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Wenn Geld wichtiger als Menschen ist - der einsame Kampf der sterbenden Bauern auf Cebu

Wenn Geld wichtiger als Menschen ist - der einsame Kampf der sterbenden Bauern auf Cebu

Oliver Scheel
Bauer Randy Derot zeigt Fotos von den Misshandlungen durch die Polizei.

Oliver Scheel berichtet von den Philippinen

Seit 1910 beackern die Bauern von Aloguinsan auf der philippinischen Insel Cebu ihr Land. Sie bauen Mangos an, Bananen und Gemüse, das sie zum täglichen Leben brauchen und auf den lokalen Märkten verkaufen. Das Leben ist hart genug für diese Menschen, die auf ihren wenigen Hektar Land alles erwirtschaften müssen, was sie zum Überleben brauchen.

Das Beispiel zeigt: Geld ist wichtiger als ein Mensch

Oliver Scheel
Die Bauern auf der Insel Cebu protesieren zum Teil seit Jahren gegen die Enteignungen - auch mit solchen Camps.

Doch die Bauern des kleinen Zusammenschlusses SRFA (San Roque Farmers Association) sind bescheiden. "Wir müssen nicht nach Europa reisen, es reicht, wenn es unsere Mangos bis zu euch schaffen", sagt Romeo Nengasca.

Doch ihre Mangos werden es womöglich bald nicht mehr nach Europa schaffen. Denn die Bauern fürchten um ihre Parzelle Land. 'Landgrabbing', also die unrechtmäßige Enteignung von Farmland meist von großen Unternehmen und Konsortien ist weitverbreitet, doch die Art und Weise wie sie auf den Philippinen vonstatten geht, ist schockierend. Sie zeigt, wie wenig ein Menschenleben wert sein kann. Sie zeigt, dass wirtschaftliche Interessen weit über den Interessen einer Gemeinschaft stehen. Geld ist wichtiger als ein Mensch. Es ist wie das Ende des sozialen Zusammenlebens.

Die Bauern aus Aloguinsan werden wie rechtlose Vogelfreie behandelt, obwohl sie beweisen können, dass das Land ihr eigenes ist. Der Kampf David gegen Goliath geht meist nur in Erzählungen an den Kleinen, selten im richtigen Leben.

Noch leben die Bauern von SRFA, sie kämpfen nun schon seit mehr als fünf Jahren tapfer gegen die mächtige Kombination aus Großunternehmen, korrupter Behörden und Polizei. "Am 29. August 2011 standen morgens plötzlich 300 Polizisten auf unseren Feldern. Sie schlugen uns und nahmen 37 von uns gefangen, darunter auch Frauen. Was haben unsere Frauen damit zu tun? Viele sind bis heute traumatisiert, haben ständig Angst, dass die Polizei wieder kommt“, erklärt der Bauer Randy Derot. "Sie haben uns festgenommen wegen Landfriedensbruchs. Aber das ist hier ist unser Land“, sagt Randy.

Gnade kann man nicht erwarten wenn man leere Taschen hat

Oliver Scheel
Fotos vom berüchtigten 29. August 2011.

Das sieht Jufil Gantuangco ganz anders. Er gibt sich als der rechtmäßige Landbesitzer aus. Und er hat mächtige Freunde und Rückendeckung der Behörden. Es gibt ein Agrarreform-Programm, das vorsieht, auf 168 Hektar Land Mangos anzubauen. Dass das Land gar nicht dem Investor gehört, ist auf den Philippinen Nebensache. "Gantuangco hat Freunde in den höchsten Etagen. Wie könnte man sonst erklären, dass 300 Polizisten in diese entlegene Gegend kommen, um uns festzunehmen? Aber wir geben nicht auf“, sagt Randy, ein sehniger Mann von etwa 40 Jahren.

Die Bauern erzählen, dass der größte Mangohersteller der Philippinen, Profood International, den Investmentplan unterstützt. Und was machte die Bürgermeisterin des Ortes? Sie half nicht etwa ihren Bürgern, sondern stellte ihnen den Strom ab.

Seit fünf Jahren sitzen die Bauern nun abends bei Kerzenlicht, sie müssen über offenem Feuer kochen und können kein Fleisch mehr zubereiten, weil sie keine Kühlschränke mehr nutzen können. Sie sollen einfach ausgehungert werden. Doch die Bauern von SRFA sind zäh. Aufgeben bedeutet für sie, ihr Land verlassen zu müssen und die nächsten Bewohner in einem der etlichen Slums der Philippinen zu werden. Dort leben jetzt schon Millionen Menschen im Dreck.

Sie leben neben den feisten Shopping-Malls, in die über breite Boulevards edle SUVs einfahren, sie leben neben schicken chinesischen Krankenhäusern, die top ausgestattet aber natürlich nur gegen Rechnung die Menschen gesundheitlich versorgen. "Ohne Geld keine Behandlung. So kommt es vor, dass Menschen vor den Krankenhäusern sterben“, sagt Gigi Labradores, die für Fairhandels-Organisation SPFTC auf Cebu für die Rechte der Bauern kämpft.

Gnade kann man nicht erwarten wenn man leere Taschen hat. Immerhin stirbt auch hier die Hoffnung zuletzt. "Wir haben eine Kampagne ins Leben gerufen mit dem Titel "Land ist Leben", um auf die Not der Bauern hinzuweisen“, so Labradores. Doch ob das die tiefe gesellschaftliche Spannung in diesem Teil der Welt ein wenig lindern kann, darf zumindest bezweifelt werden.