Wenn nichts mehr bleibt als das nackte Leben

10. Februar 2016 - 14:12 Uhr

"Sie töteten ohne Unterschied"

Tausende Syrer haben sich in den vergangenen Tagen über die Grenze in den Libanon gerettet. Viele mussten alles zurücklassen. Nur das nackte Leben ist ihnen geblieben.

UN-Menschenrechtsbeauftragte Amos in Syrien
Syrische Flüchtlinge im nördlichen Libanon
© Reuters

"Es war so kalt und ich hatte große Angst", erzählt die neunjährige Nagham. Zusammen mit ihrer Familie ist die kleine Syrerin in den Libanon geflüchtet. "Wir wollen lieber zu Hause sein, mit unseren Freunden. Wir wollten nicht hierherkommen", sagt sie. Es sei eine harte Entscheidung gewesen, erzählt ihr Vater, Abu Firas. "Entweder du lässt alles zurück, was du besitzt und rettest deine Familie und Kinder, oder du bleibst und stirbst." Der Syrer ist mit seinen sechs Kindern geflüchtet. Zusammen mit etwa 150 anderen Familien hat er in dem Dorf Arsal im Ostlibanon Unterschlupf gefunden.

Sein Bauernhof in Al-Kusair in der Provinz Homs war nicht mehr sicher. Die Flucht in der Dunkelheit über die Grenze war beängstigend, erzählt der 47-Jährige. Die Kinder hätten die ganze Zeit geweint. Während der Flucht mussten sie über den verschneiten Boden kriechen, um nicht von Regierungstruppen entdeckt zu werden. Nun haben die Kinder Fieber.

Nach der Einnahme des Stadtviertels in der Rebellenhochburg Homs in der vergangenen Woche durch Regierungstruppen häufen sich Berichte von Gräueltaten. "Als die Regierungstruppen Baba Amro einnahmen, machten sie keinen Unterschied zwischen Rebellen und Zivilisten", sagt Abu Firas. "Sie töteten ohne Unterschied."

Seine Nachbarn und er beschlossen, in dieser Nacht zu fliehen. Im dichten Schneetreiben kämpften sie sich durch die Wälder in den Libanon durch. Al-Kusair ist nur zwanzig Minuten von der Grenze entfernt, doch die Gruppe brauchte mehr als zwei Stunden. Oft mussten sie sich vor Soldaten verstecken, erzählen die Flüchtlinge. Aber Abu Firas hatte Glück. Nach der abenteuerlichen Flucht über Bergstraßen und durch Schneestürme hat die Familie bei einem alten Freund in Arsal Unterschlupf gefunden.

UN-Menschenrechtsbeauftragte Amos in Syrien

Seit dem Beginn der Proteste gegen Assad vor einem Jahr sind nach UN-Angaben mehr als 7.500 Menschen ums Leben gekommen. Die meisten der Flüchtlinge in Arsal seien Frauen und Kinder, sagt Dana Suleiman, eine Sprecherin des UN-Flüchtlingswerks UNHCR. Helfer verteilen Decken, Medikamente und andere Hilfsgüter.

Die UN-Menschenrechtsbeauftragte Valerie Amos bemüht sich in Syrien um direkten Zugang für Hilfsorganisationen zur Zivilbevölkerung in umkämpften Regionen. Im Anschluss an ein Gespräch im syrischen Außenministerium in Damaskus reiste Amos heute in die Stadt Homs weiter, wie eine UN-Sprecherin mitteilte. Hilfsorganisationen haben darüber geklagt, dass ihnen der Zugang zur notleidenden Zivilbevölkerung verwehrt werde.

Nach nächtlichen Demonstrationen in mehreren Vierteln von Damaskus berichten Aktivisten von einer Welle von Festnahmen in der syrischen Hauptstadt. Die Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter teilte mit, im Al-Kabun-Viertel seien bei einer Großrazzia zahlreiche Menschen abgeführt worden.

Die sogenannten Revolutionskomitees veröffentlichten ein Video, das eine nächtliche Demonstration zeigt, die ihren Angaben zufolge am Dienstag am Abbasiden-Platz stattfand. Die Teilnehmer der Kundgebung rufen: "Wir wollen Freiheit, Islam und Christentum!" Auch im Stadtteil Messe soll erneut protestiert worden sein.