Berliner Feuerwehr muss 43 Mal am Tag in Altenheimen helfen

In ihrer Not rufen Pfleger 112: Feuerwehr muss häufig ins Altenheim

01. Februar 2020 - 12:52 Uhr

Pflegekräfte sind oft überfordert

Sie kommen nicht nur, wenn es brennt. In Berlin muss die Feuerwehr immer häufiger ins Altenheim ausrücken und muss dort den Pflegekräften zur Seite stehen. Laut Berliner Feuerwehr fahren mittlerweile 43 Rettungskräfte der Berliner Feuerwehr pro Tag in Heime zum Noteinsatz – und das nur, weil Pflegekräfte alleine oft überfordert sind. Diesen Missstand in Pflegeheimen kritisiert Stefan Poloczek, ärztlicher Leiter der Berliner Feuerwehr, im Video.

"Wir fahren fünf Mal so häufig zu Pflegeheimen als zur allgemeinen Bevölkerung“

ARCHIV - 21.01.2020, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Eine Pflegerin schiebt eine Frau in ihrem Rollstuhl durch den Gang eines Altenheimes. Mehr Geld für Beschäftigte in der Altenpflege in Deutschland: Der Mindestlohn für mehr als eine Million Pflege
Ein sichtbares Zeichen für den Pflegenotstand: Die Berliner Feuerwehr wird immer häufiger zu Nofällen ins Altenheim gerufen, weil die Pfleger es nicht alleine schaffen.
© dpa, Federico Gambarini, fg bsc cul

Oft werden die Rettungskräfte gerufen, weil ein Patient aus dem Bett gefallen ist und die Pflegerin es nicht alleine schafft, die Person wieder zurück zu heben. "Es sind manchmal Themen, wo wir nur Hilfestellung leisten", betont Stefan Poloczek von der Feuerwehr Berlin im Gespräch mit RTL. So werden Patienten z.B. auch zum Röntgen ins Krankenhaus gefahren. In ihrer Not rufen viele Pflegekräfte die 112, weil sie es selber zeitlich oder körperlich nicht schaffen. Insgesamt gab es laut Feuerwehr im letzten Jahr über 15.000 solcher Einsätze. "Wir fahren fünf Mal so häufig zu Pflegeheimen als zur allgemeinen Bevölkerung", sagt Kirstein weiter.

Eva Ohlerth ist in der häuslichen Pflege in München aktiv und bestätigt die große Arbeitsbelastung im Pflegeberuf. "Der Zeitdruck macht die Pfleger kaputt", sagt sie. Für viele Pflegekräfte gibt es keine Praxisanleitung, sie sind schlichtweg überfordert. Das hat Konsequenzen: Ältere Menschen werden daher häufig mit Medikamenten ruhig gestellt und es kommt oft zu Stürzen, bestätigt sie. Immer häufiger werden auch Hilfs- und Leihkräfte eingesetzt und die Fachkräfte fehlen.

Claus Fussek berichtet seit 30 Jahren über Missstände in der Pflege und stellt fest: "Das sind auch nebenbei gesagt eine Menge Kosten. Was kostet so ein Feuerwehreinsatz? Wer zahlt den?" Inwieweit die Krankenkassen hier eingebunden sind, kann er nicht sagen. Seiner Meinung nach müssen sich alle Pflegekräfte zusammentun, damit sich an den Zuständen etwas ändert. Für ihn geht der aktuelle Fall aber noch weiter: "Das ist eine Frage für die Staatsanwaltschaft, für die ganze Gesellschaft!"

Eine Arbeitsgruppe soll helfen das Problem zu lösen

Eigentlich ist es die Aufgabe der Feuerwehr, Brände zu löschen. Doch der neue Pflegejob nimmt einen immer größer werdenden Teil ihrer Arbeit ein. Die Rettungskräfte der Berliner Feuerwehr wollen in einer Arbeitsgruppe festlegen, wie sie das Problem lösen können. Stefan Poloczek (Berliner Feuerwehr) erläutert: "Unsere Einsätze steigen kontinuierlich und wir können nicht immer nur weitere Autos aufstellen, sondern wir müssen auch mal analysieren, warum steigen die Einsätze und da haben wir die Pflegeheime als eine Gruppe identifiziert."

An diesem Punkt ist auch die Politik gefragt: Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Bundestages Erwin Rüddel (CDU) sieht dringenden Handlungsbedarf, damit die Rettungskräfte der Feuerwehr wieder ihren normalen Aufgaben nachgehen können. Es muss mehr Fachpersonal ausgebildet werden. "Auf der einen Seite brauchen die Pflegekräfte mehr Kolleginnen und Kollegen. Und sie brauchen Entlastung bei der Bürokratisierung.Viele werden auch stark dadurch belastet, dass sie mit pflegefernen Aufgaben zu tun haben", erklärt Rüddel im RTL-Interview.

Eins ist für die Feuerwehr klar: Helfen wollen sie auch weiterhin in Pflegeheimen, aber bitte nur in dringenden Notfällen.