Maske und Abstand auf dem Schulhof, enger Trubel auf dem Spielplatz

Wie sinnvoll sind die strengen Hygieneregeln in Schulen?

02. Juni 2020 - 13:58 Uhr

von Rachel Kapuja

Maske auf, erst mal Hände desinfizieren und dann über markierte Wege zum abgemessenen Platz im Klassenzimmer – natürlich immer mit viel Abstand zu anderen: Bei der schrittweisen Rückkehr zum Schulalltag wird Kindern eine Menge Disziplin abverlangt. Auf den meisten Spielplätzen hingegen hängen zwar auch Corona-Regeln aus, doch die sind beim gemeinsamen Toben schnell vergessen. Wie sinnvoll sind da die strengen Regeln im Schulgebäude? Wir haben den Fünftklässler Silas durch seinen neuen Alltag begleitet. Was ihn dabei besonders beschäftigt, sehen Sie im Video.

+++ Alle aktuellen Infos zum Coronavirus finden Sie im RTL.de-Liveticker +++

"Keine gute Studienlage" zu Ansteckungsgefahr bei Kindern

Zeitlich gestaffelter Unterricht, kleine Gruppen und strenge Hygieneregeln: Mit vielen Einschränkungen nimmt der Betrieb an den Schulen langsam wieder Fahrt auf. Wie genau, das entscheidet jede Schule anders – und auch auf Länderebene sind die Regeln verschieden.

Eine einheitliche Perspektive für das neue Schuljahr nach den Sommerferien fehlt bisher, wie unter anderem Friedrich Merz im RTL-Interview kritisiert. Ebenso unklar ist, wie lang die Regeln für Mindestabstand und Masken – meist müssen sie auf dem Schulhof und auf den Gängen getragen werden – in dieser strikten Form gelten werden.

Übersicht der Länder

Die detaillierten Pläne der einzelnen Länder finden Sie in dieser interaktiven Karte. Details dazu können Sie auch hier noch nachlesen.

Es ist unklar, wie ansteckend Kinder wirklich sind

Nicht erst seit dem Streit um die Studie zur Viruslast bei Kindern von Virologe Christian Drosten wird das Thema "Schulen und Kitas" heftig diskutiert. Im Gespräch mit der Augsburger Allgemeinen erklärte Gesundheitsminister Jens Spahn: "Die Wahrheit ist, dass wir bis heute keine wirklich gute, abschließende Studienlage haben, was die Kinder wirklich zur Infektionsverbreitung beitragen." Für die Kinder selbst bestünde ein unterdurchschnittliches Risiko.

Die Frage sei allerdings, was mit dem Infektionsgeschehen passiere, wenn sie LehrerInnen, ErzieherInnen oder auch ihre Großeltern zu Hause treffen. "Da gibt es unter den Wissenschaftlern sehr unterschiedliche Einschätzungen, und das macht es gerade schwer für die politische Entscheidung."

Gewerkschaft sorgt sich um LehrerInnen in der Corona-Krise

Genau dieser Punkt macht auch Astrid Henke, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Schleswig-Holstein, gerade große Sorgen. In dem Bundesland sollen bereits ab dem 8. Juni wieder alle GrundschülerInnen zur Schule gehen – und zwar ohne Abstandsregeln. "Wir finden es nicht richtig, in dem Tempo zu öffnen", erklärt sie im Interview mit RTL. "Der Landesregierung scheint der Gesundheitsschutz der Beschäftigten nicht wichtig zu sein." Die GEW sorgt sich vor allem um Risikogruppen. "Warum man in allen anderen Situationen 1,50 Meter Abstand halten soll und das jetzt in der Grundschule nicht mehr gegeben sein soll, ist für uns völlig unerklärlich."

Abstandsregeln auf dem Spielplatz kaum umsetzbar

Dass Kinder diese 1,50 Meter allerdings nach der Schule stets einhalten, dürfte eher fraglich sein. "Was sie dann an der Bushaltestelle machen, haben wir nicht mehr unter Kontrolle", so ein Lehrer an einer Gesamtschule in Duisburg zu RTL. Spätestens beim ausgelassenen Spielen auf dem Spielplatz ist der Mindestabstand in den meisten Fällen passé.

Bei der Verkündung der Wiedereröffnung Anfang Mai mahnten Bund und Länder, dass Eltern überfüllte Anlagen meiden und grundlegende Hygieneregeln befolgen sollten. In der Praxis sieht das allerdings oft anders aus, und für umfassende Kontrollen dürfte schlicht das Personal fehlen: "Spielplatzwachen kann und wird es nicht geben. Wenn es vor Ort zu viele Probleme gibt, denen man nicht anderweitig begegnen kann, müssten die Kommunen im Zweifel im Einzelfall auch Anlagen wieder schließen, was wir nicht hoffen", so Karl-Heinz Frieden, geschäftsführendes Vorstandsmitglied beim Gemeinde- und Städtebund Rheinland-Pfalz, Anfang Mai.

Im Video: Hygieniker Dr. Zinn zu Kinder-Freizeitsport und Kitas

Bietet die frische Luft genug Schutz?

Für das Sozialministerium Baden-Württemberg ist vor allem die frische Luft für die Regeln auf Spielplätzen ausschlaggebend: "Aus infektionshygienischer Sicht reduziert der Aufenthalt im Freien das Infektionsrisiko gegenüber dem in geschlossenen Räumen, weil die stärkere Luftbewegung einen deutlichen Verdünnungseffekt auf die ausgeatmeten potentiell infektiösen Tröpfchen bewirkt", heißt es in der Empfehlung zur Öffnung von Spielplätzen. Aus ähnlichen Gründen sieht Virologe Christian Drosten beispielsweise auch die Wiedereröffnung von Restaurants kritisch – Außenbereiche seien hingegen relativ sichere Bereiche.

80 Prozent der Deutschen für regulären Unterricht

Wann es für Kinder in der Schule wieder einen ganz normalen Alltag geben wird, darauf gibt es momentan keine Antwort. Allerdings zeigt eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL, dass sich mehr als 80 Prozent der Bundesbürger für einen regulären Unterricht nach den Sommerferien aussprechen – vorausgesetzt, das Infektionsgeschehen nimmt in den nächsten Wochen nicht wieder zu.

Im Hinblick auf die Entwicklung und das Seelenheil der Kinder würden das auch die Psychologinnen Elisabeth Raffauf und Sabine Werner-Kopsch sehr begrüßen. Warum, erklären sie in unserem Interview: Schadet Social Distancing der Kinderseele?

TVNOW-Doku: Kinder in der Corona-Krise

Kinder in der Corona Krise - Die verlorene Generation? Homeschooling, Überforderte Eltern und Abstandhalten in Kitas und Schulen. Mit Experten blicken wir auf die Auswirkungen der Virus-Katastrophe auf unsere Kinder und Jugendlichen. Sehen Sie hierzu die TVNOW-Doku "Kinder in der Corona-Krise".

Video-Playlist: Alles, was Sie jetzt zum Coronavirus wissen sollten