Wer nicht bremst, hat Schuld? Erster Prozess nach Sandsturm-Massenkarambolage beginnt

08. Juli 2015 - 19:27 Uhr

Frau wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht

Nach der dramatischen Massenkarambolage, die sich im April 2011 auf der Autobahn 19 südlich von Rostock ereignete, hat der erste Prozess begonnen – weitere werden folgen. An dem Unfall waren insgesamt 83 Fahrzeuge beteiligt. Acht Menschen starben, rund 130 wurden verletzt.

Angeklagte im Prozess um die Massenkarambolage vor dem Amtsgericht Rostock
Die Angeklagte widersprach dem Anklagepunkt, sie hätte die Sandsturmwolke frühzeitig bemerkt und dementsprechend reagieren müssen.
© dpa, Bernd Wüstneck

Einer Frau aus Brandenburg wird fahrlässige Tötung vorgeworfen, da sie ihre Geschwindigkeit nicht an die widrigen Verhältnisse angepasst haben soll. Sie sei auf ein Auto aufgefahren, in dem ein Ehepaar starb. Die Frau hatte danach einen Strafbefehl über neun Monate Haft erhalten und war dagegen in Widerspruch gegangen.

Im Prozess vor dem Amtsgericht Rostock bestritt die 53-Jährige den Anklagepunkt, dass die Wolke, die zu der Massenkarambolage in Mecklenburg-Vorpommern führte, aus mindestens 650 Metern Entfernung zu erkennen gewesen sei. "Dann hätte ich reagiert." Ihrer Aussage nach war die Sandsturmwolke ganz plötzlich aufgetaucht. Die Frau aus Eisenhüttenstadt, die mit fünf Freundinnen in dem Kleinbus saß, wurde damals schwer verletzt.

Rekonstruktion des Unfallhergangs dauerte mehrere Jahre

Gutachter waren über Jahre hinweg damit beschäftigt, die Unfallursache und den Verlauf zu rekonstruieren. Ihren Angaben zufolge soll die Sicht an der Unfallstelle nur bei drei bis fünf Metern gelegen haben. Die Ursache für die riesige Sandwolke über der Autobahn waren große Mengen trockenen Sandes und Erde, die nach wochenlanger Trockenheit bei dem Frühjahrssturm hochgewirbelt worden waren.

Nach Einschätzung von Umweltschützern fehlten auf den riesigen Feldern nahe der Autobahn Feldhecken, die das Aufwirbeln des Sandes hätten begrenzen können. Burkhard Roloff, Agrarexperte der Umweltorganisation BUND, sagte, daran habe sich seit dem Unfall nichts getan. Das einzige, was sich geändert habe, sei, dass Autofahrer im Falle von Sandstürmen gewarnt werden.