Weitere belgische Häftlinge beantragen Sterbehilfe: Freiwillige Todesstrafe durch die Hintertür?

03. Januar 2015 - 19:18 Uhr

Sextäter hatte Recht auf den Tod zugesprochen bekommen

Über diesen Fall diskutiert diese Woche ganz Europa: Einem zu lebenslanger Haft verurteilten Sexualstraftäter ist in Belgien Sterbehilfe genehmigt worden. Diese Entscheidung könnte Folgen haben – weitere Schwerkriminelle wollen jetzt lieber den Tod als lange im Gefängnis zu sitzen. Ist das im Sinne der Justiz?

Frank Van Den Bleeken vor Gericht in Brüssel, Belgien.
Der Sexualstraftäter Van Den Bleeken bei einem Gerichtstermin - er hat das Recht auf Sterbehilfe erhalten.
© picture alliance / dpa, Virginie Lefour

Es gebe mittlerweile entsprechende Anträge von 15 Strafgefangenen, bestätigte der Vorsitzende der Ärztekommission für Sterbehilfe, Professor Wim Distelmans vom Universitätskrankenhaus Brüssel, der Zeitung 'De Standaard'.

Am Montag hatte ein Berufungsgericht in Brüssel dem Antrag des 50 Jahre alten Sexualtäters Frank Van Den Bleeken zugestimmt, seinem Leben nach 30 Jahren Haft ein Ende zu setzen. "Er hat sich das sehr gut überlegt, er kann so nicht mehr weiterleben", sagte sein Anwalt Jos Vander Velpen. Der Mann war im Alter von 20 Jahren wegen Vergewaltigung einer 19-Jährigen verurteilt worden.

Internationale Kritik an Regelungen in Belgien

Vor dem Antrag auf Sterbehilfe hatte Van Den Bleeken vergeblich versucht, zur Behandlung in ein niederländisches Gefängnis verlegt zu werden. In Belgien ist seit 2002 die Sterbehilfe erlaubt, seit Anfang dieses Jahres auch für Kinder. Im vergangenen Jahr wurden rund 1.400 Menschen auf eigenen Wunsch getötet. Sein Mandant habe bereits vor vier Jahren erstmals den Antrag auf Sterbehilfe gestellt, sagte Vander Velpen. Drei Ärzte hätten, wie es das Gesetz vorschreibt, ihr Einverständnis gegeben.

"Er hat seine Entscheidung mit vollem Bewusstsein getroffen, er ist sehr intelligent", sagte der Anwalt. Er habe auch mit seiner Familie über den Wunsch nach dem Tod diskutiert: "Es gibt viel Verständnis für ihn."

Der Gefangene habe mehrfach beantragt, in eine niederländische Strafanstalt verlegt zu werden, wo er wegen eines psychischen Leidens behandelt werden könne. Anderenfalls wolle er sterben. "Wir haben niemals eine klare Antwort bekommen", sagte der Anwalt. Schließlich sei der Transfer in die Niederlande abgelehnt worden. Deshalb habe man vor Gericht die Sterbehilfe durchgesetzt.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisierte das Vorgehen der belgischen Behörden. "Der Fall des belgischen Strafgefangenen zeigt auch was passiert, wenn der Staat kein Therapie-Angebot bereithält. Dann wird nicht die Hilfe zum Leben sondern der Weg in den Tod organisiert", heißt es in einer Erklärung. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat Belgien mehrfach dafür kritisiert, psychisch Kranke nicht angemessen zu therapieren.

Ob die weiteren Häftlinge ebenfalls ihren Wunsch zu Sterben erfüllt bekommen, ist natürlich nicht sicher. Denn eine Zustimmung der Justiz ist an harte Bedingungen geknüpft. Im Fall Frank Van Den Bleeken werden diese offenbar erfüllt. Er ist volljährig, handlungsfähig und bei Bewusstsein. Ebenso hat er den Wunsch zu sterben wiederholt formuliert. Und er befindet sich nach eigenen Angaben in einer medizinisch aussichtslosen Lage, er sieht keine Chance auf eine Linderung der seelischen Qualen, die sein unheilbares Verlangen verursacht.