Von wegen Spazierfahrt! Statistik spricht gegen Vettel

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22. November 2012 - 16:16 Uhr

Platz 4 würde Sebastian Vettel beim Saison-Finale am kommenden Sonntag in Sao Paulo reichen, dann wäre er definitiv zum dritten Mal in Folge Weltmeister. Selbst mit einem Sieg beim Brasilien-GP könnte Ferrari-Star Fernando Alonso den Red-Piloten dann nicht mehr von der Spitze der WM-Wertung verdrängen, denn der Spanier muss mindestens 14 Punkte auf Vettel gut machen.

Klingt einfach, ist aber nicht so. Das weiß keiner besser als Alonso selbst. 2010 hatte der Ferrari-Pilot als WM-Spitzenreiter vor dem Finale in Abu Dhabi sogar 15 Punkte Vorsprung auf Vettel. Der war damals vor dem letzten Rennen in der Fahrerwertung sogar nur Dritter hinter seinem Teamkollegen Mark Webber.

Weil Webber im Qualifying nicht über Platz 5 hinaus kam und im Rennen sogar auf Platz 8 zurückfiel, hätte Alonso nur seinen 3. Startplatz ins Ziel bringen müssen, um sich zum 3. Mal zum Champion zu küren. Doch Ferrari beging einen taktischen Fehler: Das Team beorderte Alonso zu früh zum Reifenwechsel an die Box, der Spanier fiel auf Platz 7 hinter Renault-Pilot Vitali Petrov zurück und fand keinen Weg mehr vorbei am Russen. Vettel gewann und feierte seinen ersten WM-Titel - vier Punkte betrug am Ende sein Vorsprung.

Noch knapper ging es in den Jahren 2008 und 2007 zu, als die WM jeweils mit einem Punkt Differenz entschieden wurde. 2008 machte McLaren-Mann Lewis Hamilton in Sao Paulo in der letzten Kurve vor dem Ziel noch eine Position gut, verbesserte sich auf Platz 5 und holte damit den einen Punkt mehr, der nötig war, um seine WM-Führung vor Ferrari-Pilot Felipe Massa zu verteidigen. Der Brasilianer hatte seinen Heim-GP gewonnen und sich bei der Zieldurchfahrt bereits als Weltmeister feiern lassen - nach 25 Sekunden war die gute Laune im Keller. Mit sieben Punkten Vorsprung - nach der alten Punkteregel - war Hamilton ins Finale gegangen.

Im Jahr davor war der Brite mit 4 Zählern Vorsprung vor seinem damaligen McLaren-Teamkollegen Alonso und 7 Punkten mehr als Ferrari-Mann Kimi Räikkönen ins Saison-Finale in Brasilien gestartet. In der Startaufstellung stand Hamilton auf Platz 2 unmittelbar vor seinen Rivalen - doch ins Ziel kam er nur als 7. Räikkönen siegte und setzte sich die WM-Krone auf. Die Statistik der vergangenen 20 Jahre zeigt: Die WM-Führung ist nicht unbedingt die bessere Ausgangsposition für das Finale.

Nur zwei Mal rettet der WM-Leader im Finale den Titel

Von wegen Spazierfahrt! Statistik spricht gegen Vettel
Mika Häkkinen lieferte sich in den 1990ern packende Duelle mit den Ferraristi
© picture-alliance / dpa, epa AFP Eric Cabanis

Sechs Mal wurde die WM in den vergangenen 20 Jahren im letzten Rennen entschieden. Doch nur drei Mal gelang es dem WM-Spitzenreiter, seine Führung im Finale zu verteidigen: Hamilton 2008 und Michael Schumacher mit Benetton 1994 und 2003 im Ferrari. 1994 sicherte sich Schumacher seinen ersten Titel mit einem Punkt Vorsprung vor Williams-Pilot Damon Hill, nachdem die beiden WM-Kontrahenten in Runde 36 beim Großen Preis von Australien in Adelaide kollidiert und anschließen ausgefallen waren. Die Rennkommissare des Internationalen Automobilweltverbandes FIA erkannten keine Absicht von Schumacher bei dem Unfall mit Hill.

Das war drei Jahre später anders: Wieder ging Schumacher, diesmal in einem Ferrari, mit einem Punkt Vorsprung vor einem Williams-Piloten - Jacques Villeneuve - ins WM-Finale, das in jenem Jahr in Jerez ausgetragen wurde. Als der Kanadier in Runde 47 versuchte, an Schumacher vorbeizuziehen, macht der die Tür zu - es kracht, Schumacher landet im Kiesbett, Villeneuve kann weiterfahren, wird Dritter und Weltmeister. Schumacher werden zur Strafe für das Manöver alle WM-Punkte der Saison 1997 aberkannt.

Zwei Jahre später verliert Schumachers damaliger Ferrari-Teamkollege Eddie Irvine die WM-Führung und den Titel ebenfalls im letzten Rennen. McLaren-Mercedes-Pilot Mika Häkkinen holt sich mit einem Sieg in Suzuka und am Ende zwei Punkten Vorsprung seinen zweiten WM-Titel. Irvine hätte wie Schumacher 1997 in jedem Fall vor seinem WM-Rivalen bleiben müssen, um Weltmeister zu werden. Vettel hat es da am Wochenende auf dem Autodromo Jose Carlos Pace etwas leichter.

Eine Spazierfahrt wird der Weg zum Titel jedoch sicher nicht - die knappen Final-Entscheidungen der vergangenen Jahre sollten dem Titelverteidiger Warnung genug sein. Und was, wenn am Ende nur ein Rammstoß den Titel rettet? Auch so wird man zur Formel-1-Legende wie nicht nur Schumacher bewiesen hat. In den Jahren 1989 und 1990 entschieden die damaligen Dauerrivalen und McLaren-Teamkollegen Alain Prost und Ayrton Senna die WM jeweils mit einem kalkulierten Unfall für sich - allerdings bereits im vorletzten Saison-Rennen.