Chancengleichheit in der Corona-Pandemie

Wie sehr benachteiligt Homeschooling ärmere Kinder?

ARCHIV - 12.03.2020, Nordrhein-Westfalen, Gelsenkirchen: Stühle stehen in einem Klassenzimmer in einer Grundschule auf den Tischen. In NRW beginnt am Montag der verschärfte Corona-Lockdown. Alle Schulen gehen in den Distanzunterricht, Kitas bieten nu
Weil die Anwesenheitspflicht aber bis mindestens Ende Januar aufgehoben ist, bedeutet das für die meisten Schülerinnen und Schüler erneut Unterricht via Internet.
pil pa gfh, dpa, Caroline Seidel

Das Problem mit den Computern

Eigentlich sollte für viele Schülerinnen und Schüler am 11. Januar der Unterricht nach den Weihnachtsferien wieder starten. Weil die Anwesenheitspflicht aber bis mindestens Ende Januar aufgehoben ist, bedeutet das für die meisten Schülerinnen und Schüler erneut Unterricht via Internet. Wie schlecht das mancherorts noch immer läuft, zeigt der Blick nach Niedersachsen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Mehrere Schulen meldeten Probleme des Bildungsservers, Unterricht per Videokonferenz nicht möglich war. Neben der zentralen Infrastruktur gehören zu Fernunterricht aber auch private Geräte, wie Computer oder Laptops, auf die nicht jeder zurückgreifen kann. Viele Schulleiter und auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey befürchten deshalb, dass Homeschooling ärmere Familien benachteiligen könnte.

Studie: Fehlende Laptops sind ein großer Nachteil

Wie real das Problem ist, zeigt eine Studie Instituts der Deutschen Wirtschaft. Demnach haben zwar fast 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland Zugang zu einem digitalen Endgerät. Mehr als die Hälfte der 12- bis 14-Jährigen müssen sich dieses aber mit mindestens einem Familienmitglied teilen. Im Fall von Homeschooling mit mehreren Geschwistern gleichzeitig bedeutet das, dass nicht alle gleichzeitig unterrichtet werden können. Ein klarer Nachteil gegenüber Familien, die auf mehrere Computer, Laptops oder Tablets zurückgreifen können.

Giffey: Kita-Kinder müssen als erstes zurück in den Alltag

„Gerade wenn Kinder in sozial schwierigen Verhältnissen leben, ist die Betroffenheit durch die Pandemie umso größer“, so Giffey am Montag in Berlin. „Wenn Eltern nicht ausreichend unterstützen und fördern können, ist die geschlossene Kita, die geschlossene Schule noch viel gravierender.“ Ältere Kinder könnten das aber noch einfacher wegstecken als jüngere, so Giffey. Sie fordert deshalb, sobald Lockerungen der Kontaktbeschränkungen möglich seien, müssten Kita-Kinder die ersten sein, die wieder einen geregelten Alltag bekommen.

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"Tablets allein reichen nicht"

Heinz-Peter Meidinger
Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.
deutsche presse agentur

Eine ähnliche Forderung kommt auch von Seiten der Lehrerschaft. Auch der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger fordert, dass neben den Abschlussklassen vor allem die Jüngsten als erstes wieder in die Schule gehen sollten. Unterstützung bekommt er auch von seinem Kollegen und Schulleiter Bernd Steioff. „Grundschüler brauchen mehr als alle anderen den persönlichen Kontakt und auch die Unterstützung der Lehrer“, so Steioff. „Tablets allein reichen dabei nicht aus. Genauso, wie es technikkundige Lehrerinnen und Lehrer braucht, braucht es zum einen auch technikkundige Eltern, die zum anderen auch die Zeit und die Möglichkeiten haben ihre Kinder zu unterstützen.“ Er fordert deshalb zumindest eine teilweise Öffnung der Schulen durch Wechselunterreicht und Maskenpflicht. „Die letzten Monate haben gezeigt, dass durch die Maskenpflicht die Zahl der Erkältungskrankheiten bei uns an der Schule fast gen Null gegangen ist.“

"Homeoffice und Home-Schooling gehen nicht zusammen"

Eine Forderung, die Bund und Länder aktuell wegen anhaltend hohen Coronazahlen kritisch sehen. Lockerungen und die Öffnung von Kitas und Schulen für alle stünden im Moment nicht ganz oben auf der Prioritätenliste, so Bundesfamilienministerin Giffey. Stattdessen müsse man die richtigen Lehren aus dem ersten Shutdown ziehen. Wer Kinder habe und von zu Hause aus arbeite, müsse eine Notbetreuung bekommen. Zusätzlich sollen Eltern zukünftig mehr Krankheitstage für ihre Kinder bekommen, wenn die nicht betreut werden können.„Homeoffice und Homeschooling gehen nicht zusammen“, so Giffey. Pro Elternteil sollen 10 zusätzliche Tage gewährt werden, Alleinerziehende bekommen 20. Noch diese Woche soll der Bundestag über die Regelung abstimmen. Wie das Problem der Chancengleichheit gelöst werden soll, blieb aber auch bei ihr offen.