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"Wer schützt uns?" - Der verzweifelte Hilferuf von Beschäftigten im öffentlichen Dienst

"Wer schützt uns?" - Der verzweifelte Hilferuf von Beschäftigten im öffentlichen Dienst

Spielt die Gesellschaft verrückt?

Am 23. Juni ist Welttag des öffentlichen Dienstes. Die Beschäftigten stehen immer mehr im Zielkreuz der Gewalt. Und da geht es nicht mehr nur um Großveranstaltungen oder Demos. Auch Rettungssanitäter werden immer öfter angegriffen. Die Polizei stellt sich anlässlich des G20 Gipfels wieder auf massive Aggressionen gegenüber Polizeibeamten ein.

Als Nazi beschimpft oder bei Einsätzen behindert

Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (l, CDU) spricht am 23.06.2017 in Berlin am Hauptbahnhof mit Beamten der Bundespolizei und Rettungskräften. Anlass für den Besuch war der Aktionstag gegen Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Foto:
Bundesinnenminister Thomas de Maiziere spricht am Berliner Hauptbahnhof mit Beamten der Bundespolizei und Rettungskräften.
nie, dpa, Kay Nietfeld

2016 wurden rund 71.800 Polizisten Opfer von Gewaltdelikten, gut 6.300 mehr als im Jahr zuvor. 23 Prozent der Lehrkräfte waren laut einer Umfrage an ihrer Schule schon einmal Ziel von Beschimpfungen, Mobbing, Drohungen oder Belästigung - an Hauptschulen sogar 45 Prozent. Sechs Prozent der Lehrer geben an, schon einmal körperlich angegriffen worden zu sein. Polizisten werden bei Verkehrskontrollen als Nazi beschimpft. Rettungsdienste werden behindert, Feuerwehrkräften beim Silvestereinsatz mit Böllern beschossen. Spielt die Gesellschaft verrückt?

"Wer es schafft, sich als Opfer darzustellen, überschreitet Normen"

Der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer rückt die Dinge gerade. "Wir leben nicht in einer völlig gewaltsamen Gesellschaft." Doch manche verletzten zu bestimmten Zeiten Normen, wenn Respekt verloren gehe. Gefährlich werde es, wenn sich Bürger als Opfer sähen. "Wer es schafft, sich als Opfer darzustellen, erwirtschaftet sich eine moralische Überlegenheit, um daraus eine Selbstermächtigung zu ziehen, Normen zu überschreiten."

Gleichgesinnte einer Gruppe fühlen sich auch als Opfer. Wer zuschlägt, zeigt es dem Staat stellvertretend auch für die anderen. Der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Reiner Hoffmann, spannt den Bogen zur sozialen Frage. Die Schere zwischen Arm und Reich gehe immer weiter auf. "Ausgegrenzte Menschen entwickeln natürlich Verhaltensweisen, die ausgesprochen problematisch sind", mahnt er. Zwar herrscht in Deutschland Rekordbeschäftigung. Doch 15,7 Prozent der Menschen im Land droht laut offizieller Statistik Armut.

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De Maizière muss passen

ARCHIV - Drei Männer behindern am 05.07.2015 in Bremervörde (Niedersachsen) nach einem tödlichen Unfall die Arbeit der Rettungskräfte. Voraussichtlich wird am 27.04.2017 das Urteil im Prozess gegen Männer nach tödlichem Unfall in einer Eisdiele in Br
In Bremervörde behinderten drei Männer 2015 nach einem tödlichen Unfall die Arbeit der Rettungskräfte.
jol jsai uk kno jst jol, dpa, Theo Bick

Doch es gibt auch konkrete Ursachen im öffentlichen Dienst selbst. Laut DGB fehlen über 110.000 Bedienstete. Dazu komme veraltete Technik und Schutzkleidung, die schon längst ersetzt werden müsste. Ein junger Bundespolizist schildert Bundesinnenminister Thomas de Maizière einen Fall von einem Verdächtigen. Der Mann wurde von der Polizei gefasst, wegen Verjährung dann aber wieder freigelassen. Das Gericht hatte das Verfahren nicht rechtzeitig eröffnet.

Da muss der oberste Dienstherr passen. Wenn die Polizei mehr Stellen bekomme, dann müsse die Antwort der Justiz sein, mehr Staatsanwälte und anderes Personal anzustellen, sagt de Maizière. Zuständig sei er dafür aber nicht. Selbst wenn alle Gewerkschaftsforderungen erfüllt würden, wird nicht alles gut.

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Gesellschaft muss besser mit Konflikten umgehen lernen

Wissenschaftler Heitmeyer sagt: "Eine gewaltfreie Gesellschaft hat es noch nie gegeben und wird es auch nicht geben." Aber mit Konflikten umgehen - das müsse die Gesellschaft an vielen Stellen besser lernen. So bereiteten die Unis angehende Lehrer überhaupt nicht darauf vor, dass sie in ihrem Job oft frontal angegangen würden. "Das ist ein absolutes Versagen."