Weltkulturerbe Palmyra in der Gewalt des IS: Wird 'die Königin der Wüste' vernichtet?

04. Januar 2016 - 13:53 Uhr

"Es wäre ein unwiederbringlicher Verlust für die Menschheit"

Die Meldung ist erschreckend: Der Islamische Staat beherrscht mit der Eroberung der antiken Stadt Palmyra schon die Hälfte Syriens. Dazu gehören auch fast alle Öl- und Gasfelder sowie die archäologischen Stätten im Südwesten. Schon einmal haben IS-Kämpfer wertvolle Kulturgüter im Nordirak zerstört. Die Frage ist, ob Palmyra jetzt das gleiche Schicksal droht. Die Oasenstadt gehört zum Weltkulturerbe.

Theater von Palmyra.
Das Theater von Palmyra aus dem 2. Jahrhundert nach Christus: Wie viele andere antike Bauten ist es von der Zerstörung durch den IS bedroht.
© REUTERS, OMAR SANADIKI

'Königin der Wüste', so wird Palmyra auch genannt. Noch gibt es sie. Doch seit der IS die Stadt eingenommen hat, weiß keiner wie lange noch. "Palmyra ist ein außergewöhnliches Stück Weltkulturerbe", so Irina Bokova, General-Direktorin der UNESCO. "Jegliche Zerstörung dieser Stätte wäre nicht nur ein Kriegsverbrechen - es wäre auch ein unwiederbringlicher Verlust für die Menschheit." Nach Expertenansicht drohen auch Raubgrabungen, um Kulturobjekte zur Finanzierung der Terrormiliz in den illegalen Handel zu bringen. Das sagte der Direktor des Vorderasiatischen Museums Berlin, Markus Hilgert, im Deutschlandfunk.

Eine Woche lang hatten sich die syrischen Truppen heftige Gefechte mit den Islamisten geliefert, bis sie Palmyra schließlich aufgaben. Damit ist nun auch das berüchtigtste Militär-Gefängnis Syriens in der Hand des IS. Nach ersten Berichten enthaupteten die IS-Milizen am Donnerstag mindestens 17 Menschen. Die Opfer waren Soldaten und Unterstützer des Regimes in Bagdad, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrecht mit. Damit sei die Zahl der Hinrichtungen in der Region seit Beginn der IS-Offensive vor wenigen Tagen auf insgesamt 66 gestiegen. Zudem nahmen die Islamisten den letzten noch von Regierungstruppen kontrollierten Grenzübergang zum Irak ein.

Einige der noch verbliebenen Bewohner sollen sich sogleich den Gotteskriegern angeschlossen haben. "Sie haben die Kämpfer in die Stadt gebracht und ihnen geholfen", erklärt Daniel Gerlach, Chefredakteur vom Magazin 'Zenith'. "Ohne sie hätten sich die IS-Milizionäre gar nicht zurechtgefunden. Sie wüssten gar nicht, welche Straßen oder Gebäude von Bedeutung sind."

Doch weshalb leisten die Bewohner kaum Gegenwehr? Gerlachs Erklärung: "Wenn für die Zivilbevölkerung in den vom Islamischen Staat besetzten Gebieten die einzige Alternative ist, wieder vom Assad-Regime kontrolliert oder von schiitischen Milizen aus dem Irak drangsaliert zu werden, dann ist das keine wirkliche Alternative und erklärt auch ein Stück weit neben der Angst, warum sich die Bevölkerung nicht gegen diese Bewegung erhebt."

"Es ist der Versuch, eine Identität auszulöschen"

Stück für Stück haben die Terroristen immer mehr Land gewonnen. Mit der Eroberung Palmyras sollen sie nun mittlerweile die Hälfte der Fläche Syriens beherrschen - in weiten Teilen unbewohntes Wüstengebiet, jedoch mit vielen wichtigen Öl- und Gasfeldern, über die sich die Extremisten hauptsächlich finanzieren. "Die Vorstellung, dass er flächendeckend das Land kontrolliert - ein Land, das auf der Karte mittlerweile so groß aussieht wie Großbritannien - die ist trügerisch", so Gerlach weiter. "Er kontrolliert natürlich nicht die Fläche, sondern er konzentriert sich auf bestimmte Punkte und ist deswegen in seiner Bewegung auch immer etwas unberechenbar."

Die einzigartigen Ruinen Palmyras aus den ersten Jahrhunderten nach Christus gehören zum Weltkulturerbe. Die einstige Handelsmetropole gilt als einer der bedeutendsten Komplexe antiker Bauten im Nahen Osten. Auch im benachbarten Irak kontrollieren die Dschihadisten inzwischen riesige Regionen und zerstören nach und nach das kulturelle Erbe, darunter die Ruinen der Jahrtausende alten Stadt Nimrud und die Grabungsstätte Ninive. Die altorientalischen Überreste stellen nach der radikalen Islam-Interpretation der Dschihadisten Kultstätten "Ungläubiger" dar. Nach dieser Lesart sind auch Bilder und figürliche Darstellungen von Menschen verboten.

"Es ist der Versuch, ein Andenken, eine Identität auszulöschen", meint Zahida Darwiche Jabbour von der libanesischen Nationalkommission der UNESCO. "Die Identität in der arabischen Region basiert auf so vielen historischen Einflüssen. Es ist so wichtig, diese zu schützen und zu bewahren." Deshalb appellierte die UNESCO erneut an den UN-Sicherheitsrat. Aktivisten aus der Stadt erklärten, bislang habe es keine Zerstörungen gegeben. Der Leiter der syrischen Museums- und Altertumsbehörde, Mamun Abdul-Karim, sagte laut der staatlichen Nachrichtenagentur Sana, Hunderte Statuen seien vor dem IS-Einmarsch an einen sicheren Ort gebracht worden.

Auch interessant