Vom "heimlichen Neuzugang" zum Streichkandidaten

Warum Corentin Tolissos Abgang vom FC Bayern bevorsteht

Corentin Tolisso
© Bongarts/Getty Images, Bongarts, MA

18. März 2020 - 13:18 Uhr

Von Heiko Lütkehus

Knapp 42 Millionen Euro nahm der FC Bayern im Sommer 2017 in die Hand, um Corentin Tolisso von Olympique Lyon nach München zu holen. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an den damaligen Rekordtransfer, der seither zwar nicht enttäuschte, aber auch nie unverzichtbar wurde. Trennen sich die Wege nach der Saison?

Beide Seiten haben sich wohl mehr versprochen

Weltmeister, zweifacher Deutscher Meister und Pokalsieger - mit gerade einmal 25 Jahren hat Corentin Tolisso bereits fleißig Trophäen gesammelt. Von Trainern wie Teamkollegen wird der Franzose für seine geduldige Art geschätzt. "Er ist nicht niedergeschlagen. Wenn es kompliziert wird, wartet er bis zum Ende des Sturms. [...] Er wartet auf seine Chance und arbeitet hart", zitierte "Le Parisien" unlängst eine Quelle aus dem Umfeld Tolissos.

Und doch scheint es zunehmend fraglich, ob der Mittelfeldmann in der kommenden Spielzeit noch für den Rekordmeister auflaufen wird. Denn: Auch wenn es keiner der Beteiligten so offen sagen will, hatten sich beide Seiten von der Zusammenarbeit mehr versprochen.

Wenig Einsatzzeit trotz guter Werte beim FC Bayern

Dabei lesen sich die nackten Zahlen bei Tolisso gar nicht schlecht. In 68 Pflichtspielen für den FC Bayern traf der Nationalspieler 14 Mal und bereitete darüber hinaus zwölf Tore vor. Leon Goretzka, sein vielleicht größter Konkurrent im Münchner Mittelfeld, weist ähnliche Werte auf (65 Einsätze/14 Treffer/13 Assists) - und hat in der mannschaftsinternen Hierarchie dennoch klar die Nase vorn, ebenso wie Joshua Kimmich und Thiago.

An der Säbener Straße wird seit längerem gemunkelt, dass Coach Hansi Flick kein allzu großer Fan von Tolisso sein soll. Seit der ehemalige Assistent von Bundestrainer Joachim Löw das Sagen hat, zählte der Franzose nur in fünf von 21 möglichen Partien zur Startformation. Fakt ist: Unter Flicks Vorgängern war die Wertschätzung für Tolisso höher. Carlo Ancelotti holte den vielseitigen Achter einst als Wunschspieler zum FC Bayern, auch Jupp Heynckes baute später auf ihn. Vermutlich hätte auch Niko Kovac gerne öfter auf Tolisso gesetzt. Dessen Kreuzbandriss am dritten Spieltag der Saison 18/19 verhinderte eine engere Zusammenarbeit jedoch.

Tolisso beim FC Bayern angeblich auf der Streichliste

Mittlerweile ist der einstige Rekordtransfer komplett genesen und Kovac Geschichte. Alles auf Null also? Die klare Antwort: Nein. Medienberichten zufolge haben die Bayern-Verantwortlichen um Coach Flick und Sportdirektor Hasan Salihamidzic eine Streichliste erstellt, auf der auch Tolissos Name zu finden sein soll. Laut "Bild" und "Sport Bild" deute "alles auf eine Trennung in diesem Sommer hin".

Tolisso werde seinen bis Ende Juni 2022 datierten Vertrag demnach nicht erfüllen. Der FC Barcelona, Paris Saint-Germain und Manchester United gelten als interessiert, die Red Devils sollen nach "kicker"-Informationen im Winter sogar schon einen ersten Vorstoß gewagt haben. Der allgemeine Tenor lautet: Sollte einer der Klubs bereit sein, die einst vom FC Bayern gezahlten 42 Millionen Euro auf den Tisch zu legen, könnte Tolissos Zeit an der Isar enden.

"Kompletter Mittelfeldspieler" beim FC Bayern kaum gefragt

Sicher ist, dass der Weltmeister mehr Spielzeit will. Nicht zuletzt, um seinen Status in der Équipe tricolore zu wahren: Dort durfte Tolisso in den vergangenen sechs Begegnungen stets über 90 Minuten ran. Er genießt das Vertrauen von Les-Bleus-Trainer Didier Deschamps, der ihn unlängst als "kompletten Mittelfeldspieler" rühmte. Hansi Flick scheint das anders zu sehen, das weiß Tolisso mittlerweile. Noch im November hatte der passstarke Stratege im Gespräch mit "Le Parisien" erklärt, dass "man sich in solchen Zeiten ein wenig zurücknehmen und die richtige Einstellung zeigen" müsse.

Tolisso ließ Taten folgen, sammelte in den täglichen Einheiten Fleißpunkte und arbeitete parallel dazu weiter an seinen Deutsch-Kenntnissen. "Ich sehe ihn gut trainieren, sich reinhauen", lobte Sportdirektor Salihamidzic. An seiner Reservistenrolle hat sich dennoch nichts geändert. Vor der Saison hatte Niko Kovac den genesenen Tolisso noch als "heimlichen Neuzugang" bezeichnet. Bald könnte ein "heimlicher Abgang" daraus werden.

(Quelle: Sport.de)