RTL News>

Warum Grüne und Liberale heute weit auseinander liegen - und warum das nicht so bleiben muss

FDP auf der Kippe

Warum Grüne und Liberale heute weit auseinander liegen - und warum das nicht so bleiben muss

ARCHIV - 12.05.2020, Berlin: Christian Lindner, Fraktionsvorsitzender und Parteivorsitzender der FDP, spricht zu Beginn der FDP-Fraktionssitzung im Bundestag zu den Medienvertretern. Lindner hat die Umarmung eines Bekannten inmitten der Corona-Krise
Christian Lindner
nie pil, dpa, Kay Nietfeld

Von Christian Wilp

Die neuesten Forsa-Zahlen bestätigen den Trend: Nur 5 Prozent für die FDP, der Verbleib im Deutschen Bundestag damit - Stand heute - extrem gefährdet. Zum Vergleich: Die Grünen liegen bei satten 15 Prozent. Bei der Bundestagswahl 2017 hatten die Liberalen noch mit 10,7 Prozent vor den Grünen mit 8,9 Prozent gelegen.

Woran liegt’s also? Ein Erklärungsversuch.

Fünf Gründe, warum Grüne punkten und die FDP nicht

Mit Mund-Nasenschutz stehen Annalena Baerbock (r), Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, und Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, in der Grünen-Parteizentrale zum Start des Online-Parteitags zur Coro
Annalena Baerbock und Robert Habeck
nie lop, dpa, Kay Nietfeld
  1. Sitzfleisch. Die Grünen blieben bei den langwierigen Jamaika-Verhandlungen (Union, FDP, Grüne) einfach sitzen, die FDP stieg aus. Parteichef Christian Lindner damals: "Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren.“ Zurück ließ er enttäuschte Wähler und irritierte Wirtschaftsverbände. Die Grünen hingegen galten plötzlich als staatstragend und verantwortungsvoll. Und das Land bekam die Wiederauflage der Großen Koalition, die eigentlich niemand wollte.
  2. Klima. Der Klimaschutz ist das alles überragende Thema der letzten Jahre. Und die Ökopartei profitiert davon am stärksten. Während die Grünen im Windschatten der Fridays-for-Future-Bewegung eifrig mitsegelten, schaffte es Lindner, es sich mit den Jugendlichen mit einem einzigen Tweet zu verscherzen: Klimapolitik "ist Sache für Profis." Viele Entschuldigungen später hängt ihm die Sache immer noch nach.
  3. Personal. Die Grünen gönnen sich die doppelte Doppelspitze. Zwei Parteivorsitzende, zwei Fraktionsvorsitzende. Und erstmals bekämpft sich das Quartett nicht gegenseitig, sondern ergänzt einander. Vor allem Annalena Baerbock und Robert Habeck gelten als Dream Team der deutschen Politik. Lindner dagegen macht alles selbst. Er ist der unbestrittene Frontmann der FDP, hat die halbtote Partei nach dem Wahldebakel 2013 übernommen und sie praktisch im Alleingang wieder in den Bundestag geführt. Neben ihm gibt’s viele gute Leute, allein: Sie fallen kaum auf. Das ist nicht nur Lindner anzulasten.
  4. Thüringen. Ein FDP-Ministerpräsident von AfD-Gnaden? Thomas Kemmerich mag nichts dafür können, dass die Rechtsausleger ihn mitgewählt hatten. Aber ihm hätte klar sein müssen, unter diesen Bedingungen keine stabile Regierung bilden zu können - und die Wahl nicht annehmen dürfen. Lindner brauchte einen Reaktionstag zu lange, um den Schaden zu begrenzen. Als Kemmerich später bei einer abstrusen Corona-Demo auftauchte, mit Rechtsradikalen und ohne Mundschutz, zeigte Lindner, dass er auch flott handeln kann. Kemmerich ist nun auch seinen Posten im Bundesvorstand los.
  5. Covid-19. In der Krise steht die Regierung im Rampenlicht, nicht die Opposition. Darunter leiden Grüne wie FDP gleichermaßen. Die Grünen, vor kurzem noch auf Augenhöhe mit der Union, haben ihr Momentum verloren. Ein Kanzlerkandidat namens Habeck? Dazu gehört inzwischen eine Menge Phantasie. Die FDP hingegen, ebenfalls auf Talfahrt, begreift die Krise als Chance. Die Partei profiliert sich als einsames Korrektiv: Sie ist gegen eine Schuldenunion in Europa, gegen zu viel Staat in der Wirtschaft und denkt auch ans Sparen, während alle anderen neue Töpfe aufmachen. Nach der Pandemie ist jedenfalls vor der Wirtschaftskrise - und dann wird die Partei vielleicht noch gebraucht. ( Alle aktuellen Infos zum Coronvirus übrigens jederzeit in unserem Liveticker )

Bis zur nächsten Bundestagswahl ist es, politisch betrachtet, jedenfalls noch eine halbe Ewigkeit hin. Die Grünen waren schon oft Umfragemeister, wie nach Fukushima etwa, um dann wieder abzustürzen. Abgerechnet wird erst am Wahltag.