Corona-Krise und Arzneimittelversorgung

Werden wegen des Coronavirus die Medikamente knapp?

Viele Menschen haben Sorge, dass in den Apotheken die Medikamente knapp werden.
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24. März 2020 - 15:49 Uhr

Gefährdet das Coronavirus die Versorgung mit Medikamenten?

Schon vor dem Coronavirus wurde immer wieder über Medikamentenknappheit und berichtet. Immer wieder fehlen Krankenhäusern und Apotheken in Deutschland wichtige Medikamente für die Behandlung von Patienten. Aber wie sieht es jetzt aus, wenn durch die Corona-Pandemie möglicherweise auch weltweite Lieferketten gestört sind? Schon vor Wochen wurde über Medikamentenengpässe spekuliert.

Wir haben bei Dr. Martin Schulz nachgefragt. Er ist der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK). 

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Gibt es genug Medikamente in den Apotheken?

Die klare Antwort des Experten: Ja. Bis auf einige Hamsterkaufe von einzelnen Medikamenten sei der Ansturm auf die Apotheken eher zurück gegangen, so die Beobachtung des Experten. Gerade in der Versorgung mit Arzneimitteln wie Paracetamol oder Ibuprofen sähe es im Moment noch gut aus. Allerdings nur, wenn wir uns alle vernünftig verhalten und nicht alles horten, warnt Martin Schulz. Denn seitdem in den sozialen Medien immer wieder davor gewarnt wurde, Ibuprofen wirke sich negativ auf eine Corona-Infektion aus, kam es zu zahlreichen Hamsterkäufen von Paracetamol

Und das sei völlig unnötig, so Dr.Martin Schulz. Wer mehr Medikamente horte, als er eigentlich braucht, verschärfe den möglichen Engpass unnötig. Und verhalte sich damit unsolidarisch. Auch die Politik appelliert an den Gemeinschaftssinn: "Wenn jeder anfängt, Medikamente zu horten, die er nicht braucht, bricht auch das beste System zusammen. Das System beruht auf Vertrauen und jeder trägt dazu bei, dass dieses Vertrauen erhalten bleibt", warnt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Nur spezielle Corona-Medikamente sind betroffen

Wenn es zu Lieferenpässen kommen sollte, dann eher im Bereich der Medikamente, die im Rahmen einer Covid-19 Erkrankung eingesetzt werden, so die Einschätzung von Dr. Martin Schulz. Das beträfe aber vorallem die Medikamentenversorgung der Krankenhäuser. Betroffen sei beispielsweise der Pneumokokken-Impfstoff. Denn gerade Risikopatienten wird empfohlen, sich gegen Influenza und Pneumokokken impfen zu lassen, um die Gefahr einer Doppelinfektion zu vermeiden, und so Gefahr zu laufen, dass es zu einem schweren Verlauf der Covid-19-Infektion kommt.

Welche Impfungen Ärzte besonders älteren und chronisch kranken Menschen im Zusammenhang mit dem Coronavirus empfehlen, erfahren Sie hier.

"Bestimmte Medikamente sollen kontingentiert werden", so die Ansicht des Experten. "Damit bestimmte Medikamente nur den Patienten zur Verfügung gestellt werden, die sie wirklich benötigen." Gemeint sind damit Menschen mit einem schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung.

Tipp für die Hausapotheke: Frühzeitig um Rezept kümmern

Für alle Menschen, die sich im Moment fragen, ob sie die von ihnen benötigten Medikamente in den nächsten Wochen tatsächlich bekommen, hat Dr. Martin Schulz einen Rat:

  • Kontrollieren Sie Ihre Hausapotheke und schauen Sie, welche Medikamente Sie noch haben. Wenn ein von Ihnen benötigtes Medikament zur Neige geht, rufen Sie Ihren Arzt an und bestellen Sie telefonisch ein Folgerezept. Dieses kann Ihnen dann von einer Apotheke bis nach Hause geliefert werden. So vermeiden Sie es, unnötig nach draußen zu gehen.

Gleicher Wirkstoff, anderer Hersteller, andere Dosierung

Doch auch wenn die Medikamentenversorgung in Deutschland im Moment noch gut aussieht, erwarten Experten wie Dr. Martin Schulz, dass es möglicherweise zu Engpässen bei bestimmten Medikamenten kommt. Deshalb fordern Experten mehr Handlungsspielraum, um die Menschen weiterhin versorgen zu können. Denn ein großes Problem sind die Rabattverträge, die Krankenkassen mit Medikamentenherstellern schließen. Hat Krankenkasse X mit Hersteller Y einen Rabattvertrag über ein Antibiotikum geschlossen, bekommt der bei X versicherte Patient das Antibiotikum der Firma Y. Ärzte sind dann verpflichtet, genau dieses Mittel zu verschreiben und die Apotheken sind dazu verpflichtet, genau dieses Medikament herauszugeben.

Das muss sich dringend ändern, so der Experte. "Für jeden einzelnen heißt das konkret, wir müssen darauf verzichten, dass jeder genau seine Verpackung bekommt, genau seine Tabletten bekommt." Vielleicht bekäme man möglicherweise eine Tablette statt der verschriebenen Kapsel. "Doch wichtig ist, dass wir flexibel bleiben."

Welche Möglichkeiten man als Patient sonst noch hat, wenn das Medikament auf dem Rezept nicht verfügbar ist, erfahren Sie hier. 

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