Beobachtungen an der griechisch-türkischen Grenze

Weniger Migranten versuchen, die Grenze zu überwinden

Reporter Dirk Emmerich ist an der türkisch-griechischen Grenze, auf griechischer Seite. Nur einmal im Tag dürfen die Journalisten für 20 Minuten auf einen Bahndamm, der 200 Meter näher an der Grenze ist.
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09. März 2020 - 15:45 Uhr

Von Dirk Emmerich

Der Muhezzin ruft zum Gebet. Er ist deutlich zu hören, auch wenn wir nichts sehen. Wir sind 800 Meter von der griechisch-türkischen Grenze entfernt, auf der griechischen Seite. Näher lässt das griechische Militär die Journalisten nicht mehr heran. Das Zeltlager mit dem Muhezzin und den Migranten auf der türkischen Seite ist anderthalb Kilometer entfernt. Nur einmal im Tag dürfen wir Journalisten für 20 Minuten auf einen Bahndamm, der 200 Meter näher an der Grenze ist. Von dort sehen wir den Grenzzaun und das Zeltlager auf der anderen Seite. 

Unsere Reporterin Kavita Sharma berichtet von der türkischen Seite der Grenze- ihre Reportage können Sie hier lesen.

Die Versuche, die Grenze zu überwinden, werden weniger

Alle Migranten, die seit dem 1. März gekommen sind, werden als Grenzverletzer betrachtet und dürfen keinen Asylantrag in Griechenland stellen. Sie sollen zurückgeführt werden in die Türkei.
Alle Migranten, die seit dem 1. März gekommen sind, werden als Grenzverletzer betrachtet und dürfen keinen Asylantrag in Griechenland stellen. Sie sollen zurückgeführt werden in die Türkei.
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Die Lage hat sich in den letzten Tagen verändert. Die Versuche der Migranten, die Grenze durch eine Lücke im Zaun zu überwinden, haben stark abgenommen. Es hat sich herumgesprochen, dass die Ankündigung des türkischen Präsidenten Erdogan, die Grenze in die Europäische Union sei offen, nicht stimmt. Aber immer dann, wenn eine kleinere Gruppe es dennoch versucht, werden zunächst Rauchgranaten über den Grenzzaun geworfen und die Migranten versuchen, im Schutz des Nebels durchzukommen. Als Antwort setzt die griechische Grenzpolizei Tränengas ein. Nach fünf bis zehn Minuten normalisiert sich die Lage wieder.

Wenn es doch jemandem gelingt, sich auf die griechische Seite durchzuschlagen, wird er wenig später festgenommen. Wenn auch nicht direkt im Grenzgebiet, dann im Verlaufe der nächsten Stunden, denn die Bewohner in den umliegenden Dörfern von Kastanies melden Migranten an die Sicherheitskräfte.

In Handschellen werden sie in Transportern in das 250 Kilometer entfernte Serres nördlich von Thessaloniki gebracht. Alle Migranten, die seit dem 1. März gekommen sind, werden als Grenzverletzer betrachtet und dürfen keinen Asylantrag in Griechenland stellen. Sie sollen zurückgeführt werden in die Türkei. Wie und wann das passieren soll, ist jedoch völlig unklar und auch wenig realistisch.

Das Signal unmissverständlich: Hier gibt es kein Durchkommen

Die Versuche der Migranten, die Grenze durch eine Lücke im Zaun zu überwinden, haben stark abgenommen. Es hat sich herumgesprochen, dass die Ankündigung des türkischen Präsidenten Erdogan, dass die Grenze in die Europäische Union offen sei, nicht sti
Die Versuche der Migranten, die Grenze durch eine Lücke im Zaun zu überwinden, haben stark abgenommen. Es hat sich herumgesprochen, dass die Ankündigung des türkischen Präsidenten Erdogan, dass die Grenze in die Europäische Union offen sei, nicht stimmt.
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Griechenland ist entschlossen, auch in den nächsten Tagen so weiterzuverfahren. Das Signal ist unmissverständlich: hier ist kein Durchkommen. Die Außengrenze der Europäischen Union ist hier auf dem circa 100 Kilometer langen Landabschnitt mit der Türkei in den letzten Tagen zu einer Art Festung ausgebaut worden. Am Sonntag haben wir von dem Bahndamm in den 20 Minuten, in denen wir dort hindurften, beobachtet, wie griechische Soldaten einen zweiten Befestigungswall errichtet und den Grenzzaun mit zusätzlichem Draht verstärkt haben. 

Europa schottet sich ab. Nach den Versuchen des türkischen Präsidenten Erdogan, die EU zu erpressen, sind diese Maßnahmen logisch und verständlich. Ginge es nur darum, Erdogan die Grenzen seines zynischen Spiels aufzuzeigen, wäre das Ziel erreicht.

Den Migranten auf der anderen Seite des Grenzzauns in der Türkei hilft das jedoch nicht.