30 Jahre Wiedervereinigung

Wenn der Ossi im Westen regiert und der Wessi im Osten

03. Oktober 2020 - 16:22 Uhr

Von Anne Schneemelcher

Dieter Greysinger (SPD) ist 1990 aus Franken nach Sachsen gezogen – Jens Fankhänel (CSU) hat es genau andersrum gemacht. Neben ihrer Geschichte eint die beiden ihr Beruf: beide sind Bürgermeister.

Der Neu-Franke sächselt, der Neu-Sachse fränkelt

Der fränkische Sachse trifft den sächsichen Franken

"Da musste erst das Fernsehen kommen, damit wir uns endlich treffen", sagt Dieter Greysinger (SPD), als er in seinem Heimatort Neunkirchen am Sand bei Bürgermeister Jens Fankhänel (CSU) zu Besuch ist. Ja – die beiden Lokalpolitiker haben sich viel zu erzählen.

Außenstehende müssen zwangsläufig bei diesem verwirrenden Zusammentreffen schmunzeln. Denn man weiß im ersten Moment nicht so recht, wer hier Besucher ist und wer Gast. Der Neu-Franke sächselt, der Neu-Sachse fränkelt – der ehemalige Ossi ist in der CSU, der Wessi in der SPD.

Von Sachsen nach Franken, von Franken nach Sachsen

Dieter Greysinger 1990 in Sachsen in seinem ersten Büro.

Dieter Greysinger ist im fränkischen Neunkirchen aufgewachsen, hat aber 1990 nach der Wende das Bundesland gewechselt und ist nach Sachsen in die Kleinstadt Hainichen gezogen. Seit 16 Jahren ist er dort Bürgermeister. Dennoch besucht der heute 55-Jährige des Öfteren seine alte Heimat.

Heute trifft er erstmal auf Neukirchens Bürgermeister Jens Fankhänel (CSU). Der zeigt ihm nicht nur Rathaus und Sitzungssaal, auch Kirche und Wirtshaus stehen auf der Tagesordnung. Zum Glück, denn die Wirtshauskultur fehlt dem einst Westdeutschen Greysinger schon sehr: "Das ist dann doch was, wo ich ein bisschen melancholisch bin, wenn ich hier dann wieder bin", verrät er.

Der eine vermisst das Wirtshaus, der andere Muttis Krautrouladen

Jens Fankhänel 1990 im Nürnberger Land

Auch der "Neue" vermisst hin und wieder etwas von zu Hause. Fankhänel hat ähnlich wie Greysinger 1990 seine Heimat verlassen. Er ist zum Studieren von Chemnitz nach Nürnberg gezogen. Seit Mai 2020 ist der Bauingenieur Bürgermeister von Neunkirchen, seit 2001 in der CSU.

Die Krautrouladen von Mutti vermisst er, ansonsten hat sich der Ostdeutsche eingelebt: "Ich bin jetzt seit 1990 hier. Ich habe länger hier gelebt, als in Sachsen oder Brandenburg - ich war zeitweise mal in Brandenburg für fünf Jahre. Aber Franken ist meine Heimat geworden."

Gleiche Probleme: Strukturwandel und aussterbende Innenstädte

Dieter Greysinger ( links) und Jens Fankhänel im fränkischen Wirtshaus

Bei einem Bier in einer Wirtschaft am Glatzenstein in Franken fällt es den beiden Lokalpolitikern nicht schwer auch über Probleme zu sprechen. Beide klagen über aussterbende Innenstädte, das Verschwinden kleinerer Tante-Emma-Läden und den Wirtshäusern. Beide sind über jeden Bäcker und jede Metzgerei, die ihnen bleibt, glücklich.

Ähnlich wie der fränkische Ort Neunkirchen ist auch die jetzige Heimat von Greysinger verkehrstechnisch angebunden. Das ist Fluch als auch Segen, denn zum Shoppen fahren die meisten lieber in die nächst größerer Stadt, so Greysinger.