Was geht im 2.000-Seelen Ort Tysfjord in Norwegen vor? 150 Fälle von sexuellem Missbrauch angezeigt

Viele der Opfer in Tysfjord waren Kinder (Foto: Frode Jenssen)
Viele der Opfer in Tysfjord waren Kinder (Foto: Frode Jenssen)

29. November 2017 - 17:28 Uhr

Gruselige Nachrichten aus Tysfjord in Lappland: Hohe Zahl von Vergewaltigungen

In dem norwegischen Ort Tysfjord in der Gemeinde Lappland leben nur 2.000 Menschen. Und trotzdem ermittelt die Polizei wegen 150 Fällen von sexuellem Missbrauch. Einer der Verdächtigen soll ein Schamane sein. Was passiert in dem Dorf?

Alleine 40 missbrauchte Kinder in Tysfjord: "Viele wollten nicht reden"

Kindesmissbrauch in Tysfjord in Norwegen
Erst im Juli 2016 begann die Polizei mit den Ermittlungen in Tysfjord.

In dem Ort sind derzeit insgesamt 92 Personen der Taten verdächtig, wie die Behörden mitteilten. Alleine 40 Mal sollen Kinder missbraucht worden sein, das jüngste von ihnen ist vier Jahre alt. Meist sollen 15 oder 16 Jahre alte Mädchen missbraucht worden sein - nach bisherigen Erkenntnissen oft von Familienmitgliedern oder Freunden der Familie. Mehrere Fälle seien allerdings schon verjährt, die Opfer hätten den Ort verlassen. Der älteste Fall ereignete sich nach Angaben der Polizei bereits 1953, der jüngste im August dieses Jahres.

"Es war schwierig, die Menschen dazu zu bewegen, mit der Polizei über die Fälle zu sprechen", sagt Kommissarin Tone Vangen. "Auf viele wurde Druck ausgeübt, von Freunden, Familienmitgliedern oder anderen Menschen aus der Gemeinde", so Vangen.

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In vielen Missbrauchsfällen wird nicht mehr ermittelt, weil sie verjährt oder die Täter verstorben sind.

Ein Verdächtiger soll den Missbrauch damit gerechtfertigt haben, ein Schamane zu sein. Viele mutmaßliche Täter sind Anhänger einer konservativen protestantischen Strömung mit besonders strengen moralischen Maßstäben. So jedenfalls zitiert der 'Spiegel' einen Ermittler. Das erkläre zwar nicht ein solches Verhalten, könne aber zumindest ein Indiz dafür sein, warum so lange nicht über die Übergriffe gesprochen wurde.

"Die Arbeit der Polizei bis Juni 2016 war nicht gut genug", betonte Vangen. "Es gab Fälle, in denen sich Menschen an die Polizei gewandt haben, wir aber keinen Beleg dafür finden konnten, dass ermittelt wurde". Damals hatten elf Frauen und Männer den Missbrauch öffentlich angezeigt. Auch wenn viele Fälle Jahre zurücklägen, werde die Polizei jetzt enger mit Kindergärten, Schulen und Kinderärzten zusammenarbeiten, kündigte sie an.

Eine Zeitung hatte die Affäre ins Rollen gebracht. Erst als sie über einige Missbrauchsfälle berichtete, begann die Polizei mit den Ermittlungen.