Wenn Helikopter-Eltern zur Plage für die Schule werden: "Transport-, Rettungs- und Kampfhubschrauber"

© dpa, Inga Kjer

2. Dezember 2015 - 14:44 Uhr

Übertriebene Fürsorge stört reibungslosen Ablauf

Fürsorge ist gut, übertriebene Fürsorge schafft Probleme. Dies ist zunehmend an deutschen Schulen zu beobachten. Eltern bringen ihre Kinder samt Ranzen bis zum Platz im Klassenzimmer, winken während des Unterrichts durchs Fenster und parken beim Abholen ihres Nachwuchses auf der Busspur. Rektoren vor allem an Grundschulen sind nicht mehr bereit, solche Störungen klaglos hinzunehmen. "Viele Schulen müssen Vorsorge treffen, um einen reibungslosen Unterricht zu gewährleisten", sagt der Chef der baden-württembergischen Schulleitervereinigung, Werner Weber.

Es gebe nur noch wenige Grundschulen, die nicht auf Schildern mehr oder weniger freundlich Eltern auffordern, vor dem Gebäude zu bleiben und ihren Nachwuchs nicht noch ins Klassenzimmer zu begleiten. Nach Schätzung des Psychotherapeuten Martin Klett aus Freiburg tendieren rund 15 bis 20 Prozent der Eltern zu extremer Überbehütung. Ein Grund dafür sei die Sorge um die Zukunft der Kinder - mit manchmal schlimmen Folgen.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus hat ebenfalls beobachtet, dass das Phänomen der sogenannten Helikoptereltern, die besorgt über ihrem Nachwuchs kreisen, mehr und mehr um sich greift. Er unterscheidet Transport-, Rettungs- und Kampfhubschrauber: Unter "Transporthubschrauber" fallen die "Mama-Taxis", die vor Schulgebäuden für Verkehrschaos sorgen.

Die "Rettungshubschrauber" sind diejenigen Eltern, die ihrem Nachwuchs bei vergessenen Sportbeuteln und Vesperboxen aus der Patsche helfen. Und die "Kampfhubschrauber" sind die, die sich ständig beschweren, sei es über Noten, Stundenpläne oder Disziplinarmaßnahmen. "Das Gros der vernünftigen Eltern sollte sich dagegen verwahren", meint Kraus.

"Liebe Eltern, ab hier schaffen wir das allein"

Das Thema genießt große öffentliche Aufmerksamkeit, seit der Brandbrief des Rektors der Stuttgarter Schillerschule, Ralf Hermann, an die Eltern publik geworden war. In dem Schreiben heißt es: "So erleben wir täglich, wie viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen, verkehrswidrig und häufig gefährlich an der Kreuzung vor dem Haupteingang der Schule parken, Kind und Schulranzen ausladen, den Ranzen teilweise bis ins Klassenzimmer tragen, dem Sohn oder der Tochter die Jacke abnehmen, helfen die Hausschuhe anzuziehen (...) Und all dies nicht selten nach Beginn des Unterrichts um 7.45 Uhr."

Kraus, der selbst ein Gymnasium leitet, wünscht sich, "dass Schulleiter an unseren 42.000 Schulen in Deutschland mit ähnlichen Problemen den Mumm haben, sich an die Eltern zu wenden." Auch andere Schulen bestärkten die Schillerschule in ihrer Wahrnehmung. Für die Rektorin der Stuttgarter Bachschule, Silke Plaas, ist es auch eine Frage der Sicherheit, Väter und Mütter weitgehend aus dem Schulgebäude fernzuhalten.

Dem Kollegium sei aufgefallen, dass sich zu viele Erwachsene im Haus befinden, die nicht immer eindeutig als Eltern zu identifizieren waren. Deshalb sei im Eingangsbereich eine Kiss-and-Go-Zone eingerichtet worden, wo Eltern ihre Kinder in die Klassenzimmer entlassen können. Zudem mahnt ein Schild an der Treppe zu den Unterrichtsräumen: "Liebe Eltern, ab hier schaffen wir das allein."

Die Motive der "Glucken-Eltern" sind vielfältig. Weber, Leiter der Heidenheimer Friedrich-Voith-Schule, vermutet, dass Eltern gerade bei Ganztagsschulen ein schlechtes Gewissen haben, ihr Kind so lange "abzugeben"; dies wollten sie durch besondere Fürsorge ausgleichen. Renate Schlüter, geschäftsführende Leiterin der Stuttgarter Grund- und Hauptschulen, sieht einen Zusammenhang zwischen der wachsenden Zahl der Ein-Kind-Familien und der Angst der Eltern "um ihr Wertvollstes".