Rechtsextreme Drohbriefe

Wer dirigiert das "Staatsstreichorchester"?

Hier mailte das "Staatsstreichorchester" als "NSU 2.0": Eine Bombendrohung gegen das Berliner Landgericht im April 2020
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06. Mai 2020 - 15:08 Uhr

Der Staatsschutz ermittelt

von Andreas Kock

Solche Botschaften will niemand im Postfach haben: Mails, die üble persönliche Beschimpfungen und dann noch Morddrohungen enthalten. Etwa fünfzehn solcher Schreiben sind Ende April bei Politikern, Staatsanwälten, Anwaltskanzleien und Redaktionsbüros eingetroffen. Alle mit gleichem Inhalt. Alle unterzeichnet mit "Sieg Heil" und "Heil Hitler". Und stets lautet der Absender "Staatsstreichorchester". Der Staatsschutz ermittelt, das Bundeskriminalamt und mehrere Landeskriminalämter untersuchen die Mails.

Man kennt sich

Der Angeklagte Andre M.zum Prozessauftakt wegen rechtsextremer Drohmails der Nationalsozialistischen Offensive vor dem Berliner Landgericht Berlin unter Vorsitz von Richter Thorsten Braunschweig. snapshot-photography/F.Boillot *** Defendant Andre M a
Der Angeklagte André M. zum Prozessauftakt: Der Troll hinter der "Nationalsozialistischen Offensive"
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Dabei ist der Verfasser ein alter Bekannter für die Sicherheitsbehörden. Und er ist wahrscheinlich ein Einzeltäter. Als "Staatsstreichorchester", aber eben auch als "NSU 2.0" und "Wehrmacht" soll der Absender hunderte rechtsextremistische Drohmails verschickt haben. Darunter waren auch Bombendrohungen, weswegen diverse Male Rathäuser und Gerichtsgebäude in der ganzen Bundesrepublik geräumt werden mussten.

Die letzte Bombendrohung wieder als "NSU 2.0" sorgte erst vor kurzem für Unruhe. Am 21. April sollte am Landgericht Berlin die Verhandlung gegen André M. beginnen. Ebenfalls ein emsiger Verfasser von Drohbriefen, unterwegs war er als "Nationalsozialistische Offensive". Im April 2019 schnappte ihn die Polizei. Die Bombe vom  "NSU 2.0" erwies sich als Bluff. Die Forderung war konkret: Ein Freispruch "Unseres Freundes André M."

Rechte Trolle, traurige Gestalten

Offenbar kennen sich der Drohbriefschreiber und der Angeklagte. Und wie die "Nationalsozialistische Offensive" wird das "Staatsstreichorchester" vermutlich von nur von einer Person dirigiert. Das ermittelnde Berliner Staatsanwaltschaft hält sich bedeckt. Aber André M. war schließlich auch nur als Ein-Mann-Kommando unterwegs.

Berauscht vom Hass?

​Prozessbeobachter beschreiben ihn als  hageren 32-Jährigen, der zuletzt bei seinen Eltern im Kreis Pinneberg lebte. Eine Berufsausbildung hatte er nicht genossen. Umso mehr muss es ihn berauscht haben, als Nazi-Troll Hassbotschaften zu verschicken.

Ähnlich wird es um den "Staatsstreichorchester"-Troll bestellt sein. Im Oktober 2019 hatte der Absender dem Thüringer CDU-Politiker Mike Mohring eine Morddrohung geschickt. Ein Schreiben voller Hass und wilder Rechtschreibung. Mohring hat den Text ins Netz gestellt. Zum Nachlesen, Gruseln und Kopfschütteln.