Auf einem Wildtiermarkt fing alles an

Wie das Coronavirus zum Menschen kam

01. April 2020 - 9:56 Uhr

Virus schafft den Sprung von Tier zu Mensch

Das Coronavirus ist nicht das erste, das die Mensch-Tier-Schranke überwinden konnte und wohl auch nicht das letzte. Aktuell sind die USA und Italien am stärksten von der Ausbreitung des Virus betroffen,doch auch in Deutschland werden täglich zahlreiche neue Corona-Fälle gemeldet. Wie es das Virus schaffte, auf den Menschen überzuspringen und was wir tun müssen, damit das nicht mehr vorkommt, dazu ein Interview mit Arnulf Köhncke, Leiter Artenschutz beim World Wildlife Fund (WWF).

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TVNOW-Doku: Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus

Das Corona-Virus hält Deutschland und den Rest der Welt in Atem. Wie konnte es zur rasanten Verbreitung kommen und was bedeutet der Ausbruch für unseren Alltag? Warum Wissenschaftler schon lange vor dem Ausbruch vor dem Virus gewarnt haben, erfahren Sie in der TVNOW-Doku "Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus".

Ein Arbeiter desinfiziert am 6.1.2004 auf einem Wildtiermarkt in Guangzhou Käfige mit Larvenrollern. Der aktuelle bestätigte Sars-Fall ist nach Angaben von Wissenschaftlern möglicherweise auf Wildtiere zurückzuführen, die in Südchina als Delikatesse
Ein Arbeiter desinfiziert auf einem Wildtiermarkt Käfige..
© picture-alliance / dpa/dpaweb, epa Chang Feng, lf/rf

Als Ursprungsort des Coronavirus gilt ein Tiermarkt in Wuhan in China, auf dem mit toten und lebenden, auch exotischen Tieren gehandelt wird. Stimmt das?

Arnulf Koehncke, FB Leiter Artenschutz, Artenschutz,
Arnulf Koehncke, FB Leiter Artenschutz, Artenschutz
© Daniel Seiffert/WWF, MAS

Arnulf Köhncke, Leiter Artenschutz beim WWF: "Das neue Coronavirus ist definitiv von Tieren auf Menschen übertragen worden. Wir gehen davon aus, dass es von einer Fledermaus stammt und über ein anderes Tier auf den Menschen übertragen wurde. Als Zwischenwirt hatte man erst Schlangen in Verdacht, dann Schuppentiere. Wir wissen es noch nicht. Die Suche nach dem Zwischenwirt läuft weiter - weltweit. Es ist sehr wichtig zu wissen, wo das Virus herkam, um zukünftige Übersprünge verhindern zu können."

Wieso ein Wildtiermarkt als Ursprungsort?

tiermarkt (1)
Tiermärkte sind in China weit verbreite, doch die chinesische Regierung hat sie vorerst geschlossen, um darüber zu beraten.

"Die Wildtiermärkte, auf denen lebende Tiere gehandelt werden, sind leider ein sehr günstiger Ort zum Übertragen von Krankheiten. Zum Einen sind verschiedene Wildtierarten im direkten Kontakt miteinander, zum Andern die Wildtiere mit Menschen. Das eigentliche Problem liegt aber tiefer. Das Problem sind nämlich nicht die Wildtiere, sondern der direkte Kontakt von uns Menschen mit den Tieren. Wir Menschen dringen immer weiter in die Lebensräume der Tiere vor, wir zerstören Lebensräume, wir roden Wälder, wir bauen Straßen und Siedlungen. Wir kommen immer mehr in Kontakt mit Tieren, mit denen wir vorher nicht in Kontakt gekommen sind. Und da kann es eben zur Übertragung von Krankheiten kommen. Das muss nicht nur auf Wildtiermärkten passieren."

Dort werden solche Tiere aber auch gegessen…

Little brown bat (Myotis lucifugus) in Salmonier, Newfoundland, Canada.
Fledermäuse werden als Ursprung des Corona-Virus angesehen.

"Die Tiere zu essen, ist nicht das Problem. Wir essen ja auch Wildschwein oder Hirsch. Das Problem sind oft die hygienischen Zustände. Es geht auch um den nicht regulierten, illegalen Wildtierhandel, der eine Gefahr für uns und für die Artenvielfalt ist.

Die chinesische Regierung hat jetzt beschlossen, den Handel von allen landlebenden Wildtieren für den Verzehr zu verbieten und will ihr Wildtierschutzgesetz überarbeiten. Das ist ein wichtiger Schritt, um Übertragungsrisiken zu reduzieren. Es geht für den WWF aber nicht nur um den Verzehr der Wildtiere, sondern auch um deren nicht nachhaltige Nutzung für medizinische Zwecke und als Haustiere. Wir hoffen, dass das Virus auch ein Weckruf ist gegen nicht nachhaltige Nutzung von bedrohten Tierarten."

Welche Tiere werden auf diesen Märkt gehandelt?

"Die Bandbreite der gehandelten Tiere ist groß: Es geht von Schleichkatzen und Schuppentieren über Reptilien wie Schlangen und Krokodilen bis hin zu vielen Nagetierarten."

Wer kauft und isst denn so was?

Ein Arbeiter desinfiziert am 6.1.2004 auf einem Wildtiermarkt in Guangzhou Käfige mit Larvenrollern. Der aktuelle bestätigte Sars-Fall ist nach Angaben von Wissenschaftlern möglicherweise auf Wildtiere zurückzuführen, die in Südchina als Delikatesse
Ein Arbeiter desinfiziert auf einem Wildtiermarkt in Guangzhou Käfige mit Larvenrollern gegen Sars. Immer wieder waren Wildtiermärkte Ursprungsort von Krankheitserregern, die auf den Menschen übertragen wurden.
© picture-alliance / dpa/dpaweb, epa Chang Feng, lf/rf

"Es gibt eine tief verankerte Tradition für den Verzehr dieser Tiere - als Delikatesse, als Statussymbol oder auch aufgrund der vermeintlichen gesundheitlichen Wirkung. Der WWF versucht, die Nachfrage zu reduzieren und Alternativen aufzuzeigen."

Welche anderen Krankheiten werden von Tieren übertragen?

"Es gibt sehr viele Infektionskrankheiten, die ursprünglich von Tieren stammen. Einige haben wir Menschen inzwischen ganz gut in den Griff bekommen, z.B. Pocken, die wir durch Impfungen am Menschen komplett ausgerottet haben. Tollwut haben wir durch Impfungen an Wildtieren in vielen Bereichen der Welt in den Griff bekommen. Trotzdem sterben noch Zehntausende Menschen jedes Jahr an Tollwut. Wir gehen davon aus, dass deutlich mehr als die Hälfte der neu entstehenden Infektionskrankheiten von Tieren stammen."

Was bedeutet in diesem Zusammenhang Zoonose?

"Zoonosen sind Krankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden. Die Symptome sind oft sehr unterschiedlich. Krankheiten, die bei Tieren eher mild verlaufen, können bei Menschen schlimmere Symptome verursachen. Andersherum haben wir das auch. Krankheiten, die beim Menschen vielleicht einen Schnupfen auslösen, enden für Schimapansen tödlich."

Wo kommen die Krankheiten her?

Das Große Mausohr oder auch nur Mausohr (Myotis myotis) im Winterquartier / greater mouse-eared bat / Foto: Ralph Frank
Das Große Mausohr oder auch nur Mausohr (Myotis myotis) im Winterquartier.
© Ralph Frank

"Die neuen Krankheiten kommen nicht nur aus Asien. Ebola kommt beispielsweise aus Afrika, MERS aus dem mittleren Osten, Tollwut ist in Europa aktiv, aber durch Impfungen stark zurückgedrängt."

Was folgern und fordern Sie aus der Coronakrise?

"Es hängt alles ganz eng zusammen: die Gesundheit von Menschen, die Gesundheit von Tieren und die Gesundheit der Umwelt. Wir sind in der Verantwortung, Klima und Artenvielfalt zu schützen. Das kommt am Ende allen zugute.

Die Coronakrise kam für uns nicht überraschend. Schon vor über 10 Jahren wurde in Umweltschutzkreisen gewarnt: Achtung, wenn wir nicht aufhören, die Natur zu zerstören, wenn wir weiter vordringen in die Lebensräume der Tiere, dann werden wir neuartige Zoonosen sehen." 

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