Zum Weltkrebstag am 4. Februar

RTL-Medizinexperte Dr. Specht beantwortet Fragen zum Thema Krebs

RTL-Medizinexperte Dr. Specht beantwortet Fragen zum Thema Krebs
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04. Februar 2020 - 20:50 Uhr

Sie haben Ihre Fragen an RTL-Medizinexperte Dr. Specht gestellt

Sicherlich kennt jeder Mensch mindestens eine Person, die schon einmal an Krebs erkrankt ist oder gerade vielleicht sogar Krebs hat. Aktuell erkranken etwa 18 Millionen Menschen jährlich an Krebs – jetzt warnt die WHO davor, dass sich diese Zahl in den kommenden Jahren verdoppeln soll. 2040 sollen demnach etwa bis zu 37 Millionen Menschen neu an Krebs erkranken.

Auf Facebook haben Sie uns Ihre Fragen zu der tückischen Krankheit gestellt. RTL-Medizinexperte Dr. Christoph Specht gibt Ihnen hier die Antworten.

Hier konnten Sie Ihre Fragen zum Thema Krebs stellen

+++ Delia: Sollte man diese Fragen nicht besser seinem Onkologen stellen? Jeder Krankheitsverlauf ist doch anders. +++

Unbedingt! Krebs ist ein so individuelles Geschehen. Außerdem ist auch jeder Patient völlig anders, sodass diese speziellen Fragen immer nur im vertrauensvollen Gespräch mit dem behandelnden Arzt geklärt werden können. Ich hoffe aber, mit der Beantwortung allgemeiner gehaltener Fragen zum einen die Angst, die mit dem Thema verbunden ist, zu nehmen und andererseits zur Aufklärung beizutragen.

Gott sei Dank haben wir in Deutschland ein (bei aller berechtigter Kritik) sehr gutes Gesundheitssystem mit der Möglichkeit, Krebsvorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen. Das ist ein großer Vorteil gegenüber den meisten Ländern der Welt. Aus meiner Sicht sollte man deswegen - immer in Absprache mit seinem Arzt - diese Angebote auch wahrnehmen.

+++ Jutta: Welche Rolle spielt Alternativmedizin in der Krebstherapie? +++

Viele Krebspatienten schwören auf alternative Therapieansätze. Hier muss man zwischen Alternativmedizin und komplementären Therapien unterscheiden. Alternativmedizin würde bedeuten, dass man klassische, wissenschaftlich in ihrer Wirksamkeit nachgewiesene Methoden nicht einsetzt und dafür andere Therapiefomen wählt. Davon würde ich abraten. Es gibt aber gerade bei der Behandlung von Krebs viele komplementärmedizinische Therapien. Diese werden nicht anstatt, sondern zusätzlich zu den anerkannten klassischen Behandlungsformen eingesetzt (z. B. Misteltherapie). Viele Ärzte, die Krebspatienten betreuen, stehen diesen Therapieformen zumindest nicht komplett ablehnend gegenüber, solange wissenschaftlich in ihrer Wirksamkeit nachgewiesene Therapien nicht abgelehnt werden. Grund für die Nachfrage nach komplementären Therapien ist häufig der Wunsch der Patienten, selbst etwas zur Therapie beizutragen und das wird von vielen Ärzten auch unterstützt.

Wenn jemand komplementärmedizinische Methoden anwendet (z. B. irgendwelche Substanzen einnimmt), sollte er den behandelnden Arzt unbedingt informieren, damit dieser eventuellauftretende Neben-/Wechselwirkungen einschätzen kann. Beispiel: Nicht jede Hormontherapie bei Brustkrebs verträgt sich mit der Misteltherapie.

+++ Bernd: In meinem Umfeld gab es ALLES - vom Kampf über Jahrzehnte bis zu ganz raschem Tod - Aber es gibt hoffnungsvolle Verläufe, die dann bestätigen, dass man hoffen kann/muss. +++

In der Tat sind die Erfolge in der Krebsbehandlung in den letzten Jahren enorm. Z. B. bedeutete Brustkrebs für viele Frauen oft das Todesurteil. Heute dagegen leben viele Patientinnen über Jahrzehnte. Bei vielen anderen Tumoren ist der Krebs zu einer chronischen Erkrankung geworden. Das heißt, aufgrund der Therapie ist der Krebs zwar nicht vollkommen verschwunden, kann aber soweit in Schach gehalten werden, dass die Betroffenen sehr viele Jahre ein weitgehend normales Leben führen können. Selbst bei aus medizinischer Sicht völlig hoffnungslosen Fällen (z. B. bei metastasiertem Prostatakrebs) gibt es immer wieder unerklärliche Verläufe. Die sind zwar sehr selten, aber es gibt sie. Habe ich selbst schon erlebt! Ein Patient mit mehreren Knochenmetastasen wollte seine letzten Monate ohne Therapie und möglichst in Frieden verleben. Als er sich dann ein dreiviertel Jahr danach zur Kontrolle vorstellte, waren keine Knochenmetastasen mehr nachweisbar. Der ehemalige Patient überlebte noch viele Jahre ohne Symptome. Er starb zwar irgendwann am Prostatakarzinom, doch erst viele Jahre später.

+++ Dagmar: Meine Mutter ist an Darmkrebs gestorben und der Arzt sagte mir, dass ich und meine Kinder sich auch untersuchen lassen sollten. Leider habe ich große Angst, dass es bei mir auch diagnostiziert wird. +++

In der Tat gibt es eine erbliche bzw. familiäre Häufung bei Darmkrebs. Vor allem Kinder von Patienten, die schon unter 50 Jahren einen Darmkrebs entwickelt haben, sollten sich in der Tat früher für die Darmkrebsvorsorge anmelden. Üblicherweise findet die ja ab ca. 50 Jahren statt. Tritt aber Darmkrebs familiär gehäuft auf, sollte man die Möglichkeit einer möglichst frühzeitigen Erkennung auch nutzen.

Bei allem Verständnis für Ihre Angst sollten Sie sich aber vergegenwärtigen, dass eine Untersuchung Ihnen diese Angst entweder nehmen kann, oder - falls tatsächlich eine Krebsvorstufe entdeckt wird - diese frühzeitig entfernt/behandelt werden kann. Die Untersuchung an sich ist viel harmloser, als die meisten Menschen sich das vorstellen. Fast alle Untersuchten sind anschließend völlig erstaunt, dass die Untersuchung schon vorbei ist, weil sie gar nichts davon mitgekriegt haben.

+++ Marion: Warum wird der Test zur Gebärmutterhalskrebsvorsorge nur noch alle drei Jahre und nicht jährlich durchgeführt? +++

Ein Test auf Gebärmutterhalskrebs nur noch alle drei Jahre statt wie bisher jährlich erscheint zunächst wie ein Nachteil. Tatsächlich aber ist diese neue Regelung nach allen wissenschaftlichen Daten ein Vorteil. Denn: Es wird jetzt alle drei Jahre nicht nur der PAP-Test gemacht, sondern es kommt ein neuer Test dazu und zwar der HPV-Test. Hierbei werden die den Krebs auslösenden Viren (Humane Papillomviren) nachgewiesen. Es hat sich herausgestellt, dass durch die Kombination beider Tests (also PAP-Test und HPV-Test) die Vorsorge noch effektiver wird und nur noch alle drei Jahre durchgeführt werden muss. Tatsächlich ist also die neue Regelung durch die Ergänzung mit dem HPV-Test besser und nicht schlechter geworden.

+++ Torsten: Gibt es eine Vorsorge für Bauchspeicheldrüsenkrebs wie z. B. bei Darmkrebs? +++

Leider nein! Weder sieht man im Ultraschall einen solchen Tumor im Frühstadium, noch gibt es einen Bluttest. Das ist auch der Grund, warum so wenige Menschen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs alleine nur ein Jahr überleben. Der Krebs wird meist sehr spät entdeckt und hat dann auch schon Metastasen gesetzt. Er gehört zu den gefährlichsten Krebsarten. Beim Darmkrebs ist die Situation vollkommen anders. Da kann man nämlich durch die Darmspiegelung nicht nur schon die Vorstufen von Darmkrebs erkennen, sondern auch noch im gleichen "Aufwasch" entfernen. Das ist in meinen Augen die Idealform einer Vorsorge/Früherkennung. Leider gibt es für viele Krebsarten, wie z. B. Bauchspeicheldrüsenkrebs, Eierstockkrebs und Prostatakrebs, keine guten Vorsorge-/Früherkennungsuntersuchungen.

+++ Birgit: Warum muss man zur Strahlentherapie auch wenn der Tumor komplett entfernt wurde und nicht gestreut hatte? +++

Tumoren entstehen ja aus einzelnen Zellen, die erst nachdem sie sich oft geteilt haben zum eigentlichen Tumor werden, den man dann auch durch Untersuchungen nachweisen oder sehen kann. Ähnlich wie bei der Chemotherapie versucht man mit der Strahlentherapie auch schon die Tumorzellen zu treffen, die z. B. nach einer Tumor-OP übrig gebleiben sind, die man aber durch kein Untersuchungsverfahren sichtbar machen kann. Sinn einer so eingesetzten Strahlentherapie ist es also, selbst einzelne Tumorzellen, die noch keinen nachweisbaren "Klumpen" gebildet haben, zu zerstören.

+++ Vera: Wie ist das mit der chronischen Fatigue nach dem Krebs? Geht das überhaupt nochmal weg? +++

Das Fatigue-Syndrom, also chronische Müdigkeit, geht häufig mit einer Krebserkrankung oder deren Therapie einher. Am stärksten ist es ausgeprägt während der Therapie, manche Patienten klagen aber auch noch im späteren Verlauf darüber. Insgesamt muss man sagen, dass die Krebserkrankung selbst, aber auch die Therapie, den Körper sehr stark beansprucht, was eben häufig mit dem Gefühl der Erschöpfung einhergeht. Gott sei Dank lässt diese Empfindung aber im Lauf der Zeit nach. Selbst wenn die Müdigkeit noch nach der Therapie anhält, gibt es eine berechtigte Hoffnung, dass das Gefühl der eigenen Kraft wiederkommt.

+++ Kerstin: Was ist der Unterschied zwischen einer Chemotherapie und der Strahlentherapie? +++

Bei der Chemotherapie werden Substanzen verabreicht, die den Teilungsprozess von Zellen behindern. Hauptsächlich sollen dadurch natürlich die sich schnell teilenden Tumorzellen getroffen werden. Leider wirken sich viele Chemotherapien aber auch auf andere Körperzellen aus, die keine Tumorzellen sind, aber sich eben auch teilen. Das ist der Grund, warum bei manchen Chemotherapien z. B. die Haare ausfallen oder auch Probleme mit den Schleimhäuten entstehen, denn auch diese Zellen teilen sich ja, auch wenn sie keine Tumorzellen sind.

Bei der Strahlentherapie soll mit ionisierenden Strahlen der Tumor zerstört werden. Hier werden also keine Substanzen verabreicht, sondern der Tumor wird mit Strahlen bekämpft.

Es gibt Tumorformen, bei denen beides eingesetzt wird. Grundsätzlich kann man sagen, dass die Chemotherapie immer dann alleine oder zusätzlich angewandt wird, wenn der Tumor im Körper sehr verstreut ist, oder man versuchen möchte, Absiedelungen, also Metastasen, schon zu zerstören, bevor man sie in einer Untersuchung nachweisen kann. Die Strahlentherapie wird häufig dann eingesetzt, wenn der Tumor an einer bestimmten Stelle im Körper festgemacht werden kann.

+++ Henry: Warum gibt es für Krebs noch kein richtiges Heilmittel? +++

Auch hier gilt: Krebs ist nicht gleich Krebs. Es wird nie das eine Heilmittel für Krebs geben, sondern verschiedene Therapieformen für verschiedene Krebsarten. Beispiel Brustkrebs: Früher wurde Brustkrebs immer gleich behandelt. Inzwischen kann man durch Analysen eine Vielzahl von Krebsarten in der Brust unterscheiden und je nachdem, welche Form vorliegt, unterscheidet sich auch die Therapie. Auch weiß man heute, dass manche Frauen mit Brustkrebs von einer Chemotherapie gar nicht profitieren. Andere dagegen sehr. Das kommt ganz auf die Analyse des jeweiligen Tumors an. Aber DAS eine Mittel gegen alle Krebsformen wird es nie geben.

+++ Doris: Wie kann es sein, dass viele auch unter der Chemotherapie sterben? Sollte man das überhaupt noch auf sich nehmen? +++

Chemotherapien können mitunter sehr belastend sein. Oft wirken die ersten Zyklen sehr gut, im Verlauf der Therapie muss man dann aber zu anderen Substanzen greifen, um noch einen Effekt gegen den Tumor zu erwirken. Diese Medikamente haben aber dann oft auch sehr starke Nebenwirkungen. Grundsätzlich können Chemotherapien tatsächlich den Unterschied ausmachen zwischen sterben und den Tumor besiegen, aber zur Wahrheit gehört auch dazu, dass manchmal ein Krebs auch mit der härtesten Chemotherapie nicht wirklich vernichtet werden kann. Dann stellt sich tatsächlich die Frage, ob man sich bzw. dem Patienten eine weitere Chemotherapie wirklich zumuten sollte. Das ist aber eine sehr individuelle Angelegenheit, die man unter Berücksichtigung von ganz vielen Faktoren, vor allem dem Willen des Patienten, mit dem Patienten zusammen entscheiden muss.

Während der eine vielleicht auch für eine nur kurzfristige Lebensverlängerung bereit ist, starke Einschränkungen durch die Chemotherapie auf sich zu nehmen, kommt das für einen anderen gar nicht infrage. Letztlich zählt der Wille des Patienten.

+++ Silvi: Ich bin jetzt fast 5 Jahre krebsfrei. Kann der Krebs trotzdem wiederkommen oder bin ich jetzt sicher? +++

Das kommt ganz drauf an, welche Krebsform Sie haben. Krebs ist nicht gleich Krebs. Auch, in welchem Stadium Sie sich befanden, ist wichtig, ob z. B. Tochtergeschwülste (Metastasen) vorhanden waren. Sie sollten in jedem Fall die für Ihre Krebsart vorgesehenen Nachsorgeuntersuchungen wahrnehmen.

+++ In Deutschland erkrankt fast jeder Zweite an Krebs +++

In Deutschland überleben derzeit 65 Prozent aller an Krebs erkrankten Menschen für mindestens fünf Jahre. Damit liegt Deutschland zwar international weit vorn. Das bedeutet aber auch, "dass 35 Prozent aller Mitbürger, die an Krebs erkranken, eben nicht fünf Jahre überleben", so der Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), Michael Baumann. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) erkrankt in Deutschland fast jeder Zweite an Krebs: Bei Frauen beträgt das Lebenszeitrisiko 42,6 Prozent, bei Männern 47,5 Prozent.