Weltmeister! Götze zaubert Deutschland zum 4. Stern!

Mario Götze (re.) erzielte im WM-Finale gegen Argentinien das Tor des Abends.
Mario Götze (re.) erzielte im WM-Finale gegen Argentinien das Tor des Abends.
© REUTERS, DAMIR SAGOLJ

17. Juli 2014 - 13:12 Uhr

Die Mission ist erfüllt – der Traum wahrgeworden. Deutschland ist zum vierten Mal Weltmeister! Im Finale im Maracana-Stadion in Rio de Janeiro besiegte die DFB-Elf Argentinien mit 1:0 (0:0; 0:0) n.V. und zauberte sich den vierten Stern auf die Brust.

In einem hochdramatischen Endspiel war der erst spät eingewechselte Mario Götze der Matchwinner für das Team von Bundestrainer Joachim Löw. Deutschland ist damit das erste europäische Team, das eine WM auf südamerikanischem Boden gewinnt. Argentinien bleibt somit nur Papst, wir sind das Schland Gottes! "Das war einfach fällig. Für mich ist das auch ein toller Erfolg. Die Mannschaft war eine verschworene Einheit, die für den Titel gekämpft hat", freute sich Löw nach dem großen Coup.

Löw wollte, wie schon beim 1:0 im Viertelfinale gegen Frankreich und beim 7:1-Schlachtfest gegen Gastgeber Brasilien im Halbfinale, die gleiche Startelf aufs Feld schicken. Doch wenige Minuten vor dem Anpfiff die bittere Nachricht: Sami Khedira verletzte sich beim Aufwärmen und musste wegen Wadenproblemen passen. Für den defensiven Mittelfeldspieler rückte Gladbachs Youngster Christoph Kramer ins Team. Nach ein paar Kurzeinsätzen wurde der WM-Neuling ins kalte Wasser respektive in den Kampf gegen Argentiniens Superstar Lionel Messi geworfen. Eine Prüfung, die er mit Bravour bestand – zumindest eine halbe Stunde.

Gegen die defensiv kompakt, bisweilen störrisch agierenden Gauchos taten sich die Deutschen zunächst erwartungsgemäß schwerer als gegen den Hühnerhaufen der Selecao. Zudem schaltete die Albiceleste bei Ballgewinn blitzschnell um und brachte die DFB-Auswahl vor allem zu Beginn ein ums andere Mal in Verlegenheit. Mats Hummels ließ sich in den ersten zehn Minuten zweimal von Ezequiel Lavezzi und Messi überlaufen – nutzen konnten die Argentinier, bei denen die angeschlagenen Angel di Maria und Sergio Agüero nicht in der Startelf standen, ihre Chancen allerdings nicht.

Wie viel Wert die Südamerikaner auf knallharte Defensive legen, bekam Kramer alsbald zu spüren, als er im Strafraum von Ezequiel Garay elfmeterreif niedergecheckt wurde. Das Gespann um Schiedsrichter Nicola Rizzoli hatte die Situation offenbar nicht gesehen. Ein Pfiff blieb aus. Nach kurzer Behandlung konnte Kramer weiterspielen, wirkte jedoch zunehmend benommen und musste nach einer halben Stunde mit Verdacht auf Gehirnerschütterung vom Platz. Für ihn kam Andre Schürrle in die Partie und übernahm den linken Flügel. Mesut Özil rückte ins zentrale Mittelfeld.

In einer turbulenten ersten Halbzeit versuchte Deutschland immer wieder die Initiative zu übernehmen – vor allem Özil hatte an diesem Tag den Antrieb für sich entdeckt. Doch viele Abspielfehler sowie haarsträubende Lapsi begleiteten die Bemühungen der deutschen Mannschaft, das Spiel zu ordnen und die Räume zu beherrschen. Völlig unbedrängt köpfte Toni Kroos (21.) zentimetergenau in den Lauf von Higuain, doch der verzog alleinstehend vor Neuer. Der Bayern-Stratege, der in der kommenden Saison wohl für Real Madrid spielen wird, sammelte an diesem Abend weniger Pluspunkte als sonst auf dem Weg zum besten Spieler des Turniers.

In der 30. Minute die nächste Schrecksekunde: Nach feiner Stafette über Messi, Lavezzi und Higuain landete das Leder im Netz. Doch der Stürmer des SSC Neapel stand bei der Flanke von Lavezzi gut einen Meter im Abseits. Dennoch war spätestens jetzt klar: Beim 'Tango Alemao im Maracana' tanzte die Angst mit. Allen voran Messi zog das Tempo nach Belieben an. Es war das mit Abstand beste WM-Spiel des viermaligen Weltfußballers. In der 40. Minute musste Boateng, der eine sensationelle Leistung ablieferte, in allerletzter Sekunde vor der Linie klären.

Höwedes wuchtet den Ball an den Pfosten

Bastian Schweinsteiger blutet nach einem Foul von Sergio Agüero.
Alles für den Erfolg: Bastian Schweinsteiger steckte viel ein.
© Getty Images, Bongarts

Apropos Linie: Die fanden die Deutschen erst kurz vor dem Pausentee wieder: Erst legte Özil schön auf Schürrle ab (41.), doch dessen Schuss konnte Romero locker aufnehmen. Wenig später brachte Müller eine scharfe Flanke in den 16er, eine Einladung für einen Flugkopfball a la Klose, doch der 36-Jährige nahm sie in seinem 24. WM-Spiel nicht an. Zu guter Letzt schaffte es Benedikt Höwedes quasi mit dem Halbzeitpfiff, den Ball nach einer Ecke von Kroos aus vier Metern mit dem Kopf an den Pfosten zu tackern.

Die erste Möglichkeit zur Führung in den zweiten 45 Minuten bot sich den Gauchos, bei denen Lavezzi durch Agüero ersetzt wurde, doch Messi schob den Ball aus halblinker Position einen knappen Meter am langen Eck vorbei.

Es dauerte fünf Minuten, bis sich die deutsche Elf wieder in ihrer Grundstruktur eingefunden hatte. Vor allem Philipp Lahm, der seine rechte Abwehrseite weitgehend gefahrenfrei hielt, schaltete sich immer wieder offensiv ein, doch gegen das argentinische Dfensiv-Bollwerk war an ein Durchkommen kaum zu denken. Kloses Kopfball (59.) nach Flanke des DFB-Kapitäns konnte Romero mit Leichtigkeit aufnehmen.

Je größer die Nervosität auf der deutschen Bank wurde, desto mehr kämpften sich die Deutschen ins Spiel. Doch viele Aktionen verliefen verkrampft bis überhastet im Sand. Özil (62.) trug den Ball nach Schürrle-Zuspiel mit dem Oberschenkel ins Toraus – Höwedes' Flanke (70.) küsste die Eckfahne. Ähnlich unglücklich agierte der Schalker, als er in der 80. Minute in zentraler Position bei der Ballannahme das Gleichgewicht verlor. Müller hätte eine Ablage dankend angenommen. Das deutsche Spiel rumpelte vor sich hin, bis zur 81. Minute: Özil legte mit viel Übersicht zurück auf Kroos, der trotz seiner perfekten Schusstechnik aus 18 Metern zwei Metern am Gehäuse der Gauchos vorbeischoss.

Klose macht Platz für den Matchwinner

Zwei Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit durfte der WM-Rekordtorschütze unter die Dusche: Klose verließ das Feld für Mario Götze, der sich kurz darauf mit einem harmlosen Schüsschen anwesend meldete und Rizzoli animierte, die ersten 90 Minuten der Nervenschlacht zu beenden.

Unmittelbar nach dem Wiederanpfiff hatte die Hälfte der rund 75.000 Zuschauer im Maracana den Jubelschrei auf den Lippen: Nach traumhafter Kombination über Müller und Götze landete der Ball bei Schürrle – dessen Direktabnahme wehrte Romero geistesgegenwärtig ab. Deutschland erhöhte nun wieder leicht die Schlagzahl, doch Argentinien blieb brandgefährlich. Hummels (97.) verschätzte sich bei einem hohen Ball, so dass der eingewechselte Rodrigo Palacio vor Neuer auftauchen konnte. Warum er die Chance mit einem kläglichen Heber selber vereitelte, bleibt sein Geheimnis.

In den letzten zehn Minuten der Verlängerung entwickelte sich das Final-Drama immer mehr zur Schlacht. Leidtragender: Schweinsteiger, der in Hochfrequenz gelegt wurde, vorzugsweise von Javier Mascherano und Agüero. Nach einem Ellbogencheck von Agüero (109.) hätte sich der Argentinier nicht beschweren dürfen, wenn er mit Gelb-Rot hinausgestellt worden wäre.

Als sich alle Beteiligten mental schon mit dem Thema Elfmeterschießen angefreundet hatten, stieg der Fußballgott in der 113. Minute in Person von Götze herab und brachte die Erlösung. Schürrle trug die Kugel über links an den Strafraum, bediente Götze, der den Ball traumhaft elegant mit der Brust mitnahm, aus sieben Metern unnachahmlich zum 1:0 vollstreckte und die 24 Jahre dauernde Titelsehnsucht mit dem goldenen Pokal befriedigte. "Es war kein einfaches Jahr für mich und kein einfaches Turnier. Es ist wie im Traum. Ich bin einfach nur stolz auf die Mannschaft und alles, was passiert ist hier in Brasilien", freute sich Götze wie ein Schneekönig.

Im dritten WM-Finale zwischen Deutschland und Argentinien fuhr die DFB-Elf damit den zweiten Sieg ein. Nach dem 2:3 1986 in Mexiko und dem 1:0 1990 in Italien behielt Schwarz-Rot-Gold erneut die Oberhand und kehrte auf den Fußballthron zurück!