Wikileaks bringt Papst in Bedrängnis

Die Wikileaks-Enthüllungen lassen den Vatikan und Papst Benedikt XVI. in keinem guten Licht dastehen
Die Wikileaks-Enthüllungen lassen den Vatikan und Papst Benedikt XVI. in keinem guten Licht dastehen
© dpa, Pool

17. Dezember 2010 - 14:14 Uhr

Aufklärung des Missbrauchsskandals torpediert

Die Enthüllungen der Internet-Plattform Wikileaks bringen nicht nur weltweit Politiker in Erklärungsnot. Der Vatikan soll laut Medienberichten eine Mitarbeit bei der Untersuchung von Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche in Irland verweigert haben und zudem "Überbleibsel antisemitischer Einstellungen" vorweisen. Darüber hinaus soll Papst Benedikt XVI. persönlich jahrelang Politik gegen einen EU-Beitritt der Türkei gemacht haben.

Die britische Zeitung 'Guardian' zitiert aus vertraulichen Telegrammen der US-Botschafterin im Vatikan, Julieta Valls Noyes. Demnach hat sich der Vatikan geweigert, seine Mitarbeiter zur Untersuchung von Missbrauchsfällen aussagen zu lassen. Es seien "viele im Vatikan verärgert" gewesen, weil die im März 2006 vom irischen Justizministerium eingesetzte Murphy-Kommission Informationen über Missbrauchsfälle durch Priester der Erzdiözese Dublin angefordert habe. Der Heilige Stuhl habe das Versäumnis der irischen Regierung beklagt, die Souveränität des Vatikans in der Angelegenheit "zu respektieren und zu schützen".

Der irische Botschafter im Vatikan, Noel Fahey, sagte der Depesche zufolge, der Streit um die Murphy-Kommission sei "die schwierigste Krise gewesen, die er je bewältigt" habe. Letztlich habe Dublin dem Kirchen-Druck nachgegeben, nicht auf die Bereitstellung von Informationen durch den Vatikan gedrungen und dessen Mitarbeitern Immunität gewährt. Nach der nun veröffentlichten Einschätzung der irischen Gesandtschaft habe die "mangelnde Kooperation" des Vatikans die Situation um den Missbrauchsskandal verschlimmert.

Vatikan bezweifelt Glaubwürdigkeit

Der im November 2009 veröffentlichte Murphy-Bericht prangerte an, dass in Irland katholische Würdenträger über mehr als 30 Jahre Missbrauch und Misshandlungen von Minderjährigen vertuscht hatten. Insgesamt war von 14.500 Opfern die Rede. Nach der Veröffentlichung waren unter anderem in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Belgien und in Italien Missbrauchsskandale um katholische Geistliche bekannt geworden.

Der Vatikan bezeichnete die Veröffentlichungen von Wikileaks als "äußerst gravierend", wollte den Inhalt in einer Pressemitteilung aber nicht kommentieren. "Die Depeschen spiegeln lediglich die Meinung derjenigen wider, die sie verfasst haben", hieß es. "Ihre Glaubwürdigkeit muss mit Zurückhaltung und großer Vorsicht beurteilt werden."

Als einflussreicher Kardinal im Vatikan soll der heutige Papst zudem jahrelang Politik gegen einen EU-Beitritt der Türkei gemacht haben, berichtet der 'Guardian' weiter. So habe sich Ratzinger im Jahr 2004 als Präfekt der Glaubenskongregation dagegen ausgesprochen. Die Zeitung zitiert einen US-Diplomaten, demzufolge es "für Ratzinger klar ist, dass es eine weitere Schwächung für die christlichen Wurzeln in Europa bedeuten würde, wenn ein muslimisches Land in die EU aufgenommen würde". In der Türkei stehe man kurz vor der "offenen Verfolgung" der Christen, es könnte gar nicht mehr viel schlimmer für die Christen in dem Land werden, zitierte der Diplomat seinen vatikanischen Informanten. Offiziell verhielt sich der Vatikan in dieser Sache politisch neutral.

Die 'New York Times' zitiert zudem aus Depeschen, worin US-Diplomaten ihre Sorge über "Überbleibsel anti-semitischer Einstellungen" unter Mitarbeitern des Vatikan äußerten. 2002 soll ein älterer Vatikan-Mitarbeiter das Interesse der US-Regierung am modernen europäischen Antisemitismus mit dem "exzessiven Einfluss von Juden" in US-Medien und -Regierung erklärt haben.