl ins Feuer und in weiteren Wortmeldungen sorgen einige Bürger sich um Kinder, die jetzt einen anderen Schulweg nehmen müssten, um die steigende Kriminalität ("Was ist mit unseren Handys, die geklaut werden") oder die sinkenden Grundstückspreise. Einer fragt offen, warum man die Container nicht einfach irgendwo ins Niemandsland aufs Feld stellen könne.

Als ich mich im Stillen gerade fassungslos frage, ob es richtig war, vor ein paar Jahren hierherzuziehen, bekommen meine Worringer Nachbarn im Verlauf der Veranstaltung die Kurve: "Ich bin entsetzt, dass es hier Menschen gibt, die andere Menschen stigmatisieren – noch bevor sie auch nur einen Fuß nach Worringen gesetzt haben", sagt eine Frau. "Manche hier können es sich vielleicht nicht vorstellen, aber das sind Menschen wie du und ich", sagt ein 22-Jähriger – und ein anderer Anwohner ergänzt: "Kriminell wird nur, wer sich nicht willkommen fühlt."

Am Ende sind es dann auch die heutzutage vielgescholtenen Kirchen, die in die Bresche springen: "Wir werden nicht über die Grenzen Worringens hinaus bekannt werden, weil es so kriminell wird – sondern weil wir so gastfreundlich sind", wünscht sich der Pfarrer der evangelischen Gemeinde, Volker Hofmann-Hanke. Und der katholische Pfarrer Thomas Wolff, der gerade erst das Amt in Worringen übernommen hat, sagt: "Die Flüchtlinge müssen willkommen sein. Vielleicht können wir mal überlegen, sie auch willkommen zu heißen."

Der Widerstand verstummt

Container-Flüchtlingsheim in Köln-Worringen.
In der Worringer Flüchtlingsunterkunft leben 120 Menschen aus aller Welt.

Die Kritiker sind erst mal verstummt. Für den Abend Ende September 2014 und, wie sich zeigt, auch für die kommenden Tage und Wochen. Aus dem örtlichen Bürgerverein heraus wird eine Initiative gegründet, um die Flüchtlinge zu empfangen und sie zu unterstützen.

In der Bürgerinitiative beginnen Dutzende Bürger frühzeitig damit, sich auf die Ankunft der neuen Nachbarn vorzubereiten. In einzelnen Arbeitskreisen will man die Menschen willkommen heißen und unterstützen. Ich selbst schließe mich dem Arbeitskreis 'Soziales' an. Erschwert wird die Vorbereitung dadurch, dass die Stadt erst spät den sozialen Träger bestimmt, mit dem alle Aktionen abgestimmt werden müssen. Und sogar noch wenige Tage vor der Belegung der Wohncontainer Mitte März ist völlig unklar, wer dort einzieht. Jetzt wissen wir: Es sind Familien aus 12 Nationen, rund um den Globus. Die Hälfte der Bewohner ist unter 18 Jahre alt, die meisten von ihnen sind Kleinkinder und Babys.

Worringer Kinder malen Bilder für die kahlen Wände

Am Abend vor der Ankunft der Menschen heißt es für uns erstmals 'Anpacken': In der Wohnanlage beziehen wir 120 Betten und verteilen Handtücher, die Bürger gespendet haben. Worringer Kinder haben extra bunte Bilder gemalt, die jetzt die sonst kahlen Containerwände schmücken. Und die Kleinen haben Kekse gebacken, mit denen wir die neuen Nachbarn begrüßen.

In den ersten Tagen zeigt sich, dass die Hilfe der Bürger bitter nötig ist. Sie unterstützen bei Behördengängen oder der Orientierung im Stadtteil, bei Sprachproblemen und medizinischen Themen. Und auch einfach in der Unterkunft bei der Essensausgabe an die Flüchtlinge, die teilweise noch kein Geschirr oder Kochutensilien besitzen.

Wir sprechen doch alle dieselbe Sprache

Schließlich leben sich die Menschen ein und wir verabreden ein erstes kleines Willkommensfest, auf dem wir bei Kaffee und Kuchen den Kontakt zu den neuen Nachbarn suchen wollen. Viele können kein Deutsch oder Englisch, aber als wir das Kuchenbuffet aufbauen und uns die ersten Kinder begeistert anlächeln wird mir klar: Wir sprechen doch irgendwie alle dieselbe Sprache.

Kaum eine Familie lässt sich das Fest entgehen. Alle sind herzlich und offen, egal welches Alter, egal welcher Herkunft. Wir bringen an einer Wand eine große Weltkarte an und bitten die Bewohner, ihre Heimat mit einer Stecknadel zu markieren. Unglaublich, welche Entfernungen manche Familien auf sich genommen haben – eine Reise aus Kirgisistan, Pakistan oder der Mongolei führt einen rund um den Globus.

Mit leuchtenden Augen erzählen mir einige der Menschen, was sie erlebt haben. Andere halten sich eher zurück – jeder so wie er mag. Ich kann mir ausmalen, dass viele von ihnen keinen leichten Weg gegangen sind.

“Wir danken Ihnen sehr!”

Das Highlight ist, als die Bewohner uns das selbstgemachte bunte Plakat präsentierten. “Wir sind erst seit etwa zehn Tagen hier, und wir alle lieben Worringen jetzt schon”, erklärt der Familienvater vor der Gemeinschaft. Darum haben sie das Bild für die Worringer gemalt – um sie zu begrüßen. “Dieses Bild ist von uns für Sie. Wir danken Ihnen sehr!”

Sebastian Werner ist gebürtiger Hamburger und studierte Angewandte Medienwirtschaft an der 'medienakademie', wobei er sich besonders für den journalistischen Teil begeistern konnte. Das brachte ihn zu RTL interactive, wo er heute Chef vom Dienst der Nachrichtenredaktion ist. Er schätzt vor allem Themen, die die Menschen bewegen – oder bewegen sollten. Diese findet er im „echten“ Leben mit seiner Familie in Köln – und im „digitalen“ Leben in den verschiedenen Social Networks.