Weiße Flecken in der Luftrettung sollen geschlossen werden

22. November 2020 - 10:42 Uhr

Sie sind bei schweren Autounfällen zur Stelle, bringen Notfallpatienten nach der Erstversorgung zu einer Spezialklinik oder verlegen Covid-19-Kranke: Notärzte in der Luftrettung sind zunehmend unverzichtbar und in der Corona-Krise besonders gefragt. Anästhesistin Gerhild Gruner ist drei bis vier Mal im Monat mit Christoph 111 vom Baden-Airport aus unterwegs.

Im Frühjahr transportierten sie und ihr Team im Helikopter der DRF Luftrettung viele schwer kranke Covid-19-Patienten aus Frankreich zu deutschen Kliniken und nach erfolgreicher Versorgung wieder zurück. "Seit zwei Wochen nehmen Covid-Transporte wieder zu", hat die Intensiv- und Notfallmedizinerin beobachtet.

Die 41-Jährige lebt in Frankreich und kennt das dortige System der Luftrettung. Sie meint: "Im Vergleich zu Frankreich leben wir hier im Luxus." Dem würde der Experte Stephan Prückner zumindest für Baden-Württemberg nicht zustimmen. Aus Sicht des Chefs des Instituts für Notfallmedizin und Medizinmanagement (INM) lässt die Organisation der Luftrettung durch das Land zu wünschen übrig. "Es gibt weiße Flecken in der Versorgung - das ist nur Schulnote drei."

Sein Institut hat auf Grundlage einer vom Innenministerium in Auftrag gegebenen Analyse Vorschläge geliefert, damit Notfallpatienten in alle Regionen des Landes rasch und gut versorgt werden. Das Ministerium von Thomas Strobl (CDU) will die Empfehlungen umsetzen und hat dafür bereits grünes Licht von den Krankenkassen, den Kostenträgern im Rettungswesen, bekommen. "Wir gehen derzeit davon aus, dass abhängig vom jeweiligen Standort die Umsetzung der Empfehlungen einen Zeitraum von zwei bis fünf Jahren in Anspruch nehmen wird", erläutert ein Sprecher Strobls.

Hintergrund der Untersuchung des Münchner Instituts sind unter anderem Klinikschließungen. "Insgesamt kam es dadurch vor allem in ländlich strukturierten Regionen zu einer Ausdünnung der notfallmedizinischen Versorgungseinrichtungen", heißt es dort. Deshalb müssen mehr Notfallpatienten in entfernte Kliniken und Patienten von kleinen Krankenhäusern in Schwerpunktklinken gebracht werden. Kliniken wünschen sich eine zentrale, gleichmäßige Verteilung von Covid-19-Patienten - wofür die Helikopter infrage kämen.

Die Zahl der Covid-19-Einsätze der DRF Luftrettung lag im ersten Halbjahr 2020 deutschlandweit bei 300. Allein in Baden-Württemberg waren die Luftretter der DRF im vergangenen Jahr 9210 mal im Einsatz; vor fünf Jahren waren sie noch 7700 mal unterwegs.

Helikopter haben den Vorteil, dass sie längere Strecken schnell überwinden können. Bei Notfallpatienten können Minuten über Leben und Tod entscheiden. Ziel der Neuordnung ist, dass alle potenziellen Notfallorte tagsüber innerhalb von 20 Minuten und nachts innerhalb von 30 Minuten nach Alarmierung via Luft erreicht werden können. Für die Diagnosen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma, wird eine Frist von bis zu 60 Minuten bis zum Erreichen einer geeigneten Versorgungseinrichtung empfohlen. Solche Zeiten werden laut dem Gutachten durch Rettungswagen im Südwesten nicht immer erreicht, insbesondere bei der Diagnose Polytrauma. "In diesem Kontext erlangt die Luftrettung eine zunehmend wichtige Stellung im Gesamtsystem Notfallrettung", so die Schlussfolgerung des Instituts.

Schwächen der Luftrettung sehen die Wissenschaftler im nördlichen Baden-Württemberg mit Odenwald und Hohenlohe und im nördlichen Schwarzwald samt Ortenaukreis. Für diese Regionen sollen neue Standorte in den Bereichen Osterburken beziehungsweise Lahr gefunden werden. Zu Standortverlagerungen wird auf der südlichen Schwäbischen Alb, in den Kreisen Lörrach und Waldshut sowie im nördlichen Schwarzwald und in der nördlichen Bodenseeregion geraten. Auch die nächtliche Versorgung soll optimiert werden: Christoph 51 in Ludwigsburg soll zusätzlich zum Nachthubschrauber in Villingen-Schwenningen rund um die Uhr dienstbereit sein. Im Vergleich: In Bayern gibt es schon drei davon. Insgesamt soll die Zahl der Hubschrauber im Südwesten von acht auf zehn erhöht werden.

Notarzt Harald Genzwürker von der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin der Neckar-Odenwald-Kliniken würde sich über einen neuen Standort in Osterburken (Neckar-Odenwald-Kreis) sehr freuen. "Wir haben weiße Flecken, wo alle gleich weit entfernt sind", sagt der Chefarzt und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutscher Notärzte. In seiner Klinik komme es vor, dass Patienten etwa an die Heidelberger Uniklinik bei Herzinfarkt- oder Schlaganfall verlegt werden müssten. Notärztin Gruner brachte kürzlich einen Mann mit einer Handverletzung in gut 22 Minuten von einer Pforzheimer Klinik in eine auf Handchirugie spezialisierte Klinik 80 Kilometer entfernt.

Genzwürker gibt mit Blick auf die Neuordnung aber zu bedenken, dass Verlagerungen an neue Standorte nicht immer Begeisterung bei der Bevölkerung auslösen. "Es gibt Kritik, wenn für den Landeplatz Bäume gefällt oder Tankstationen installiert werden." Auch Beschwerden über Lärm seien nicht selten. "Die Akzeptanz für die Luftrettung ist groß, aber die Leute regen sich auf über den Einsatz des Hubschraubers nebenan - anstatt sich zu freuen, dass sie nicht selber drin liegen."

Quelle: DPA