Vorschau auf den China-Grand-Prix: Warum Sebastian Vettel vom Sieg träumen darf

Von Steffen Kosuch

Das Theater um den Qualifying-Modus ist endlich beendet, mit dem Rennen in Shanghai steht das nächste Rennen vor der Tür - und das könnte es in sich haben. Zündstoff birgt nicht nur die Konstellation zwischen den beiden Mercedes-Piloten, sondern auch die Streckencharakteristik, die einem Mann in die Karten spielen könnte: Sebastian Vettel.

Sebastian Vettel, Ferrari
Weil er in einem reifenschonenden Auto sitzt, könnte Sebastian Vettel beim China-GP wieder Boden auf die Mercedes-Dominatoren gut machen.
dpa, Diego Azubel

Am kommenden Wochenende findet mit dem Grand Prix von China bereits das dritte Rennen der Saison 2016 statt. Die Zeit seit dem letzten Rennen nutzten die Verantwortlichen, um das leidige Thema Qualifying-Modus zumindest für dieses Jahr in der Schublade verschwinden zu lassen. Nach heftiger Kritik aus allen Seiten, hat man beschlossen, wieder zum alten (bis Ende 2015 verwendeten) System zurückzukehren.

Übrig bleibt die Verwunderung, wie die Entscheidungsträger hier ihre Machtspielchen treiben und es zum Schluss keiner gewesen sein will. Es ist zu befürchten, dass die Reglementänderungen – Stichwort: "5 Sekunden schnellere Autos" – die nächste Posse dieser Art sein wird. Eine Rolle rückwärts wird es dann aber nicht geben, da es sich hierbei um Entwicklungskosten von mehreren Hundert Millionen Euro handelt, und nicht nur um ein paar Zeilen im sportlichen Regelwerk.

Als grenzenloser Optimist bleibt die Hoffnung, dass nun auch der Allerletzte verstanden hat, dass die aktuellen Entscheidungsstrukturen so nicht mehr funktionieren und man die Lehren daraus zieht. Aber wir wollen uns hier lieber den positiven Dingen widmen und davon boten die beiden ersten Rennen so einiges.

Rosberg nach perfektem Saisonstart der Mann der Stunde

Aus deutscher Sicht am erfreulichsten sind natürlich die beiden Siege von Nico Rosberg. Mit maximaler Punkteausbeute und einem kleinen Polster auf Lewis Hamilton kann er mit viel Selbstvertrauen nach Shanghai reisen. Beruhigend ist dies aber noch nicht, schließlich gelang es Hamilton, sowohl in Australien als auch Bahrain, das Qualifying für sich zu entscheiden.

Hätte der Engländer nicht beide Male den Start vermasselt, würden wir vermutlich einen ganz anderen WM-Stand haben. Dennoch steht der Titelverteidiger derzeit etwas unter Druck und muss unter allen Umständen versuchen, das Blatt möglichst bald zu wenden. Die Fans kann es nur freuen, wenn es nicht allzu glatt für den Dominator der vergangenen beiden Jahre läuft.

Nico Rosberg, Mercedes
Mercedes-Pilot Nico Rosberg will beim China-GP seine Erfolgsserie fortsetzen und den dritten Sieg der F1-Saison feiern.
imago/HochZwei, imago sportfotodienst

Ferrari noch nicht ganz dran

Noch etwas gedulden müssen wir uns wohl, bis Ferrari es aus eigener Kraft schafft, den Platzhirsch Mercedes anzugreifen. Auch wenn man sich dies schon für 2016 erhoffte, so scheint es noch nicht ganz so weit zu sein. Es deutet sich an, dass der Turbo des Ferrari-Motors den Mechanikern aktuell Sorgen bereitet und nur mit reduzierter Leistung betrieben werden kann.

Die Entwicklung eines neuen Turbos geht aber leider nicht von heute auf morgen, somit wird es vermutlich bis zum Ende der ersten Saisonhälfte dauern, die Lücke zu schließen. Will die Scuderia um Siege mitfahren, benötigt Ferrari bis dahin noch besondere Umstände und etwas Unterstützung von Fortuna. Wie schnell so etwas aber gehen kann, zeigte sich letzte Saison, als Sebastian Vettel mit einem noch unterlegenereren Auto dennoch zu drei Siegen gefahren war.

Wilde Kämpfe in Verfolgerfeld

Sind die Positionen an der Spitze, von teaminternen Kämpfen abgesehen, mehr oder weniger in Stein gemeißelt, so tobt im Mittelfeld der freie Kampf. Zwar gibt es immer noch ein paar streckenspezifische Tendenzen (z.B. leidet Red Bull mit seinem Renault-Antrieb auf Strecken, die viel Motorleistung erfordern), aber für die Positionen hinter Mercedes und Ferrari kommen meist ein knappes Dutzend Fahrer in Frage.

Shanghai - eine Strecke mit vielen Gesichtern

Die beiden langen Geraden spielen allen Teams mit Mercedes-Motoren in die Karten, während der Mix aus schnellen und langsamen Kurven im ersten Streckenteil höchste Anforderungen an das Chassis und die Aerodynamik stellen. Die Wahl des Setups ist hier ein noch größerer Kompromiss, als es eh schon auf vielen anderen Strecken ist. Es kann schnell passieren, dass man einen zu aggressiven Ansatz wählt, um Qualifying absolut konkurrenzfähig zu sein, aber dies im Rennen mit einem zu hohen Reifenverschleiß bitter bereut. Besonders die sich zuziehenden Kurven 1 bis 3 fordern dem Reifen vorne links alles ab. Wer da als Fahrer/Renningenieur nicht sorgsam agiert, ist schnell chancenlos.

Es wird interessant sein zu sehen, ob es auch diesmal zu einer ähnlich großen Vielzahl von unterschiedlichen Rennstrategien kommen wird, oder die Teams anfangen, sich auf ein Optimum zu konzentrieren. Da aber der Reifenverschleiß in China eine wichtige Rolle im Rennen spielt, könnte sich die neue Regel mit ihren drei zur Auswahl stehenden Reifentypen nicht nur als Chance auf ein interessantes Rennen erweisen, sondern Teams wie Ferrari mit ihrem reifenschonenden Auto auch helfen, Boden auf die Mercedes gutzumachen.