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Wahl des Bundespräsidenten: Joachim Gauck auf Siegerkurs

Wahl des Bundespräsidenten: Joachim Gauck auf Siegerkurs

Joachim Gauck - "Fast-Präsident"
"Ungeschminkt, ungefiltert" und manchmal "ungewaschen": Fast-Präsident Joachim Gauck

Plötzlich sind alle Gauck-Fans

Am Sonntag ist es soweit: Dreißig Tage nachdem Christian Wulff zurückgetreten ist, bekommt Deutschland einen neuen Bundespräsidenten. Wenn die Bundesversammlung zum 15. Mal in der Geschichte der Republik zur Wahl zusammenkommt, dürfte für Joachim Gauck das alles wie ein Déjà-vu sein: Bereits 2010 kandidierte er als Kandidat von SPD und Grünen für das Amt, verlor aber in einem Wahlkrimi gegen Wulff. Die Wahl zog sich stundenlang wie ein Kaugummi, erst im dritten Anlauf konnte sich Wulff mit Ach und Krach durchsetzen.

Keine schlechten Voraussetzungen also für eine neue Kandidatur, und in der Tat dürften die rund 1.240 Delegierten den Berliner Reichstag dieses Mal früher verlassen. Es gilt als sicher, dass Gauck das Rennen machen und nach dem ersten Wahlgang als neuer Bundespräsident feststehen wird.

Etwas besser kennengelernt haben die Bürger der Republik den 72-Jährigen mittlerweile doch schon. Vier Wochen ist es her, dass der parteilose Pastor aus dem Osten zum aussichtsreichsten Kandidaten für das Präsidentenamt aufstieg, als Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgehört hatte zu bocken. Seitdem hat er einige öffentliche Auftritte hinter sich gebracht. Auf seiner Reise durch die Bundesländer, nicht mehr im Taxi, sondern in der schon präsidialen Limousine aus Berlin, erfährt das Fast-Staatsoberhaupt viel Zuspruch und kaum Kritik - plötzlich sind alle Gauck-Fans.

“Ich werde nicht sagen, was für ein toller Typ ich bin“

Hamminkeln im Rheinland, Stuttgart, München, Berlin: Wo auch immer Gauck auftaucht, fuchteln Fotografen aufgeregt mit ihren Apparaten vor ihm herum, Kameras werden ihm vor die Nase gehalten. Der Noch-Bürger trägt es mit Gelassenheit, stets ein freundliches Lächeln im Gesicht. Und doch sind da die Situationen, in denen seine Begleiter die Luft anhalten. Etwa, als im Lesesaal des bayerischen Landtags die Frage nach seinen Lebensverhältnissen kommt – nicht zum ersten Mal.

Noch im Februar hatte der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis den in “wilder Ehe“ lebenden Gauck aufgefordert, doch bitte seine persönlichen Verhältnisse ins Reine zu bringen. Damit meinte der bayerische Familienpolitiker den Umstand, dass Gauck seit zwölf Jahren mit der Journalistin Daniela Schadt liiert ist, die ihn als erste First Lady ohne Trauschein ins Schloss Bellevue begleiten würde. Von seiner ersten Frau Gerhild, mit der er vier Kinder hat, ist Gauck noch nicht geschieden.

An solche Situationen hat sich der Ex-Pastor mittlerweile gewöhnt. Statt zu predigen, übt er sich in höflicher Zurückhaltung – auch, was sein Programm als Bundespräsident angeht: “Ich werde auch nichts darüber sagen, was ich vorhabe und schon gar nicht, was ich für ein toller Typ bin. Das können Sie vergessen.“ Gauck sieht sich als “Bürgerpräsident“. “Ich bin nicht mal gewaschen“, sagte er am Abend seiner überraschenden Nominierung, als er mit der Kanzlerin vor die Kameras trat. Seinem Sohn Christian war das peinlich. “Aber so ist er, ungeschminkt, ungefiltert“, sagte der Hamburger Arzt der ‘FAS‘. Nach den Klüngeleien und Debatten um Gratisurlaube, Vorteilsnahmen und Hausfinanzierungen seines präsidialen Vorgängers klingt das erfrischend bodenständig.

Das hat man auch im Schloss Bellevue schon erfahren. Als Wulff vor zwei Jahren sein erstes Sommerfest als Bundespräsident gab, stürmte Gauck spätabends kurzerhand auf die Bühne, schnappte sich ein Mikrofon und schmetterte mit Peter Maffay im Duett: “Über sieben Brücken musst Du gehen“. Nun muss Gauck nicht wie es im Text weiter heißt sieben dunkle Jahre, sondern nur noch die Wahl zum Bundespräsidenten überstehen, bevor er sein erstes eigenes Sommerfest im Schloss ausrichten kann.