"Wenn du denkst, dass du alles gesehen hast..."

Griechische Küstenwache soll querschnittsgelähmten Flüchtling auf Mittelmeer ausgesetzt haben

Die griechische Küstenwache soll einen gelähmten Flüchtling auf einem Floß im Mittelmeer ausgesetzt haben (Symbolbild).
© picture alliance / JOKER, Alexander Stein, K

09. Oktober 2020 - 12:17 Uhr

"Aegean Boat Watch" veröffentlicht Bilder von querschnittsgelähmtem Flüchtling

Ein Mann auf einer Bahre wird von einem Floß auf dem Mittelmeer in ein Schiff der türkischen Küstenwache gehievt. Fotos zeigen, wie zwei Mitarbeiter die Bahre halten, während ein Kran sie nach oben an Deck zieht. Laut der Organisation "Aegean Boat Watch", die die Bilder veröffentlicht hat, ist er querschnittsgelähmt und von Einsatzkräften der Griechischen Küstenwache auf dem Floß ausgesetzt worden.

Flüchtling "wie eine Tüte Müll" vor Griechenland über Bord geworfen

Die Mitarbeiter der norwegischen Beobachtungsstelle "Aegean Boat Report" versuchen nach eigenen Angaben, neutral über Flüchtlingssituation in der Ägäis zu berichten. Doch die auf den Fotos dokumentierte Situation ist für den Verfasser des Posts nur schwer zu ertragen: "Wenn du denkst, dass du alles gesehen hast…", schreibt er und lässt seinem Ärger dann freien Lauf. Der gerettete Migrant habe zu einer fünfköpfigen Familie gehört, die von der türkischen Küstenwache vor dem Dorf Bademli an der Küste der Ägäis gerettet wurde. Dort trieben sie, weil die Mitarbeiter der griechischen Küstenwache sie in auf dem Rettungsfloß ausgesetzt hätten. "Man nimmt die Schwächsten der Schwachen, die Verletzlichsten, die man sich vorstellen kann, die Menschen, die sich total auf unseren Schutz verlassen, und wirft sie wie eine Tüte Müll über Bord", heißt es in dem Posting.

"Ein behinderter Mann wurde von der griechischen Küstenwache südlich vor Lesbos in ein Rettungsfloß geworfen, er konnte nicht einmal laufen, und sie brauchten einen Kran und eine Bahre, um ihn aus dem Rettungsfloß zu heben. Was für ein Mensch dazu fähig ist, ist mir egal, es ist kein Mensch", heißt es weiter. Er habe schon viel gesehen, aber dieses Verhalten "kotze ihn wirklich" an. Es sei, als lasse die griechische Küstenwache nichts unversucht, um ihre Grenzen vor den "Invasoren" zu schützen.

Mittelmeer bleibt tödlichste Seeroute der Welt

Im Mittelmeer sind bereits Tausende Migranten ums Leben gekommen. Laut dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR ertranken allein 2016 über 5.000 Menschen. 2017 sollen mehr als 3.100 Flüchtlinge ihr Leben gelassen haben. 2018 waren mehr als 2.200 Tote und Vermisste zu beklagen, während 2019 1.319 Menschen den Tod bei der Flucht über das Mittelmeer fanden. Die Anzahl der Ankünfte über die Mittelmeerroute sei stark gesunken (2016: 373.652 Menschen; 2019: 123.663 Menschen), dennoch bleibe der Weg über das Mittelmeer die tödlichste Seeroute der Welt.