Viele Eltern schenken es mittlerweile schon zum Schuleintritt

Wann ist mein Kind bereit für ein eigenes Smartphone?

Mit der magischen Kiste kann man viel machen - Kinder wollen mitmachen!
Mit der magischen Kiste kann man viel machen - Kinder wollen mitmachen!
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10. Juni 2021 - 13:11 Uhr

Kinder wollen früh Zugang zur "magischen Kiste"

Wetterwarnungen, Bahnticket kaufen, shoppen, News checken, Überweisungen erledigen und und und - so viele Sachen sind durch Digitalisierung und Smartphones einfacher geworden. Klar: Auch Soziale Netzwerke, Games und Entertainment spielen eine große Rolle. Und die lieben Kleinen? Wollen sein wie die Großen und suchen immer früher den Zugang zu den magischen Kisten. Eine Umfrage zeigt jetzt: Bei vielen liegt das Smartphone schon in der Schultüte. Ab wann ist ein eigenes Smartphone fürs Kind okay? Medienpädagogin Iren Schulz sagt: Wir können die Kinder nicht davon fernhalten.

Kinder- und Jugendärztechef: "Kein Handy vor elf Jahren!"

Fast 46 Prozent der Befragten einer im Auftrag von eBay-Kleinanzeigen durchgeführten YouGov-Umfrage können sich vorstellen, ihr Kind bereits mit Eintritt in die Grundschule, also bereits mit 6 Jahren, mit einem Smartphone auszurüsten. Doch Experten warnen immer wieder. "Kurzsichtigkeit, Angst, Depressionen, Schlafstörungen, Diabetes, Demenz und Bluthochdruck" - für Neurowissenschaftler und Psychiater Manfred Spitzer ist die Liste an möglichen Folgen lang. "Kinder unter zwölf Jahren sollten keine eigenen Geräte haben", rät auch Psychologe Christian Montag. Kinder seien in der Selbstregulation noch nicht so gut wie Erwachsene, verstehen nicht, wann es an der Zeit ist aufzuhören, sagt er. Auch Kinder- und Jugendärztechef Thomas Fischbach forderte in einem Interview ausdrücklich: "Kein Handy vor elf Jahren!" - ohne Wenn und Aber!

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Sicherheit ist der wichtigste Aspekt? Von wegen!

Stundenlang daddeln, chatten, Videos gucken - sind das denn überhaupt die Gründe, warum Eltern ihren Nachwuchs laut YouGov-Umfrage so früh mit Smartphones ausstatten wollen? Nein, Sicherheit ist der wichtigste Aspekt für Eltern. So nennen 58 Prozent der Befragten als Grund für die Anschaffung eines Smartphones, dass ihr Kind sie in einem Notfall erreichen kann. Vier von Zehn möchten ihr Kind zudem auch selbst stets erreichen können. Erst danach folgen andere Gründe: mit den Freunden über das Smartphone kommunizieren können und den Umgang mit technischen Geräten erlernen.

LESE-TIPP: Medienkonsum der Kids ist für viele Eltern generell eine Herausforderung

Smartphones als Möglichkeit mit dem Kind telefonisch in Verbindung zu bleiben? Klingt ja erst einmal nicht so sehr verkehrt. Aber die Realität ist eh eine andere: Nach Einschätzung der befragten Eltern sind ein Fünftel der Kinder täglich 30 bis 60 Minuten mit dem Smartphone beschäftigt. Die meisten Kinder der Befragten verbringen pro Tag zwischen ein und zwei Stunden am Smartphone.

Kinder von heute wachsen ab der Geburt damit auf

Dr. Iren Schulz
Kommunikationswissenschaftlerin und Medienpädagogin Dr. Iren Schulz berät für die Initiative „SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht“
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Für Iren Schulz, Mediencoach der Initiative "Schau hin!", ist bei diesem Thema aber klar: "Wir leben in einer hochgradig technisierten Welt", sagt sie uns, "Kinder wachsen ab der Geburt mit Medien auf. Es ist deswegen wenig zuträglich, sie von solchen Medien fernzuhalten." Aber aus Erreichbarkeitsgründen mit einem Smartphone ausrüsten? Davon hält Schulz nichts: "Das ist eine Pseudosicherheit, mit der wir uns keinen Gefallen tun", sagt sie uns. "Wir wollen doch selbständig denkende Menschen erziehen und keine, die wegen jeder Kleinigkeit nach Papa oder Mama anfunken – und dazu brauchen Kinder Freiräume für eigene Entscheidungen."

In Wahrheit ist es oft der soziale Druck

Auch von GPS-Armbändern oder Ähnlichem hält sie nichts, der Einsatz von alten Handys oder speziellen Kindersmartphones steht sie ebenfalls skeptisch gegenüber: "Können Sie machen, wenn Sie wollen, dass das Teil dann in der Tasche bleibt und nicht benutzt wird." Den Sicherheitsaspekt hält sie für vorgeschoben - damit dem Verlangen des Kindes nachgegeben werden kann. In Wahrheit sei es oft so, dass sozialer Druck im Vordergrund stehe - die anderen Kinder haben alle schon eins, wird mein Kind jetzt zum Außenseiter?

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"Alles Mist oder alles toll - das gibt es hier nicht"

Natürlich können Kinder sich noch nicht oft noch nicht selbst regulieren – ihnen das beizubringen ist schließlich Aufgabe der Eltern. Wir begleiten unsere Kinder deswegen auf jedem Schritt durch die Welt – ob es nun bei der Ernährung, dem Straßenverkehr oder Körperhygiene ist. "Auf dem Feld der Medienerziehung ist das noch ein bisschen wilder und durcheinander", gibt Schulz zu. "Zum einen, weil wir Eltern damit noch nicht aufgewachsen sind und weil es immer eine Gratwanderung ist: Alles Mist oder alles toll – das gibt es hier nicht."

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Schritt für Schritt - und immer begleiten

Deswegen empfiehlt die Medienpädagogin genaues Anschauen und Abwägen: Ein Smartphone sollte altersgerecht eingerichtet sein: "Was in Sozialen Medien oder bei Spielen los ist, können Kinder noch gar nicht einschätzen", sagt die Medienpädagogin – Telefonie und Messenger seien deswegen erste Schritte, auch wenn es dann Genöle gebe. Schritt für Schritt – und immer begleiten, das ist das A und O moderner Medienerziehung. Und dabei komme es auch auf die individuelle Beobachtung der Eltern an: Ist mein Kind schon so weit – oder braucht es noch Zeit und Begleitung? (ija)

GUT ZU WISSEN: Wieviel Medienkonsum und Bildschirmzeit in welchem Alter in Ordnung ist

Auf der Plattform der Initiative "Schau hin" werden folgende Bildschirmzeiten empfohlen:

  • bis fünf Jahre: bis eine halbe Stunde Bildschirmzeit am Tag.
  • sechs bis neun Jahre: bis zu einer Stunde Bildschirmzeit am Tag.

Bei älteren Kindern ab zehn Jahren empfehle es sich laut "Schau hin", ein wöchentliches Zeitkontingent zu vereinbaren. Kinder können so ihre eigenen Erfahrungen machen: Werde die vereinbarte Zeit an nur zwei Tagen verbraucht, bleiben die Bildschirme für den Rest der Woche dunkel. So können Kinder lernen, sich die Zeit einzuteilen. Eine zeitliche Orientierung bietet für Kinder ab zehn Jahren folgende Faustregel:

  • zehn Minuten Medienzeit pro Lebensjahr am Tag oder
  • eine Stunde pro Lebensjahr in der Woche.

AUCH INTERESSANT: Ab wann kann mein Kind alleine draußen spielen gehen?

Die Kinder wollen unbedingt nach draußen, auf den Spielplatz, zum Fußball spielen, zum Schlitten fahren - zum ersten Mal alleine. Wie lange muss ich als Mutter und Vater meine Kinder noch begleiten? Ist mein Kind schon so weit, dass ich es alleine zum Spielen nach draußen lassen kann?

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