Liebe vs. Vernunft

Wie schwer mir der Teil-Lockdown ohne meinen Opa fällt

Mein Opa und ich
Mein Opa und ich
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12. November 2020 - 15:19 Uhr

von Mareike Luft

Ich bin ein absolutes "Opakind". Schon immer. Liegt vielleicht auch daran, dass er bei uns mit im Haus wohnt und zwar nicht in einem abgetrennten Stockwerk, sondern mit uns zusammen. Er gehört dazu, ohne ihn geht es einfach nicht. Dann kam Corona.

Mein Opa ist mein Zuhause

Mittlerweile wohne ich nicht mehr Zuhause, versuche aber so oft es geht in meine Heimat zu fahren. Der Grund: Ich will meine Familie und meine Freunde sehen, aber vor allem eben auch meinen Opa. Er ist für mich ein ganz besonderer Mensch, der mich geprägt hat und mit dem ich fast jeden Tag meiner ersten 18 Lebensjahre zusammen war. Er kennt mich, hat mich mit erzogen. Er hat mir das Fahrradfahren beigebracht – draußen bei uns im Hof. Tagelang hat er mit mir geübt, bis ich es konnte - dank ihm. Mein Opa ist mein Rückhalt, meine Zuflucht, mein Ruhepol, mein Zuhause. Und all das auf eine ganz andere Weise als alle anderen, die mir nahe stehen.

Video-Calls sind nicht das Gleiche

Er ist eher der ruhige Typ, ein Kriegskind. Schätzt, was er hat. Über Gefühle reden ist eigentlich eher nicht so seins, die macht er meistens mit sich alleine aus. Und deshalb weiß ich auch genau, wie viel es bedeutet, wenn er am Telefon zu mir sagt: "Ich habe dich lieb."

Inzwischen ist es Monate her, dass ich meine Familie und meinen Opa live gesehen habe – Corona eben. Das tut weh. Mein Opa gehört jetzt auch nicht unbedingt zur Handygeneration. "So ein Ding brauche ich nicht", sagt er immer. Vielleicht wäre es ein wenig einfacher, besonders in dieser Zeit, wenn er technikaffiner wäre. Aber so ist er eben, das nehme ich ihm nicht übel. Wirklich sehen tun wir uns eigentlich nur, wenn ich meine Mama per Video-Chat anrufe. Aber das ist nicht das Gleiche. Ein WhatsApp-Video-Call kann Nähe und Liebe einfach nicht ersetzten.

Wenn wir reden, merke ich: Er hat Angst. Angst vor dieser Zeit, vor Corona. Er geht weniger raus, trifft seine Freunde aus dem Dorf nicht mehr – sicher ist sicher. Er ist einsamer als vor der Pandemie, wie ich, wie wir alle. Er sagt "Es ist wohl besser, wenn du nicht kommst." Natürlich weiß ich das auch. Aber ein Teil von mir denkt da auch anders, ist egoistisch. In meinem Kopf drehen sich die Gedanken. Vielleicht passiert ja gar nichts? Was ist mit Weihnachten? Du kannst doch nicht Weihnachten ohne deine Familie, ohne deinen Opa feiern?!

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Ein innerer Konflikt

Ich vermisse ihn so sehr, dass ich immer wieder überlege das Risiko vielleicht einzugehen, in der Hoffnung, dass am Ende alles gut geht. Was für ein Gedanke. Aber natürlich will ich ihn nicht anstecken, möchte nicht, dass er krank wird wegen mir und vielleicht noch Schlimmeres. Das würde ich mir nie verzeihen. Deshalb bleibe ich weg. Die Gedanken aber bleiben. Ich bin genervt, frustriert, ohne eine passende Lösung. Immer dieser innere Konflikt – Liebe vs. Vernunft.

Von Freunden höre ich, dass deren Großeltern eine andere Meinung haben. Sie denken. "Ach ich bin schon so alt, ich möchte meine Enkelkinder jetzt sehen, wer weiß wie lange ich noch lebe." Das kann ich auch verstehen. Letzendlich muss das wohl jeder für sich entscheiden, auch wenn es schwer fällt. Ich weiß nicht, wie es am besten ist.

Ältere Menschen nicht vergessen

Für ältere Menschen wie meinen Opa ist Corona besonders schlimm. Sie können jetzt noch weniger machen. Können Freunde, von denen sie vielleicht auch nur noch eine Hand voll haben, nicht mehr sehen. Viele sind sogar ganz allein in dieser Zeit – haben nicht das Glück eine Familie direkt um sich zu haben, wie er. Ich glaube es ist wichtig, ihnen besonders jetzt zu zeigen, dass wir sie nicht vergessen. Vielleicht sollten wir uns mal wieder mehr Zeit nehmen, mal einen Brief schreiben zum Beispiel. Am Ende müssen wir aber einfach alle zusammen durchhalten und dürfen die Hoffnung nicht verlieren.

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