Weil russische Frauen nett zu Ausländern sind: Üble Hetze gegen "Nutten, die dem Land Schande bereiten"

Russische Frauen freuen sich über die WM und die Gäste aus dem Ausland - für viele russischer Männer offenbar kaum zu ertragen.
Russische Frauen freuen sich über die WM und die Gäste aus dem Ausland - für viele russischer Männer offenbar kaum zu ertragen.
© Getty Images, Bongarts

02. Juli 2018 - 12:05 Uhr

Frauen werden nicht nur verbal attackiert

Während sich Millionen Russen über den unerwarteten Erfolg der Sbornaja ­– so nennen die Einheimischen ihr Fußball-Nationalteam – freuen, drehen andere am Rad: Vielen russischen Männern missfällt, dass ihre Landsfrauen Kontakt zu ausländischen Männern haben, mit ihnen feiern, sich mit ihnen fotografieren lassen. Das lässt sie zu üblen Worten greifen und hat eine regelrechte Hetzjagd ausgelöst in den sozialen Medien, die in diesem Fall zeigen, dass man sie bisweilen eher "asoziale Medien" nennen muss.

Wegen harmloser Küsschen auf die Wange, werden Frauen im Netz beleidigt und bloßgestellt

14.06.2018, Russland, Moskau: Fußball, WM, Vorrunde, Gruppe A, 1. Spieltag: Russland - Saudi - Arabien. Zwei Frauen mit traditionellen russischen Kostümen, laufen vor Spielbeginn in der Nähe des Luschnikistadions. Foto: Pavel Golovkin/AP/dpa +++ dpa-
Viele Russinnen sehen sich schlimmen Anfeindungen ausgesetzt.
© dpa, Pavel Golovkin, PAG sis nic

Wenn man abends in die Moskauer Einkaufsstraße Nikolskaja schaut, sieht man eine brodelnde Partymeile. Tausende Fußballfans aus aller Welt flanieren, zwischen Kneipen und Boutiquen, trinken Bier und Wodka - mittendrin auch junge Russen und Russinnen, die mit den ausländischen Fans feiern,  einige bandeln sogar mit ihnen an. Warum auch nicht, sollte man meinen. Doch einige Russen hetzen im Netz gegen "Nutten, die dem Land Schande bereiten". Kein Witz: Wir schreiben das Jahr 2018 und wegen Fotos, die sie mit ausländischen Fans im Arm zeigen oder beim harmlosen Küsschen auf die Wange, werden Frauen im Netz beleidigt und bloßgestellt. Es gibt sogar Videoclips, die zeigen, wie Russinnen in Begleitung ausländischer Fans attackiert werden.

Die Diskussion hat auch die Presse erreicht: Die Boulevardzeitung "Moskowski Komsomolez" veröffentlichte einen Text des Schriftstellers Platon Bessedin - Überschrift: "Zeit der Nutten". Darin heißt es: "Wir haben eine Generation von Nutten groß gezogen, die bereit sind, bei den ersten ausländischen Tönen die Beine breit zu machen." Der Autor sieht einen allgemeinen Verfall der moralischen Werte im Land seit dem Ende der Sowjetunion. "Der Westen ist schlecht und böse - aber man muss ihn nachmachen", beurteilt Bessedin die Gefühlslage.

Hoher Geistlicher rät von Partnern mit anderer Religion ab

Soccer Football - World Cup - Round of 16 - Spain vs Russia - Moscow, Russia - July 1, 2018. Russian supporters celebrate the victory in the city centre. REUTERS/Gleb Garanich
Russin unter Einheimischen bei Siegesfeier nach dem Sieg über Spanien.
© REUTERS, GLEB GARANICH, AP

Russland unter Präsident Wladimir Putin ist auf einem konservativen Kurs, entsprechende Gesetze wurden vom Parlament schnell abgenickt. So wurden die Strafen für häusliche Gewalt gesenkt. Explizit vor dem Hintergrund der Debatte um russische Frauen und ausländische Fans rät nun ein hoher Geistlicher davon ab, einen Ehepartner mit anderem religiösen Hintergrund zu wählen. Dieselbe Religion zu haben, sei zwar keine Garantie für Eheglück, sagte der Metropolit Ilarion von Wolokolamsk. "Aber gemeinsames Kirchenleben, gemeinsames Gebet und Teilnahme am Gottesdienst - das bringt die Menschen einander näher."

Ohnehin ist der Einfluss der orthodoxen Kirche groß: Nachdem Mitglieder der Polit-Punk-Gruppe Pussy Riot 2012 in der wichtigsten Kirche des Landes gegen Putin protestiert hatten, wurde die Strafe für "Beleidigung religiöser Gefühle" deutlich verschärft. Und bereits zuvor war die Zurschaustellung von Homosexualität vor Minderjährigen gesetzlich verboten worden.

Politikerin warnt vor Kindern mit Ausländern: "Wir müssen unsere eigenen zur Welt bringen"

Members of the female punk band "Pussy Riot" (R-L) Nadezhda Tolokonnikova, Maria Alyokhina and Yekaterina Samutsevich sit in a glass-walled cage during a court hearing in Moscow, in this August 17, 2012 file photo. Russian Prime Minister Dmitry Medve
Ihr Protest machte sie weltbekannt: Mitglieder der russischen Punkband Pussy Riot.
© REUTERS, MAXIM SHEMETOV

So löste es auch in Russland kaum Irritationen aus, als kurz vor der WM die Vorsitzende des Familienausschusses der Staatsduma, Tamara Pletnjowa, russische Frauen vor Sex mit Ausländern warnte und besonders vor Kindern mit ihnen. "Wir müssen unsere eigenen zur Welt bringen", sagte sie im Radio. Immerhin reagierte sogar Putins Sprecher Dmitri Peskow: "Die russischen Frauen können das wahrscheinlich für sich selbst entscheiden. Sie sind die besten Frauen der Welt." Trotzdem irritiert, dass Pletnjowa nicht schärfer zurückgewiesen wurde.

Doch mittlerweile regt sich Widerspruch. gibt es Kontra. "VKontakte", das größte soziale Netzwerk, droht nun, Gruppen mit frauenfeindlichen und rassistischen Kommentaren zu schließen. Und auch selbstbewusste Russinnen melden sich zu Wort. "Sag Nein zu russischen Männern", rät die Bloggerin Lena Miro ihren Leserinnen. "Russland ist ein Land mit hässlichen Männern, denen es gut geht, und schönen Frauen, denen es schlecht geht." Die russische Ausgabe der "Cosmopolitan" kommt sogar zu dem Schluss, dass Fußball nicht das Wichtigste sei bei der WM. Sondern: "Es hat sich herausgestellt, dass Frauen auch Menschen sind und Sex aus Spaß haben können und nicht allein deshalb, um russischen Bürschlein Freude zu bereiten." Und diese Erkenntnis gefalle den russischen Männern überhaupt nicht.

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