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"Wichtigstes Abkommen des Jahrzehnts" – Antonia Rados zum Atomdeal mit dem Iran

"Wichtigstes Abkommen des Jahrzehnts" – Antonia Rados zum Atomdeal mit dem Iran

RTL-Chefkorrespondentin Antonia Rados
Antonia Rados erklärt im Interview, was das Atomabkommen mit dem Iran bedeutet.

Iran hat großen Einfluss in der Region

Nach 18 Tagen Verhandlungsmarathon in Wien gab es endlich ein Ergebnis im jahrelangen Atomstreit mit dem Iran. Die UN-Vetomächte, Deutschland und der Iran besiegelten offiziell ihre Einigung. Teheran muss sein Atomprogramm stark zurückfahren, sodass das Land keine eigene Atombombe bauen kann. Im Gegenzug sollen schrittweise die Sanktionen gegen den Ehemaligen Erzfeind der USA aufgehoben werden. Unsere Chefkorrespondentin Antonia Rados erklärt, was die Aufhebung der Isolation des Landes für die Region und für die Welt bedeutet.

Die diplomatische Offensive war ja durch den reformorientierten iranischen Präsidenten Hassan Ruhani möglich geworden. Jetzt loben sogar iranische Hardliner die Atom-Einigung. Erleben wir dort eine politische Zeitenwende?

Antonia Rados: Eine Zeitwende ja, wenn auch nicht sofort. Niemand soll erwarten, dass die Islamische Republik Iran von heute auf morgen alle Tore öffnet. Man darf nicht vergessen: Das ist kein Sieg für die Demokratie, das ist der Sieg der Islamischen Republik Iran. Abkommen oder nicht, daran wird sich nichts ändern. Der Iran hat dem Abkommen zugestimmt, weil er in einer Position der Stärke ist. Er hat heute mehr Einfluss als jedes andere Land in der Region. Er mischt in Syrien, Irak, Yemen und Libanon mit. Das hat er nicht mit diesem Abkommen aufgegeben.

Rados: Trotzdem: Das ist das wichtigste Abkommen des Jahrzehnts – nicht nur für den Iran, sondern für den gesamten Nahen Osten. Denn es geht nicht nur um die Atom-Einigung. Es ist die Rückkehr eines der wichtigsten Staaten des Nahen Ostens auf die internationale Weltbühne. Die Iraner glauben, dass sie heute nicht nur "stark" sind, sondern auch international als Partner anerkannt werden. Der Iran war über 30 Jahre lang ein Paria der Weltgeschichte. Heute spielt dieses wichtige Land wieder mit.

Was bedeutet die Einigung für die Menschen im Iran, der aufgrund von Öl-Embargo und weiteren Einschränkungen seit Jahren unter einer Wirtschaftskrise leidet? Ruhani hatte den rund 80 Millionen Bürgern einen wirtschaftlichen Aufschwung versprochen.

Rados: Iran ist der größte unerschlossene Markt der Welt, 80 Millionen, vor allem junge Menschen, warten nur darauf, ein i- Phone, eine neue Waschmaschine oder ein Auto zu kaufen. Das sind für internationale Hightech-Firmen – auch für deutsche – gute Aussichten. Aber wer im Westen glaubt, Iran sei nur ein Supermarkt, der irrt. Das Land hat eine lange, wichtige Geschichte und wird seine Interessen zu verteidigen wissen, politische genauso wie wirtschaftliche.

Iran als neue Ordnungsmacht

Die Einigung wäre einer der wenigen außenpolitischen Erfolge von Barack Obama, aber der skeptische US-Kongress muss noch zustimmen. Mit dessen Hilfe wird wohl auch Israel versuchen, die Vereinbarung zum Scheitern zu bringen. Wie groß ist diese Gefahr?

Rados: Ein Sieg für den Iran ist nicht unbedingt eine Niederlage für Israel, sicher aber eine Niederlange für Ministerpräsident Netanjahu. Er hat gegen dieses Abkommen gearbeitet. Er ist nun einer der großen Verlierer. Dahinter steckt aber auch etwas anderes. Bisher war vor allem Israel der Verbündete Nummer eins der USA im Nahen Osten. Nun könnte es der viel größere Iran werden.

Rados: Israels Ängste sind andererseits berechtigt, denn kein Land in der Region hat in den vergangenen Jahren mehr militärische Alleingänge gemacht als die Islamische Republik Iran: Siehe Irak, siehe Syrien, siehe Libanon, siehe Yemen.

Zu den Kritikern der Annäherung zählen auch die Golfstaaten, die eine Verschiebung des regionalen Machtgefüges im Nahen Osten zugunsten des Irans befürchten. Mit Recht?

Rados: Das Iran- Abkommen ist eine heftige Ohrfeige für dessen Widersacher, Saudi-Arabien, bisheriger wichtigster Alliierter der USA in der Region, neben Israel. Jahrzehntelang brauchten die USA das saudische Erdöl, und der saudische radikale Wahabismus wurde vom Westen geduldet mangels Alternativen in der Ölversorgung. Nun hat man im Iran die Alternative. Das ändert alles.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sieht dagegen die Chancen steigen, Krisen wie etwa in Syrien zu lösen. Denn während der Westen und Russland wegen des Ukraine-Konflikts völlig zerstritten sind, haben sie im Fall des Iran-Abkommens eng kooperiert. Wie bewerten Sie das?

Rados: Ich würde da nicht zu optimistisch sein, sondern im Gegenteil mehr Blutvergießen erwarten. Die von den Golfstaaten und Saudi-Arabien indirekt finanzierten radikalen Gruppen, wie IS in Syrien und sonst wo, werden nun nicht weniger, sondern mehr Mittel bekommen. Rache ist im Nahen Osten kein unbekanntes Wort. Die nächsten Monate werden entscheidend sein. Wird der Iran die neue Ordnungsmacht und wird er in der Region für Ruhe sorgen, auch in Syrien? Oder bekommen wir wegen dieses Abkommens noch mehr Chaos als bisher?