Mit Siegen kennt er sich aus

Warum George Russell einer für Mercedes ist

2018 Singapore GP SINGAPORE STREET CIRCUIT SINGAPORE SEPTEMBER 14 George Russell Mercedes AMG
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25. Mai 2020 - 13:57 Uhr

Zumindest virtuell spitze

Mit einer fehlerfreien Fahrt und einer ausgeklügelten Strategie sicherte sich Williams-Pilot George Russell den Sieg beim Virtual Grand Prix der Formel 1 in Monaco. Doch auch im echten Rennwagen gilt der 22-Jährige unter Experten als kommender Weltmeister. Und das nicht nur wegen seiner Leistung auf der Strecke.

GP3, F2: Russell gewinnt einfach alles

Sim Racing ist schön und gut, lässt bei all dem Spaß und der Action aber keine Rückschlüsse auf die tatsächliche Leistungsfähigkeit eines Fahrer in einem echten F1-Boliden zu. Das zeigt das Beispiel Antonio Giovinazzi. Der Italiener leistete als Simulator-Pilot von Ferrari 2017 und 2018 durch seine im virtuellen Cockpit gesammelten Daten laut Ex-Boss Maurizio Arrivabene einen maßgeblichen Anteil daran, Sebastian Vettel im Titelrennen gegen Lewis Hamilton zu halten. In seiner ersten vollen F1-Saison 2019 bei Alfa Romeo konnte "Gio" aber nur selten überzeugen.

Bei George Russell sprechen seine Erfolge auf der Strecke ihre eigene Sprache. Im Unterbau der Königsklasse gewann der Brite alles. 2017 die GP3, 2018 die Formel 2 - und zwar beides in seiner ersten Saison. Mehr als genug, um Mercedes-Junior zu werden. Den F1-Serienweltmeister beeindruckt er seit 2017 bei seinen gelegentlichen Tests im F1-Auto ein ums andere Mal. 2019 folgte der verdiente Einstieg in die Formel 1 mit Williams.

Russell schon jetzt Anführer bei Williams

Russell 2017 im Mercedes
Bei seinem ersten Formel 1-Test 2017 in Ungarn nimmt Russell direkt im Mercedes Platz
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Obwohl er als Sieger der beiden Nachwuchsserien sowieso in der Pole Position für einen Sitz im Williams Cockpit war, ließ Russell auch abseits des Asphalts nichts anbrennen: Mit einer Power Point-Präsentation stellte er Teamchefin Claire Williams dar, warum er der richtige Mann für das Traditionsteam sei - mit Erfolg.

In ähnlicher Manier errang er seinen Status als Mercedes-Juniorfahrer. 2017 schickte er ohne Ankündigung einen detaillierten Lebenslauf an Toto Wolff und konnte den Teamchef damit wohl derart überzeugen, ihn wenig später unter Vertrag zu nehmen.

Bei Williams traf er in seiner Debütsaison auf niemand Geringeren als Grand-Prix-Sieger Robert Kubica. Der Routinier landete gegen den Emporkömmling keinen Stich. 21:0 entschied Russell das Qualifying-Duell für sich, im Rennen war das Kräfteverhältnis ähnlich ausgeprägt. Mit dem hoffnungslos unterlegenen Williams waren das allerdings die einzigen Glanzlichter, die der 22-Jährige setzen konnte.

In der Netflix-Dokumentation "Drive to Survive" ist außerdem zu sehen, dass Russell trotz seines Rookie-Status' längst der Anführer des Teams ist. In bester Schumacher-Manier sieht man einen charismatischen jungen Mann, der das Team nach vorne peitscht und mitnimmt, obwohl die Ausgangslage alles andere als rosig ist.

Mercedes-Cockpit für Russell?

Russell gilt als kompletter Fahrer, das weiß neben vielen Experten auch Toto Wolff, der den Youngster unbedingt im Mercedes-Werksteam unterbringen will. Doch der Bewerberkreis um die beiden Cockpits ist äußerst prominent. Neben den derzeitigen Fahrern Lewis Hamilton und Valtteri Bottas könnte auch Sebastian Vettel ein Thema werden. Bezüglich letzterer Option hält sich Wolff bislang sehr bedeckt. Bottas scheint die Posse um den Vertrag für das nächste Jahr schon zu heiß zu werden, sein Manager verhandelt vorsichtshalber wohl mit Renault, sollte Mercedes den Finnen vor die Tür setzen.

Ein Zuckerschlecken wird der Kampf ums SIlber-Cockpit für Russell also nicht. Schon gar nicht, wenn er im Kampf um den Werkswagen einen mehrmaligen Weltmeister ausstechen muss.

Am nötigen Selbstvertrauen fehlt es dem jungen Briten auf jeden Fall nicht, wie anhand einer kleinen Anekdote klar wird: Weltmeister Lewis Hamilton gab ihm 2018 einen Tipp für das richtige Reifenmanagement in der Formel 2, was Russell heute wie folgt kommentiert: "Das (der Tipp) hat mir einen kleinen Vorteil verschafft und war mir später auch bei meinen Rennen mit Williams von Nutzen. Diese kleine Information hat etwas in meinem Kopf ausgelöst. Ich hoffe, Lewis Hamilton wird eines Tages bereuen, dass er mir diesen Ratschlag gegeben hat."

Damit zeigt Russell, dass er auch vor den größten Gegnern keine Scheu hat. Ob es in naher Zukunft aber zum teaminternen Duell mit Hamilton kommt, ist offen. Bislang hat Mercedes als einziges der Top-Teams noch keine Entscheidung bezüglich seines Fahrerduos für die kommende Saison getroffen.