"Wir sind Kanonenfutter"

Widerstand gegen Schulöffnungen in Berlin

ARCHIV - 15.06.2020, Baden-Württemberg, ---: Schulkinder einer fünften Klasse eines Gymnasiums sitzen an ihren Tischen, während die Referendarin an der Tafel unterrichtet. (zu dpa: «Lauterbach kritisiert Vorschlag zu Schulöffnungen im Südwesten») Fot
Berlin öffnet die Schulen ab dem 11. Januar
pvd lop, dpa, Philipp von Ditfurth

Schüler, Lehrer und Eltern protestieren gegen Schulöffnungen in Berlin

Die Schulen sind einer der größten Streitpunkte der Corona-Krise. Auf oder zu? Präsenzunterricht oder zuhause? Auch nach den neuen Corona-Beschlüssen herrscht weiter für viele Eltern, Lehrer und Schüler wenig Klarheit und es wird scharf diskutiert, wie das Beispiel Berlin zeigt.

Trotz der bundesweit verschärften Lockdown-Maßnahmen öffnet Berlin seine Schulen ab Montag, dem 11. Januar wieder für Abschlussjahrgänge. Grundschuljahrgänge sollen ab dem 18. Januar folgen. Bei vielen Lehrern, Schülern und Eltern führt das zu Unverständnis und Protesten, die Angst vor Ansteckung in den Schulen ist weiterhin groß. Es hagelt Kritik an dem regierenden Bürgermeister Michael Müller und der Berliner Schulsenatorin für die Entscheidung.

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Reaktionen nach eigenen Lockdown-Maßnahmen: Wut, Unverständnis und Frust

Kontakte vermeiden ist weiterhin die Devise – für die Berliner Abschlussjahrgänge und deren Lehrer trifft das ab Montag jedoch nur noch auf ihr Privatleben zu. Trotz geteilter Klassen und der Aussetzung des Regelunterrichts kehren zehntausende Schüler in Berlin dann in die Schulen zurück. Die Angst vor Ansteckung bei Lehrern, Eltern und Schülern ist daher groß, genau wie das Unverständnis für die Entscheidung.

Im Internet erklärte ein Zehlendorfer Lehrer: „Wir sind Kanonenfutter“, ähnlich wütend äußerten sich viele Betroffene unter dem Hashtag #Schulboykott bei Twitter. Mehrere Berliner Gymnasien stellten bereits Eilanträge auf eine Verlängerung des Homeschoolings bis Ende Januar.

Sorge vor weiteren Infektionen und eine Missachtung der Infektionsschutzregeln hat auch der Leiter eines Berliner Oberstufenzentrums. Er beschrieb dem „Tagesspiegel“, dass besonders ältere Schüler in den Pausen zum Rauchen vor den Schulen „abhängen“ würden. Der Schulleiter erklärt: „Dort wird sich vor die Füße gespuckt, aus einer Flasche getrunken, miteinander gelacht, sich gegenseitig der Rauch ins Gesicht gepustet.“

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Berliner Vater startet Petition gegen Schulrückkehr

Auch ein Berliner Vater kritisiert die Entscheidung der Schulöffnungen in Berlin. Er startete daher eine Petition mit dem Namen „Kein Präsenz-Unterricht in Berlin, solange Covid-19 nicht unter Kontrolle ist“. Über 26.000 Menschen haben bereits unterschrieben und fordern von Bürgermeister Müller, die Schulen nicht zu öffnen.

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Streit in Berliner Koalition

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Streit um die geplante Stufenweise Öffnung der Schulen gibt es auch in der Berliner Koalition. Die Berliner Linke kritisiert die Entscheidung der Schulsenatorin und will die Öffnung nicht hinnehmen. Fraktionsschef Carsten Schatz bezeichnete die Schulöffnungen als „wenig konsistent“, die Linken-Politikerin Regina Kittler ging noch einen Schritt weiter und erklärte dem „Tagesspiegel“, die Öffnungen kämen ihr vor wie ein „Lotteriespiel mit der Gesundheit“. Ähnlich sieht es auch die CDU und fordert den Berliner Senat auf, die Entscheidung um die Schulöffnungen ab Montag zurückzunehmen.

Anders sehen es jedoch die Grünen, sie verteidigen die Pläne des Berliner Senats. Fraktionschefin Silke Gebel betont wie wichtig es sei zu verhindern, dass Kinder durch die Pandemie zurück bleiben. Man dürfe den Anspruch nicht aufgeben, dass jedes Kind trotzdem zum Bildungserfolg komme.

Die meisten Bundesländer lassen Schulen dicht

Im Gegensatz zu Berlin lassen die meisten anderen Bundesländer ihre Schulen bis Ende Januar zu, aber Ausnahmen gibt es – wie immer.

Neben Berlin öffnet auch das Saarland seine Schulen ab kommenden Montag für Abschlussjahrgänge, für sie gilt dort sogar eine Präsenzpflicht. In Hessen ist Präsenzunterricht ab dem 11.1. möglich, wenn Eltern arbeiten gehen müssen und sich deshalb nicht um die Kinder kümmern können. Auch Mecklenburg-Vorpommern lässt die Schulen für die Klassen 1-6 offen.

Bei vielen Betroffenen herrscht Verwirrung darüber, welche Regeln in ihrem Bundesland nun ab wann gelten. Eine detaillierte Auflistung der einzelnen Bundesländer und deren Maßnahmen finden Sie hier.

Hohe Infektionszahlen - Schulen auf oder zulassen?

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Grundschulkinder mit Maske in der Schule
mb lop, dpa, Matthias Bein

Das Thema Schulöffnungen spaltet die Gesellschaft – während in Berlin gegen Schulöffnungen protestiert wird, fordert die Schüler Union Deutschlands die bundesweite Öffnung der Schulen. Unter dem Slogan „Macht die Schulen auf – schützt die jüngsten“ fordert der Bundesvorsitzende Finn Wandhoff die Schulen ganztägig zu öffnen, junge Schüler vor psychischen Erkrankungen zu schützen und die Lehrer mehr in die Pflicht zu nehmen.

„Es wird öffentlich fast gar nicht über die psychischen, aber auch biografischen Folgen der Schulschließungen für die Schülerinnen und Schüler gesprochen. Die bisherigen Maßnahmen im Bildungsbereich sind absolut unzureichend und stehen nicht im Verhältnis zu den Langzeitschäden, die sie verursachen.“ erklärt der 20-Jährige in einer Pressemitteilung der Schüler Union.

Die Meinungen dazu, ob Schulen bis Januar geschlossen bleiben oder bereits wieder öffnen sollen gehen auseinander. So oder so – was Bildung in Corona-Zeiten angeht, kocht jedes Bundesland weiterhin sein eigenes Süppchen, dem Föderalismus sei dank.