Main-Spessart ist trauriger Spitzenreiter bei Corona-Toten

Schützen wir die Altenheime zu wenig?

Landratsamt Main-Spessart
Landratsamt Main-Spessart
© RTL NewMedia, Simon Steioff

15. Januar 2021 - 14:11 Uhr

Hälfte aller Heimbewohner infiziert

Keine Stadt und kein Landkreis in Deutschland ist in der zweiten Pandemiewelle so stark betroffen wie Main-Spessart, was die Todesfälle anbelangt. Landrätin Sabine Sitter erklärt dies mit den massiven Ausbrüchen in zehn Alten- und Pflegeheimen im Landkreis, wo jeweils bis zu 50 Prozent der Bewohner betroffen waren. Erst nach den Ausbrüchen wurden striktere Maßnahmen in Altenpflegeheimen und Krankenhäusern veranlasst, um eine Ausbreitung zu verhindern. Für Karl Kracht kamen die jedoch zu spät, wie uns sein Sohn Jürgen erzählt.

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Das Versagen des Hygienekonzepts

Es ist der 5. Dezember 2020 als Karl Kracht wegen Kreislaufbeschwerden in das Main-Spessart-Krankenhaus in Lohr gebracht wird. Der Coronatest bei Einlieferung fällt negativ aus. Nur wenige Tage später wird Kracht als genesen entlassen. Nach nur zwei Tagen zu Hause informiert das Krankenhaus die Familie, dass Krachts Bettnachbar positiv auf Covid-19 getestet wurde.

Auch Karl Kracht wird erneut getestet, der Test fällt positiv aus und die ganze Familie in Quarantäne geschickt. Ein Schock für die Familie, wie sein Sohn Jürgen im RTL-Interview erzählt. "Im Vorfeld hatten wir alle immer versucht, das Risiko zu minimieren. Dann kommt er an einen vermeintlich sicheren Ort - das Krankenhaus, wo man denkt, dass es ein gutes Hygienekonzept gibt – und von dort bringt er dann das Virus mit."

Doch für Familie Kracht kommt es noch schlimmer. Die Gesundheitszustand des 78-Jährigen verschlechtert sich dramatisch, einen Tag vor Weihnachten, am 23. Dezember 2020, schließlich stirbt er am Coronavirus.

+++ Mehr als 80 Prozent der Pflegeheime von Impfteams aufgesucht +++

"Es gibt offensichtlich Löcher in eurem Hygienesystem"

Wie es zu der Infektion im Krankenhaus kommen konnte, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Für Sohn Jürgen Kracht trägt das Krankenhaus aber die Hauptverantwortung. "Das Krankenhaus versteckt sich hinter dem Slogan: Wir haben uns an alle Vorschriften gehalten. Wir konnten nicht mehr tun. Aber ich sage: das stimmt so nicht."

Kracht wirft dem Klinikum Main-Spessart vor allem mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen vor. "Es gibt offensichtlich Löcher in eurem Hygienesystem und die müssen aufgedeckt und verbessert werden", so Kracht.

+++ RTL testet Hygieneschleuse im Altenheim +++

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Corona-Hotspot Main-Spessart

Der Coronafall der Familie Kracht ist aber wohl kein Einzelfall im Landkreis Main-Spessart. Teilweise bis zu 50 Prozent der Bewohner von Alten- und Pflegeeinrichtungen haben sich binnen weniger Wochen im Landkreis infiziert. Lange galt der Kreis als Musterbeispiel für die Bewältigung der Pandemie, der Inzidenzwert lag monatelang unter 50.

Das änderte sich jedoch schlagartig ab Oktober 2020. Waren vorher im Landkreis nur sechs Personen mit oder an Covid-19 gestorben, stieg die Zahl bis 11. Januar auf 168. 124 davon lebten in Altenpflegeeinrichtungen.

Hat das Landratsamt die Situation also unterschätzt? Auf RTL-Anfrage teilt Landrätin Sabine Sitter mit, "der überwiegende Teil" der Verstorbenen habe an Vorerkrankungen gelitten und die Bevölkerung sei überdurchschnittlich alt. Außerdem seien Maßnahmen zur Eindämmung getroffen worden.

Brinkhaus: Haben zu wenig über den Schutz geredet

Ralph Brinkhaus im ntv Frühstart
Ralph Brinkhaus im ntv Frühstart
© RTL NewMedia, RTL, Simon Steioff

Haben wir die Menschen in Altenheimen zu wenig geschützt? Zumindest der Fraktionsvorsitzende der Union im Bundestag Ralph Brinkhaus gesteht Fehler ein. "Monatelang haben wir über Lockerungen geredet und zu wenig über den Schutz vulnerabler Gruppen. Wir müssen da mehr tun", so Brinkhaus im Frühstart von RTL und ntv. Gleichzeitig forderte er die Landratsämter auch auf, sich zu melden, wenn die Lage außer Kontrolle gerate. "Es ist gut, dass die Bundeswehr nochmal 10.000 Soldaten zur Verfügung stellen will. Aber die müssen auch angefordert werden."

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht große Probleme bei den Alten- und Pflegeheimen. "Diese Leute kommen meistens schon gar nicht mehr in die Intensivstation, sondern die sterben in den Pflegeeinrichtungen", sagte er am Donnerstagabend in der ZDF-Sendung "maybrit illner". Die Anzahl der kritisch infizierten Senioren sei so groß, dass die Intensivstationen, die gar nicht mehr bewältigen könnten. "Wenn wir wie in der ersten Welle die Menschen aus den Pflegeeinrichtungen noch alle auf die Intensivstationen bringen würden, dann wären die Intensivstation schon längst überlaufen", so Lauterbach. Das sei auch der Grund, wieso der Altersduchschnitt auf den Intensivstationen sinke.

Möglicherweise gerichtliche Prüfung der Hygienemaßnahmen

Ob tatsächlich Hygienemaßnahmen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen vernachlässigt wurden, könnte jetzt auch die Gerichte beschäftigen. Im Fall von Corona-Opfer Karl Kracht prüft sein Sohn nämlich jetzt rechtliche Schritte, um herauszufinden, wie sich sein Vater trotz Hygienekonzept im Krankenhaus mit Covid-19 infizieren konnte.