Von wegen Barrierefreiheit: Alltägliche Tortur im Rollstuhl

28. November 2015 - 9:12 Uhr

Von Cengiz Ünal

Eigentlich ist eine Bahnfahrt von Köln-Deutz nach Bonn-Mehlem alles andere als kompliziert: Man steigt in eine Regionalbahn und erreicht sein Ziel nach etwa 40 Minuten. Cristian Levantaci muss diese Strecke mehrmals die Woche fahren, braucht aber jedes Mal mindestens zwei Stunden – weil er im Rollstuhl sitzt. Sein Beispiel zeigt: Barrierefreiheit ist vielerorts nur Theorie.

Von wegen Barrierefreiheit: Alltägliche Tortur im Rollstuhl
Cristian Levantaci muss sich durch viele Hindernisse kämpfen.

Was für die meisten von uns Alltag ist, ist für Cristian meist schon ein Problem. Denn für den 27-Jährigen ist schon eine hohe Bordsteinkante ein unüberwindbares Hindernis. Sei es in öffentlichen Gebäuden, beim Bus- und Bahnfahren oder bei einem einfachen Restaurant-Besuch. Er muss alles vorher genau planen, um keine bösen Überraschungen zu erleben. "Schließlich ist es nicht so schön, wenn man sich die Treppe hinauftragen lassen muss."

Jeder dritte Bahnhof ist nicht barrierefrei erreichbar

Von wegen Barrierefreiheit: Alltägliche Tortur im Rollstuhl
Fast 60 Stufen muss man am Bahnhof Köln-Deutz überwinden, um auf die Bahnsteige zu kommen.

Seit 2002 gilt in Deutschland das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG). Alles, was von Menschen gestaltet wird, soll demnach auf Barrierefreiheit ausgerichtet sein. "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden", heißt es im Gesetz. Aber in der Realität klafft zwischen dem rechtlichen Anspruch auf gleichberechtigte Teilhabe und der Wirklichkeit eine gewaltige Lücke – obwohl neun Prozent der Gesamtbevölkerung schwerbehindert sind. Deutschland ist meilenweit von einer echten Barrierefreiheit entfernt.

Alleine die Situation bei der Bahn ist beschämend schlecht. Mehr als jeder dritte von über 5.400 Bahnhöfen ist immer noch nicht barrierefrei erreichbar. So auch der Messebahnhof in Köln-Deutz. Lediglich am Bahnsteig für die S-Bahnen wurde vor einigen Jahren ein Aufzug gebaut. Es gleicht einer Pfadfinderprüfung, bis man diesen gefunden hat. Dann muss man auch noch viel Glück haben, dass er auch funktioniert.

Dabei geht es längst nicht "nur" um Rollstuhlfahrer. Gerade in unserer zunehmend alternden Gesellschaft sollte Barrierefreiheit in einem Hochentwicklungsland wie Deutschland eigentlich kein Thema mehr sein. Senioren mit Rollator, Fahrradfahrer, Eltern mit Kinderwagen haben keine Möglichkeit, ohne Hilfe die fast 60 Stufen bis zu den Bahnsteigen zu überwinden. Alltägliche Tortur am zweitwichtigsten Bahnhof von Köln.

Zwar bietet die Deutsche Bahn für "mobilitätseingeschränkte Fahrgäste" an vielen Bahnhöfen einen Servicedienst an: "DB-Mitarbeiter unterstützen Reisende bei der gesamten Planung einer Bahnreise", wird auf der Bahn-Homepage für den Service geworben. Die Crux an der Sache: Fahrgäste müssen sich mindestens 24 Stunden vor Fahrtantritt anmelden, an Randzeiten gibt es den Service erst gar nicht. Im Gesetzestext steht allerdings: "Zugang und Nutzung von Verkehrsmitteln soll für behinderte Menschen jederzeit ohne komplizierte Vorkehrungen möglich sein, z.B. ohne langwierige vorherige Anmeldung oder Beantragung."

Cristian will von der Deutschen Bahn wissen, warum in Köln-Deutz keine Aufzüge gebaut werden. Nach mehrfacher Nachfrage schreibt eine Bahn-Mitarbeiterin dem 27-Jährigen einen unpersönlichen Absatz, der in dem Wortlaut auch auf der Homepage der Bahn zu lesen ist: Ein zentrales Anliegen sei es, "schrittweise Barrierefreiheit herzustellen".

Thomas Meyer vom Landesverband NRW für Körper- und Mehrfachbehinderte kennt die inhaltslosen Bahn-Floskeln allzu gut. Der 52-Jährige sitzt selbst im Rollstuhl und engagiert sich schon seit Jahren für mehr Rechte für Behinderte. Er berichtet von peinlichen Baufehlern: In einem aktuellen Fall sollte der Bahnhof in Lünen-Preußen (NRW) zu einem barrierefreien saniert werden. Am Ende stimmten allerdings Abstand und Höhenunterschied zwischen den Gleisen und den neu gebauten Bahnsteigen nicht. Bei den Vermessungsarbeiten hat sich der zuständige Planer verrechnet. Ergebnis: Mehrkosten in Höhe von mindestens 600.000 Euro. "Die Gelder werden sinnlos verschleudert", empört sich Meyer. "Ich frage mich ernsthaft für die sogenannten Fachleute, die das planen, ob sie manchmal darüber nachdenken, was sie da planen."

Eine ganz andere Sache, die Cristian und anderen Rollstuhlfahrern das Leben mindestens genauso schwer macht wie die fehlenden Rampen und Aufzüge, ist die Barriere in den Köpfen der Menschen. Zwar sei der Umgang mit Behinderten in den vergangenen Jahren um einiges besser geworden, aber Vorurteile und Berührungsängste bekommt Cristian immer noch tagtäglich zu spüren.

Neulich wollte er an einem Bahnhof eine Abkürzung nehmen, um keine Treppen nehmen zu müssen. Prompt war ein Bahn-Mitarbeiter bei ihm – nicht um zu helfen, sondern um ihn anzumeckern: "Das müssen Sie schon vorher überlegen, wie Sie zu Ihrem Ziel kommen. Hier dürfen Sie jedenfalls nicht lang." So musste Cristian solange warten, bis er von einem Freund vom Bahnsteig abgeholt werden konnte.

Trotz solcher Rückschläge sieht er optimistisch in die Zukunft: "Eines Tages werde ich bestimmt komplett barrierefrei reisen können." Bis es soweit ist, muss er sich jedoch weiter Hindernis für Hindernis durchs Leben kämpfen.