Warum Hoffenheim absteigen muss

Ihn sehen viele als Sinnbild für Hoffenheim als 'Retorten-Club': TSG-Mäzen Dietmar Hopp.
Ihn sehen viele als Sinnbild für Hoffenheim als 'Retorten-Club': TSG-Mäzen Dietmar Hopp.
© Bongarts/Getty Images, Bongarts

07. August 2013 - 11:11 Uhr

"Retorten-club", "Neureiche ohne Herz": Die TSG Hoffenheim polarisiert in Deutschlands Fußball-Landschaft wie sonst nur die Bayern. Die haben sich den Neid hart erarbeitet. Die TSG war einmal Herbstmeister. Nun spielt sie gegen den 1. FC Kaiserslautern um den Bundesligaverbleib. Die Sympathien sind klar verteilt.

Die TSG Hoffenheim hat in nur wenigen Jahren das geschafft, wofür der deutsche Rekordmeister FC Bayern München Jahrzehnte gebraucht hat: Der Verein aus einem Sinsheimer Stadtteil ist deutschlandweit unbeliebt. Vielerorts schlägt der TSG sogar blanker Hass entgegen, wie beispielsweise in Dortmund, wo der Club jüngst das "Wunder" schaffte, gegen den Champions-League-Finalisten und entthronten Meister zu gewinnen. Durch zwei Elfmeter zwar, aber durch zwei berechtigte immerhin. Sejad Salihovic verwandelte sie eiskalt, schickte den Traditionsverein Fortuna Düsseldorf damit in die 2. Fußball-Bundesliga, seine TSG in die Relegation und versetzte den BVB-Fans einen Stich ins Herz. Die hatten ein altes Plakat wieder ausgegraben - mit dem Konterfei von Dietmar Hopp hinter einem Fadenkreuz: "Hasta la vista, Hopp!".

Genau dieser Dietmar Hopp ist es, der der TSG den Durchmarsch von der Kreisliga A in die Bundesliga überhaupt möglich machte und den Verein in 1899 Hoffenheim umbenennen ließ, um Tradition vorzutäuschen. Geschätzte 350 Millionen Euro soll er in seinen "Dorfverein" bisher investiert haben, in Spieler, Trainingsgelände, Fußballschule und Stadion. Zum Vergleich: Chelseas Geldgeber Roman Abramowitsch soll mehr als eine Milliarde Euro locker gemacht haben, um die 'Blues' zu dem zu machen, was sie heute sind: Champions-League- und Europa-League-Sieger innerhalb nur eines Jahres.

Hopps Geld ist es, das Fußball-Deutschland spaltet. Aber nicht nur das. Das gesamte "Projekt Hoffenheim" entzweit die Fußball-Nation. Viele sehen es mittlerweile als gescheitert an. Zu Recht.

2008 steigt Hoffenheim nach einem Durchmarsch in die 1. Fußball-Bundesliga auf. Hinter den Kraichgauern liegt eine Saison mit einem Etat, den sich kein anderer Zweitligaverein leisten kann. Mit Acht-Millionen-Mann Carlos Eduardo läuft unter anderem der teuerste Transfer der Zweitliga-Geschichte im blau-weißen TSG-Trikot auf. Der Aufstieg ist nur Formsache. Und unter dem damaligen Trainer Ralf Rangnick geht die Erfolgsstory nahtlos weiter: Die Herbstmeisterschaft wird problemlos eingefahren, oder besser eingespielt, denn die TSG wartet mit einem überfallartigen Angriffsfußball auf, der die eigenen Fans verzückt, Bundestrainer Joachim Löw verzaubert und Club-Mäzen Hopp bereits von noch Größerem träumen lässt. Klar, mit mehreren Nationalspielern im Team ist der Europapokal nur eine Frage der Zeit. Dann folgt der jähe Absturz.

Der schön anzuschauende Offensivfußball gerät in Vergessenheit. Die 'Akustik-Affäre' dagegen nicht: Um die Schmähgesänge der Gäste-Fans gegen den Club-Allerheiligsten Hopp zu übertönen, setzt ein TSG-Mitarbeiter eine Beschallungsanlage ein. Der Aufruhr ist groß und lenkt zumindest kurz von den biederen Darbietungen auf dem Rasen ab. Die TSG wird zu einer von vielen grauen Mäusen in der Bundesliga. Pures langweiliges Mittelmaß.

Vieles erinnert damit an den VfL Wolfsburg, ebenfalls ein Retortenclub, ebenfalls nicht wohlgelitten wegen der Millionen und Abermillionen des Volkswagen-Konzerns. Nachdem der VfL 2009 Meister wird, verschwindet er danach im Niemandsland der Tabelle, Manager kommen und gehen, Trainer und Spieler ebenso. Der Verein kämpft 2011 gegen den Abstieg - bleibt aber erstklassig.

Die Negativschlagzeilen nehmen danach dennoch zu, das Image bleibt angekratzt. Statt Neuanfang in Liga 2 Tristesse und Skandale in der 1. Liga. Es geht weiter wie gehabt: Stars kommen und gehen, Manager und Trainer ebenso. Der Höhepunkt in dieser Spielzeit, als mit Dieter Hecking und Klaus Allofs Trainer und Manager zweier Abstiegskonkurrenten während der Saison in die VW-Stadt gelockt werden.

Ehrlicher Neuanfang - aber nicht im Oberhaus

Die TSG bietet das gleiche Bild: Mit dem Ex-Schalker Andreas Müller wird ein erfahrener Manager geholt - und am Ende wieder geschasst. Vier Trainer werden in dieser Saison verschlissen. Mit Tim Wiese wird ein deutscher Nationaltorwart demontiert und auf die Tribüne strafversetzt. Sein Name und weitere Verpflichtungen von gestandenen Bundesligaprofis wie Eren Derdiyok aus Leverkusen oder Matthieu Delpierre aus Stuttgart sollten die TSG reif für Europa machen und den Erfolg zurück nach Sinsheim holen. Doch stattdessen heißt es Abstiegskampf und Relegation.

Erst jetzt erinnern sich Verein und Mäzen daran, mit welch hehren Zielen sie einst in die Bundesliga kamen: Eigengewächse sollten auf dem Rasen auflaufen, Spieler aus dem näheren Umkreis - jung und erfolgshungrig - sollten eine ganze Region elektrisieren und dem "Projekt Hoffenheim" Leben einhauchen sowie deutschlandweit Sympathien sichern. Zu spät aufgewacht?

Sicher ist bisher aber nur eins: Eine klare Handschrift der Vereinsführung gibt es nicht. Mal sind junge Spieler gefragt, mal gestandene Bundesligaprofis, mal Fußballer aus der Region, mal teure Südamerikaner. Mal wurden Leistungsträger - zum Teil überraschend und ohne jeden Grund (Luis Gustavo an die Bayern) - verkauft, mal vermeintliche eingekauft. Am Ende regierte immer das angesprochene Chaos aus Trainer-Demissionen, Fehleinschätzungen und in den Sand gesetzten Millionensummen.

Manch anderer Bundesligaverein stünde wohl schon am finanziellen Abgrund, denn allein die in der Winterpause eingesetzten rund zwölf Millionen Euro für Spieler wie Igor de Camargo von Borussia Mönchengladbach oder Eugen Polanski von Mainz 05 wären nicht nur für Abstiegskonkurrent Greuther Fürth mehr als nur eine Nummer zu groß gewesen. Auch Relegationsgegner Kaiserslautern kann sich über diese Summen nur wundern: Sollten die 'Roten Teufel' den Aufstieg nicht schaffen, ist ihr Lizenzspieleretat in der 2. Liga mit 11,5 Millionen Euro geringer als die Ausgaben der TSG für Neueinkäufe zur Winterpause. Dabei sei gesagt: Der 1. FC Kaiserslautern gehört in der 2. Fußball-Bundesliga bereits zu den Großverdienern und kann es sich leisten, Leistungsträger anderer Vereine aus deren Verträgen zu kaufen.

Als der Abstieg für die TSG bereits festzustehen scheint, feiert das Team unter dem neuen Trainer Markus Gisdol eine fast schon nicht mehr für möglich gehaltene Wiederauferstehung und sichert sich nach einem 0:2-Rückstand in Bremen noch ein Remis, obwohl laut Gisdol "nach 80 Minuten wohl keiner mehr einen Pfifferling auf uns gegeben hätte". Nach der Heimklatsche gegen den HSV folgt das 'Wunder von Dortmund'. Gisdol appelliert, will mit "ehrlicher Arbeit" und "bescheidenerem Auftreten" Fans und Sympathien zurückgewinnen.

Fußball-Deutschland dürfte deshalb sehr genau nach Sinsheim schauen, denn Sympathien gewinnt man nur durch Ehrlichkeit. Die Bayern und ihr gefallener Präsident Uli Hoeneß kennen das Problem, auch Dietmar Hopp sollte es wissen. Von ihm stammt der Satz: "Wir sind ein Verein, der weiß, woher er kommt. Der bodenständig und bescheiden auftritt."

Ein Abstieg - im Gegensatz zu Wolfsburg 2011 - wäre da nur logisch: Ehrlicheren Fußball als in der 2. Fußball-Bundesliga sieht man wohl nur in der 3. Liga oder noch darunter. Kämpfen, sich die Lunge aus dem Hals rennen, Grätschen bis der Arzt kommt. Allein, es fehlt der Glaube: Sollte die TSG absteigen, bleibt die Mannschaft dank Hopps Millionen zusammen, denn ein Großteil des mehr als 30-Mann-Kaders hat auch Verträge für die 2. Fußball-Bundesliga. Zwar will Gisdol auf die eigene Jugend setzen und so einen Neuanfang wagen. Bei dem von Hopp bereits proklamierten Ziel, "alles" für den direkten Wiederaufstieg zu tun, dürften Gisdols Wünsche aber hintenanstehen - und die Sympathiewerte des Retortenvereins im Keller bleiben. Es käme auf einen Versuch an.

Quelle: ntv.de, Thomas Badtke