Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten: Gauck ruft zu Flüchtlingshilfe auf

27. Dezember 2014 - 19:06 Uhr

"Ängste ernst zu nehmen, heißt nicht, ihnen zu folgen"

Die islamischkritische 'Pegida'-Bewegung erhält immer mehr Zulauf – für Bundespräsident Joachim Gauck Grund genug, in seiner Weihnachtsansprache an die Hilfsbereitschaft der Deutschen zu appellieren und gleichzeitig für eine offene Gesellschaft zu werben.

Gauck ruft in Weihnachtsansprache zu Flüchtlingshilfe auf
Bundespräsident Gauck würdigt in seiner Weihnachtsansprache auch den Einsatz von Helfern bei der Bekämpfung der Ebola-Epidemie in Afrika,
© REUTERS, HANDOUT

"Wo wir dazu beitragen können, dass Frieden erhalten oder gestiftet, dass Leid gelindert und eine bessere Zukunft gebaut werden kann, sollten wir alles tun, was in unserer Macht steht", sagt das Staatsoberhaupt laut vorab verbreitetem Text in seiner Weihnachtsansprache. Gauck hob es als deutliches Zeichen der Menschlichkeit hervor, dass es mittlerweile viel Bereitschaft zur Aufnahme von Flüchtlingen gebe. Ohne 'Pegida' zu nennen, betonte er: "Dass die Allermeisten von uns nicht denen folgen, die Deutschland abschotten wollen, das ist für mich eine wahrhaft ermutigende Erfahrung dieses Jahres."

Der Bundespräsident wies darauf hin, dass viele Menschen von der Entwicklung der Welt mit Kriegen, Bürgerkriegen und Terror beunruhigt und besorgt seien. Er fügte jedoch hinzu: "Ängste ernst zu nehmen, heißt nicht, ihnen zu folgen. Mit angstgeweiteten Augen werden wir Lösungswege nur schwer erkennen, wir werden eher klein und mutlos."

Die weihnachtliche Botschaft "Fürchtet euch nicht!" sei daher auch als Aufforderung zu verstehen, "unseren Werten, unseren Kräften und übrigens auch unserer Demokratie zu vertrauen". Gauck erinnerte daran, dass die friedliche Revolution in der DDR vor 25 Jahren gezeigt habe, dass sich Verhältnisse zum Besseren wenden ließen. Der Bundespräsident würdigte nachbarschaftlichen Einsatz in Heimen und Krankenhäusern, aber auch von Helfern bei der Bekämpfung der Ebola-Epidemie in Afrika und von Soldaten und Entwicklungshelfern.

Jeder könne einen Beitrag leisten, "damit der Wärmestrom lebendig bleibt, ohne den die Welt kalt und friedlos wäre: Indem wir uns engagieren, wenn unsere Mitmenschen Hilfe brauchen. Indem wir Bedrohten Frieden und Verfolgten Schutz bieten." Mit Blick auf die internationalen Krisenherde mahnte er: "Kein Friede ist selbstverständlich." Auch der Frieden, den die Deutschen derzeit glücklich und in Freiheit erlebten, sei kostbar. Daraus erwachse zugleich eine Verpflichtung: "Unsere Kultur, unsere Demokratie steht gegen Unfrieden, Hass und todbringende Gewalt.

"Die Antwort kann nicht Abschottung und Hetze sein"

Ähnlich wie Gauck äußerten sich auch die großen christlichen Kirchen. "Ohne Anerkennung des Anderen und Respekt vor jedem Menschen gibt es kein friedliches Zusammenleben", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, in seiner vorab veröffentlichten Predigt. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, erklärte: "Das christliche Europa hat heute die Aufgabe, seinen Umgang mit Flüchtlingen so neu zu ordnen, dass kein Mensch mehr im Mittelmeer ertrinken muss."

In Dresden hatten am Montag rund 17.500 Menschen an einer 'Pegida'-Kundgebung teilgenommen. Zeitgleich waren in mehreren deutschen Städten über 20.000 Menschen für mehr Toleranz auf die Straße gegangen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier begrüßte dies.

"Die überwältigende Mehrheit der Deutschen ist der Meinung, dass Menschen bei uns Zuflucht vor Bürgerkrieg finden sollen", sagte Steinmeier 'Spiegel online'. Jetzt sei Mitfühlen und Mitanpacken gefordert. "Es geht darum, mit Überzeugung, Leidenschaft und Vernunft für unsere offene Gesellschaft aufzustehen." Zu den Gründen, warum Menschen an den 'Pegida'-Demonstrationen teilnehmen, sagte der Außenminister: "Ja, ich kann verstehen, dass die Unordnung in der Welt vielen Menschen Angst macht. Aber die Antwort darauf kann nicht Abschottung und Hetze sein."