Thüringen-Talk bei Anne Will

Wahl in Thüringen und die Folgen: Weidel findet’s „unglaublich“

Weidel
© NDR/Wolfgang Borrs

10. Februar 2020 - 11:46 Uhr

Wolfgang Kubicki (FDP)i: Hätte Wahl nicht angenommen

Selten hat Thüringen so viel Aufmerksamkeit bekommen wie diese Woche - als der FDP-Mann Thomas Kemmerich sich von der AfD zum Ministerpräsidenten des Bundeslandes wählen ließ, stand die Republik Kopf. Und noch immer ist Vieles in Schieflage. Bei Anne Will diskutierte eine illustre Runde darüber: SPD-Hoffnung Kevin Kühnert, FDP-Vizechef Wolfgang Kubicki, CDU-Minister Peter Altmaier, dazu Sahra Wagenknecht von der Linken, Alice Weidel von der AfD und die "Spiegel"-Journalistin Melanie Amann.

Peter Altmaier zeigt Reue

Anne Will und Talkgast Peter Altmaier
Anne Will und Talkgast Peter Altmaier
© NDR/Wolfgang Borrs

Altmaier hatte sich offenbar vorgenommen, erstmal ganz reumütig aufzutreten: "Das war eine Blamage für viele, auch für viele in meiner Partei", sagte er. "Ich glaube, wir werden lange brauchen, diesen Vertrauensverlust wiedergutzumachen." Es dürfe keine wie auch immer geartete Zusammenarbeit mit der AfD geben und das Zünglein an der Waage dürfe diese auch niemals werden. Denn: "Die AfD ist nicht irgendeine Partei". Später präzisierte er das: Sie dulde rechtsextremes Gedankengut in ihren Reihen.

Bizarr: Alice Weidel (AfD) springt für Kemmerich in die Bresche

Wolfgang Kubicki 2019-03-31, Berlin, Deutschland - Wolfgang Kubicki (FDP), stellvertretender Bundesvorsitzender und Bundestagsvizepräsident, zu Gast bei Anne Will im Ersten Deutschen Fernsehen. Thema der Talkrunde: Streiken statt Pauken - ändert die
Wolfgang Kubicki hätte die Wahl abgelehnt. Sagt er. (Archivfoto).
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FDP-Vize Wolfang Kubicki hatte das gleich nach der Wahl nicht so eng gesehen. Auf Twitter gratulierte er seinem Parteifreund Thomas Kemmerich zur Wahl, feierte den Sieg für die "bürgerliche Mitte" - dass die entscheidenden Stimmen von der AfD kamen, schien ihn nicht weiter zu kümmern. Nun saß Kubicki ein wenig zerknirscht in der Runde. Seinen Tweet verteidigte er als natürliche Reaktion, nachdem seine Partei einen Wahlsieg errungen habe. Er selbst hätte die Wahl aber wohl nicht angenommen, behauptete er, weil er "mental stärker" sei als Kemmerich.

Bizarr wurde es, als die AfD-Vertreterin Alice Weidel begann, leidenschaftlich Kemmerich zu verteidigen. Der sei ein Unternehmer der bürgerlichen Mitte, da sei es doch ganz klar, dass die AfD ihn gewählt habe. Ob sie die FDP nicht immer als "Altpartei" bezeichnet habe, hatte Will zuvor gefragt und wollte wissen, wie das nun zusammenpasse. Der wie üblich hellwache Kühnert war hier zur Stelle: "Sie geben hier ja eine Wahlempfehlung für die FDP ab, da braucht man ja gar nicht mehr AfD zu wählen!"

"Spiegel"-Frau Amann attestiert der CDU ein „Führungsvakuum“

Dr. Melanie Amann (Leiterin des HauptstadtbÃ_ros des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL) in der ARD-Talkshow ANNE WILL am 01.09.2019 in Berlin. Thema der Sendung: Nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg
Spiegel-Journalistin Melanie Amann
© DPA, picture alliance/Eventpress, Müller-Stauffenberg

Unglaublich" fand Weidel auch, dass Linken-Vertreterin Sahra Wagenknecht Höcke als "Nazi" bezeichnete. Das wusste sie auch zu begründen: Der habe gesagt, Hitler als das absolut Böse zu betrachten sei falsch, Judentum und Christentum seien für ihn ein Antagonismus, dann seien da Forderung nach einer "erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad" - dass Höcke zumindest keine Berührungsängste mit Neonazis hat, zeigte sich etwa 2018 in Chemnitz, als er mit Angehörigen der rechten Szene, den dort von einem Iraker und einem Syrer getöteten Mann betrauerte. Außerdem hat ein Gericht erlaubt, Höcke als "Faschisten" zu bezeichnen.

Altmaier hatte einen schweren Stand, als er die Rolle der CDU in dem ganzen Schlamassel erklären sollte. Will fragte, ob die Vorgabe, weder mit Linken noch mit AfD zusammenzuarbeiten nicht ein Fehler war. Denn die Thüringer Fraktion fand die Vorstellung, Ramelow ins Amt zu helfen offenbar abstoßender als gemeinsam mit der AfD Tatsachen zu schaffen. Dass es Parteichefin Kramp-Karrenbauer nicht gelungen war, die Parteifreunde weder im Vorfeld noch im Nachhinein auf ihre Linie zu bringen, lässt Führungsstärke vermissen.

Amann diagnostizierte gar ein "Führungsvakuum". Die CDU leide an einem Grundkonflikt: Auf der einen Seite Merkel-Anhänger die ihren Kurs Richtung Links mittrügen, auf der anderen Seite jene, die das nur als Verirrung ansehen und auf eine Rückkehr zu altem konservativem Profil anstrebten. Dieser Konflikt werde immer wieder aufbrechen. Amann: "Es kann sein, dass wir bei der nächsten Wahl nur noch die rauchenden Ruinen der CDU sehen, weil niemand diese Pole versöhnen kann."