Anschlag in Halle

So war es in der Synagoge: „Wir waren alle in Panik, Frauen und Kinder versuchten sich zu verstecken"

10. Oktober 2019 - 12:07 Uhr

Auf Monitoren mussten sie den Mord an der Frau mit ansehen

Menschen versammeln sich in einem Gotteshaus, um am höchsten Feiertag ihrer Glaubensgemeinschaft zu beten. Plötzlich wird die andächtige, friedvolle Stimmung jäh gestört. Schüsse fallen, diese Menschen werden unvermittelt angegriffen. Das passiert mitten in Deutschland, in der Synagoge von Halle. "Wir waren alle in Panik. Frauen und Kinder versuchten sich zu verstecken. Mit Stühlen und anderen Möbeln haben wir Türen verbarrikadiert", beschreibt Max Privorozki, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde der Stadt, die Situation. Mehr dazu im Video.

Max Privorozki: „Das war großer Wahnsinn“

10.10.2019, Sachsen-Anhalt, Halle: Menschen gedenken vor der Synagoge der Opfer. Bei Angriffen mitten in Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt sind gestern vor einer Synagoge und in einem Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen worden. Foto: Jan Woitas/
Menschen gedenken am Tag nach dem Angriff vor der Synagoge in Halle der Opfer.
© dpa, Jan Woitas, axs

51 Menschen sind im Gebäude, als ein schwerbewaffneter Terrorist versucht, in die Synagoge einzudringen und dort ein Blutbad anzurichten. "Wir habe gerade Thora gelesen, als wir hörten, wie geschossen wird", erzählt Privorozki betroffen, aber gefasst.

Auf Monitoren müssen sie mit ansehen, was draußen passiert, während sie versuchen, sich in Sicherheit zu bringen. "Wir haben gesehen, wie diese Frau ermordet wurde. Wie er auf die Tür zu unserer Synagoge schießt." Er sucht nach einer passenden Formulierung, es dauert einen Moment, bis er sagt: "Das war großer Wahnsinn."

Max Privorozki: „Wir waren auf so etwas nicht vorbereitet“

10.10.2019, Sachsen-Anhalt, Halle: Polizisten in einem Polizeifahrzeug stehen vor der Synagoge in Halle. Am Vortag hatte hier ein schwerbewaffneter Täter versucht, in die Synagoge einzudringen und dort unter Dutzenden Gläubigen ein Blutbad anzurichte
Polizeifahrzeug vor der Synagoge in Halle. Zum Zeitpunkt des Angriffs waren keine Polizisten vor Ort.
© dpa, Jan Woitas, woi gfh

Sie hatten sich sicher gefühlt, nicht mit einem heimtückischen Angriff gerechnet, sagt Privorozki. "Wir waren auf so etwas nicht vorbereitet. Es war ein Schock." Jom Kippur ist der höchste jüdische Feiertag, als die Attacke beginnt, sind alle Handys ausgeschaltet. Es dauert bange Augenblicke, bis sein Telefon eingeschaltet ist, er die Polizei benachrichtigen kann.

Notruf: Polizei fragt Anrufer, wo die Synagoge ist

Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Halle
Max Privorozki vor der Synagoge in Halle.

Er ist in Panik. "Ich schrie ins Telefon, hier findet ein terroristischer Anschlag auf die Synagoge statt, 80 bis 100 Leute sind eingeschlossen." Was dann passiert, kann er nicht verstehen. "Und dann fragen sie mich, wie ich heiße und wo die Synagoge ist", schüttelt er den Kopf. Das habe er in dem Moment als "dumm" empfunden. "Um es leise zu sagen", fügt Privorozki an.

Es ist ihm anzumerken, dass er vorsichtig, betont sachlich kritisieren möchte, was er nicht nachvollziehen kann: Dass es am höchsten jüdischen Feiertag keinerlei Polizeischutz an der Synagoge gab. Und dass es zehn Minuten dauerte, bis die ersten Einsatzkräfte vor Ort eintrafen.​