Jesse Thistle kämpft sich zurück ins Leben - und wie!

Dieser Uni-Professor lebte auf der Straße, nahm Drogen und war kriminell

Jesse Thistle stand vor dem Trümmerhaufen eines gescheiterten Lebens und kämpfte sich zurück in die Gesellschaft.

27. Januar 2021 - 7:25 Uhr

Experte für die Kultur der indigenen Ureinwohner Kanadas

"From the Ashes", wörtlich "aus der Asche" - so heißt das Buch des Kanadiers Jesse Thistle. Man könnte es auch freier übersetzen: "Aus dem Dreck". Es ist die Geschichte seines Lebens. Denn Jesse Thistle war ganz unten - kriminell, drogenabhängig, obdachlos. Er stand vor dem Trümmerhaufen eines gescheiterten Lebens und kämpfte sich zurück in die Gesellschaft. Heute ist er Bestsellerautor, Geisteswissenschaftler, Assistenzprofessor und jeden Moment Doktor. Seine Promotion ist fast fertig.

Jesse hat selbst indigene Wurzeln

Doch wie wird aus einem Obdachlosen, der Crack raucht und Verbrechen begeht, ein anerkannter Experte für die Kultur der indigenen Ureinwohner Kanadas? Jesse hat selbst indigene Wurzeln. Sein Vater Sonny ist ein Herumtreiber, ein Trinker, ein Schläger. Eines Tages lernt Sonny auf der Flucht vor der Polizei eine junge Frau kennen. Blanche, ein Teenager-Mädchen aus der Gruppe der Métis-Cree. Sie verlieben sich, Blanche bekommt drei Söhne: Josh, Jerry und 1976 das Nesthäkchen Jesse.

Links Vater Sonny mit den drei Söhnen, rechts Mutter Blanche.
Links Vater Sonny mit den drei Söhnen, rechts Mutter Blanche.

Die Familie führt kein normales Leben, denn Vater Sonny ist ein Chaot, er schlägt Blanche, die schließlich vor ihm davonläuft. Mit ihren drei Söhnen lebt sie in der kleinen Stadt Moose Jaw. Blanche arbeitet, um sich und die Kinder durchzubringen, nebenbei studiert sie.

Vom Pflegeheim zu den Großeltern

Eines Tages taucht Sonny überraschend wieder auf. Er gibt sich geläutert, erzählt ihr, er habe Arbeit, lebe in der Großstadt Toronto. Er überredet Blanche, ihm die Kinder zu überlassen, damit sie sich eine Zeit lang auf sich selbst konzentrieren kann und nimmt die drei mit in die Stadt. Die Jungs sind noch klein, keine sechs Jahre alt. Sonny ist noch immer alkoholabhängig, lässt seine Kinder tagelang allein. Alles, was sie von ihm lernen, ist zu stehlen, Zigaretten zu drehen. Sie verwahrlosen.

Ein Nachbar bereitet dem Treiben schließlich ein Ende, indem er das Jugendamt einschaltet. Jesse ist kaum vier Jahre alt, als er und seine Brüder von der Polizei abgeholt und in ein Waisenhaus gebracht werden. Ihren Vater sollten sie nie wiedersehen, seit 1982 gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihm. Nach einer Zeit im Pflegeheim bekommen die Großeltern väterlicherseits das Sorgerecht für Josh, Jerry und Jesse. Vermutlich haben die Behörden nicht einmal in Erwägung gezogen, sie zu ihrer Mutter zu bringen.

"Ich fing an, mein Erbe zu hassen, mich selbst zu hassen und meine Mutter zu hassen"

"Indigene Frauen galten damals als unrein, ungeeignet und verfallen", sagt Jesse. Die Großeltern verboten Blanche sogar, ihre Kinder zu sehen. Über ihre indigenen Wurzeln wussten die Jungs wenig, auch wenn sich einer seiner Brüder daran erinnerte, dass er früher im Sommer in einem Tipi gelebt hat. Wasser auf die Mühlen einer weißen Gesellschaft voller Vorurteile. "Es gab keinen schnelleren Weg, um verprügelt zu werden, als weißen Kindern zu erzählen, dass man in einem Tipi gelebt hat", musste Jesse leidvoll erfahren.

Jesse Thistle kam mit vier Jahren in ein Waisenhaus.
Jesse Thistle kam mit vier Jahren in ein Waisenhaus.

Die Familien in der Nachbarschaft zögern, ihre Kinder mit den Brüdern spielen zu lassen. Eines Tages beschließt Jesse, dass es ihm das Leben leichter machen würde, wenn er behaupte, Italiener oder Portugiese zu sein. "Ich habe geleugnet, wer ich bin", sagt er. "Ich fing an, mein Erbe zu hassen, mich selbst zu hassen und meine Mutter zu hassen, weil sie nicht in der Nähe war. Ich hatte das Gefühl, sie hätte uns verlassen."

Trinken, Partys und Drogen sind ihm wichtiger als die Schule

Von da an gerät er in eine Abwärtsspirale, die erst viele Jahre später stoppt. Jesse fängt an, sich herumzutreiben. Schnell verliert er das Interesse an der Schule, richtig Lesen, Schreiben und Rechnen lernt er nie. An der High-School schließt er sich einer Bande an, die lieber Party macht. "Wir tranken, feierten, gingen aus und nahmen Drogen", sagt Jesse. Das habe schnell sein ganzes Leben bestimmt. Zu viel für seinen Großvater, einen Disziplinfanatiker alter Schule. Die Großeltern werfen ihn aus dem Haus.

Mit einem Freund macht er sich auf dem Weg nach Vancouver, wo sein Bruder Josh lebt. Der ist Polizist, wie praktisch. Jesse leiht sich Joshs Dienstausweis, um gratis Bus und Bahn fahren zu können. Und um Mädchen abzuschleppen. "Mädchen lieben die Polizei", so Jesse.

Das geht nicht lange gut – eines Tages kommt der Polizist nach Hause und erwischt seinen kleinen Bruder beim Drogenkonsum. Josh setzt ihn auf die Straße, im Wortsinn. Jesse ist jetzt 20 Jahre alt und obdachlos.

Jesse sieht das Gefängnis als letzten Ausweg

Irgendwann kehrt er nach Toronto zurück. Silvester 1999, nach tagelangem Drogenrausch schieben ihm Bekannte Klamotten unter, um Jesse den Mord an einem Taxifahrer anzuhängen. Er verstößt gegen den Straßencode, die Schweigepflicht gegenüber der Polizei und gilt fortan als Verräter. Aus Rache wird er zusammengeschlagen und übel verletzt. Sein Leben ändert er deswegen nicht.

Jesse Thistle hatte des öfteren Polizeikontakt.
Jesse Thistle hatte des öfteren Polizeikontakt.

Mittlerweile ist er bei seinem Bruder Jerry untergeschlüpft. Als er sich aus dessen Wohnung im dritten Stock aussperrt, kommt er auf die Idee, einzubrechen. Dabei stürzt Jesse in die Tiefe, bricht sich beide Handgelenke, die Ferse und den Knöchel. Seine Schmerzen bekämpft er mit Crack, bis er merkt, dass seine Zehen schwarz werden.

"Mein Fleisch begann zu faulen", erinnert er sich. Er sieht keinen anderen Ausweg, als ein Verbrechen zu begehen, um ins Gefängnis zu kommen. Für ihn der logische Schritt: "Ich bin dort sicher, habe einen Platz zum Ausruhen, Zugang zu Nahrungsmitteln und Medikamenten."

"Zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlte ich mich im Reinen mit mir"

Jesse überfällt einen Supermarkt, ist aber zu feige, sich wie geplant festnehmen zu lassen. Stattdessen haut er mit der Beute - kümmerlichen 40 Dollar - ab. Erst Tage später stellt er sich der Polizei, gesteht seine Tat und wandert in den Knast. Der Gefängnisaufenthalt sollte sich als Wendepunkt herausstellen. Er bekommt medizinische Hilfe für sein Bein, dass rasch heilt. Auch von den Drogen kommt er erstmal weg, auf die harte Tour, durch "kalten Entzug". Um sein Verlangen nach Crack zu dämpfen, bringt er sich selbst richtig Lesen und Schreiben bei.

Als Jesse aus der Haft entlassen wird, ist sein Ehrgeiz geweckt. Er besucht Kurse, lernt so banal klingende Dinge wie Benehmen, Hygiene und Manieren, die beim Leben auf der Straße in Vergessenheit geraten sind. "Zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren fühlte ich mich im Reinen mit mir", beschreibt er diese Zeit. Trotzdem bleibt ihm ein weiterer Rückschlag nicht erspart, er nimmt wieder Drogen, muss betteln und wird schließlich zu einem einjährigen Aufenthalt in einem Rehabilitationszentrum verurteilt.

Mutter Blanche meldet sich, doch Jesse hat "Angst vor Liebe"

Dort kommt es zu einem weiteren Wendepunkt in Jesses Leben – seine Mutter meldet sich. Die Annäherung zwischen ihm und Blanche ist ein schmerzhafter Prozess, mehrfach legt er auf, als sie telefonieren. Zu überwältigt ist er von seinen Gefühlen. "Ich hatte nur Angst, abgelehnt zu werden, und Angst vor Liebe", so Jesse. "Aber es war ein wunderschönes Gespräch - es war wie ein Regen, der die Prärie nach einer langen Dürre löschte, so fühlte es sich an."

Auch seine Großmutter meldet sich, aus deren Haus er vor zwei Jahrzehnten geflogen war. Sie liegt im Sterben, nimmt Jesse ein Versterben ab: "Mach diese Ausbildung weiter, gehe zur Universität und gehe so weit, wie du kannst." Er besucht sie, nimmt sie in den Arm, als er ihr das Versprechen gibt. Zwei Wochen später stirbt sie. Das Versprechen, dass Jesse ihr gibt, überlebt.

Lucie unterstützt Jesse und hilft ihm bei der Jobsuche

Lucie und Jesse als glückliches Paar bei Instagram.
Lucie und Jesse als glückliches Paar bei Instagram.

Nach dem Tod der Großmutter meldet sich Lucie, um ihr Beileid zu bekunden. Lucie ist eine alte Schulfreundin von einem seiner Brüder. Die beiden werden erst ein Liebes-, dann ein Ehepaar. Lucie unterstützt ihn, hilft ihm bei der Jobsuche, ermutigt ihn, zur Uni zu gehen. Jesse ist nicht religiös, aber er glaubt an Schicksal, ist überzeigt, dass seine Großmutter ihm Lucie als "Rettungsring" geschickt hat.

Jesse und Lucie am Tag ihrer Hochzeit im Jahr 2012.
Jesse und Lucie am Tag ihrer Hochzeit im Jahr 2012.

Jesse ist 35 Jahre alt, als er 2012 beginnt zu studieren. Geschichte, an der York-University in Toronto. Er kommt sich vor wie ein Greis. "Es war erschreckend. Ich hatte einen Stift und einen Block Papier mitgebracht, um Notizen zu machen, und überall waren diese Kinder. Sie hatten Laptops und Smartphones", sagt er.

"Ich der alte Mann unter all diesen kleinen Kindern war, die viel, viel schlauer waren als ich. Ich saß vorne und niemand wollte mit mir reden." In seinem zweiten Jahr an der Uni schreibt er eine Arbeit über seine Familiengeschichte. Nimmt Kontakt mit einer Tante auf. Durch sie erfährt er, dass unter seinen Ahnen politische Führer und Widerstandskämpfer sind. "Das hat mich so stolz gemacht, dass ich immer mehr wissen wollte" sagt Jesse.

Mutter Blanche ist jetzt seine Mitarbeiterin

Ein Professor ist so angetan von Jesses Arbeit, dass er ihm eine Stelle als Assistenzprofessor anbietet. Er macht Karriere als Wissenschaftler. Sein Studium schließt er als bester Student seiner Fakultät ab. Inzwischen ist seine Promotion fast abgeschlossen. Jesse lehrt nun indigene Geschichte als Assistenzprofessor an der York University.

Mutter Blanche mit Jesses jüngerem Bruder Daniel aus einer späteren Beziehung.
Mutter Blanche mit Jesses jüngerem Bruder Daniel aus einer späteren Beziehung.

Seine Mutter Blanche ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei ihrem Sohn. "Ich glaube nicht, dass ich diesen Zugang ohne sie hätte. Es ist großartig, weil wir unsere zerbrochene Beziehung als Sohn und Mutter aufarbeiten können", sagt er. "Es ist nicht immer einfach, aber es ist wunderschön. Wir freuen uns einfach, in der Gesellschaft des anderen zu sein. Ich sage, dass unsere Forschungsmethodik auf Liebe basiert."

Mit Material von: BBC, CBC, Toronto Star, Toronto Sun